Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Jung, wild, national

Landkreis / 7. Tag Jung, wild, national

Sie plakatieren, sprühen, warnen vor dem „Volkstod“ durch die Demokratie. Und wenn jemand anderer Meinung ist, schlagen sie zu. In Bückeburg hat sich eine Neonazi-Gruppe gebildet, deren Mitglieder kaum älter als zwanzig sind. Viele gehen noch zur Schule. Die Polizei spricht von einem Jugendkonflikt zwischen Mitgliedern der rechten und der linken Szene. Die Opfer fühlen sich ignoriert. Ist Bückeburg braun?

Voriger Artikel
Ist Bückeburg braun?
Nächster Artikel
Erste Schritte für „Bildungsbüro“ sind gegangen

Wenn Bückeburg überregionalen Medien eine Erwähnung wert ist, hat das meist mit dem Haus zu Schaumburg-Lippe zu tun. Ein Kind ist dann geboren, oder die Landpartie wurde eröffnet. Oft geht es um harmlose Personality-Geschichten für den Boulevard, die auch noch den angenehmen Nebeneffekt haben, für das Schloss als Touristenziel zu werben.

Weniger begrüßenswert ist es da, die Residenzstadt als Neonazi-Hochburg hingestellt zu sehen, wie es jüngst vermehrt geschehen ist. Da klingeln Fernsehreporter an den Türen stadtbekannter Rechtsradikaler, worauf die Heimgesuchten – wer hätt’s gedacht – ihnen mehr oder weniger direkt körperliche Konsequenzen androhen. Die Botschaft ist eindeutig: Bückeburg, sagen die Macher, steht das braune Sumpfwasser bis zum Hals.

Zwar umweht auch diese Art der Berichterstattung ein Hauch von Boulevard. Tatsache ist solch reißerischen Tendenzen zum Trotz aber, dass weder die Opfer rechter Gewalt, noch deren Eltern, noch Menschen, die sich in Bückeburg gegen die Rechtsradikalen engagieren, namentlich in der Zeitung genannt werden möchten. Keiner der Befragten macht einen Hehl daraus, dass sie groß ist, die Angst vor ... nun, körperlichen Konsequenzen.

Bisher betrifft der Konflikt – das jedenfalls behauptet die Polizei – ausschließlich junge Menschen, die sich politisch dem radikal rechten oder linken Spektrum zugehörig fühlen. Sie sind „Nationale Sozialisten“ oder „Antifa“. Die ermittelnden Beamten beharren entsprechend auf ihrer Darstellung zweier rivalisierender Jugendbanden, die sich gegenseitig zu ihren Taten anstacheln. Uwe Baum, Leiter des Staatsschutz-Kommissariats bei der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg, glaubt gar, die Neonazis hätten sich mit aufgeklebter und gesprühter Propaganda im Bückeburger Stadtbild in Reaktion auf die Präsenz der dortigen „Antifa“ zu Wort gemeldet, die wiederum seit dem ersten sogenannten „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf verstärkt in Erscheinung getreten wäre.

Ob nun das Huhn oder das Ei zuerst da war, dürfte Jugendlichen, die sich aus Angst vor rechten Gewalttätern nicht mehr vor die Haustür trauen, relativ egal sein. Ihre Eltern treffen sich seit Kurzem auf Initiative eines Vaters regelmäßig zu einem Gesprächskreis. „So“, sagt der Mann, dessen 16 Jahre alte Tochter das Gymnasium Adolfinum besucht, „kann es nicht mehr weitergehen.“

„Dem haben sie den Kopf kaputt getreten“

Inzwischen studiert Julia in Hannover. Politik und Anglistik. Sie mag ihr Fahrrad, aber wenn sie in Bückeburg zu Besuch ist, fährt sie nur mit dem Auto. Sie hat Angst, in eine Gruppe von „denen“ zu laufen.
Jens hat kein Auto. Wenn er niemanden findet, der ihn mitnimmt, bleibt er zu Hause. Auch am Wochenende. „Ich geh hier nachts bestimmt nicht allein durch die Straßen“, sagt der 18-Jährige. Er weiß, dass die Neonazis ihn kennen. Sie haben in seinem Elternhaus eine Fensterscheibe eingeschmissen, morgens um drei. Jens‘ Mutter war zunächst erschrocken, aber im Nachhinein nicht überrascht. Anderen war das bereits zuvor passiert. Jetzt hat sie sich dem jüngst in Bückeburg gegründeten Gesprächskreis angeschlossen.

Einige Wochen vorher hatten ihr rechtsradikale Jugendliche etwas hinterhergerufen, als sie mit dem Fahrrad vom Einkaufen zurückkam. „Da beginnt man zu verstehen, wie die Kinder sich fühlen“, sagt die Mutter. Auch wenn „die“ sich an Eltern nicht herantrauten. „Hoffe ich jedenfalls“, sagt sie und lacht verunsichert.

Jens ist in der „Antifa“. Für die Neonazis macht ihn das zum Linken, zur „Zecke“, zur Zielscheibe. „Aber das hat nichts mit Antifa zu tun“, sagt Julia. Es könne jeden treffen, der „irgendwie alternativ“ aussehe. Oder jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der so aussieht, als könnte er jemanden kennen, der in der „Antifa“ ist. Die 19-Jährige selbst ist in ihrer Schulzeit in Bückeburg von den Rechtsradikalen bespuckt und bepöbelt worden.

Dass man nicht ausdrücklich „gegen Nazis“ sein muss, um ins Visier genommen zu werden, bestätigt der 21-jährige Stefan. Der junge Mann zum Beispiel, der im vergangenen Jahr auf dem Erntefest in Scheie verprügelt wurde und dabei schwere Verletzungen davon trug, sei „nur irgend so ein Skatertyp“ gewesen. Stefan zufolge ging die Tat auf das Konto von Rechtsradikalen. „Aber die Polizei hat nicht anerkannt, dass das Nazis waren“, sagt er. Der Vorfall sei behandelt worden wie „irgendeine Zeltfetenprügelei“, und so habe es dann auch in der Zeitung gestanden. „Als ob Leute, die sich mal in einer Bierlaune kloppen, so was machen“, sagt Stefan und tippt sich an die Stirn. „Den mussten sie mit dem Hubschrauber abholen, weil sie ihm den Kopf kaputt getreten hatten.“ Das Verhältnis zur Polizei ist schwierig und von Misstrauen geprägt. Ausgesagt wird kaum, was die Beamten ärgert – vor allem, wenn die Betroffenen zunächst die Mitarbeit verweigern und es im Nachhinein heißt, die Staatsgewalt sei auf dem rechten Auge blind.

Allerdings, sagt Stefan, gibt es für diese mangelnde Kooperationsbereitschaft einen guten Grund. „Wenn etwas aktenkundig wird, schicken die ihre Szeneanwälte“, erklärt er. „Die bekommen Akteneinsicht. Und dann haben sie Deine Adresse.“ Ungläubig berichten junge Bückeburger, wie schnell sich das rechtsradikale Gedankengut in der Stadt verbreitet hat. Dennis, der inzwischen im Kreis Minden-Lübbecke zur Schule geht, hat seinen Realschulabschluss auf der Herderschule gemacht. „Erst waren das zwei oder drei“, erinnert er sich. „Dann haben die sich verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht, innerhalb von ein paar Wochen.“ Dennis trägt die Haare lang, Jeans und Turnschuhe sind zerschlissen. Er sieht aus wie eine „Zecke“. Darum ist er in der Pause nie auf den Schulhof gegangen, gegessen hat er in der Innenstadt.

Wenn es Ziel der Neonazis ist, den öffentlichen Raum zu besetzen und Andersdenkende zu vertreiben, dann scheint ihre Strategie in Bückeburg aufzugehen. Einen Freund von Stefan, der sich bekennend gegen die Neonazis engagierte, hat dieses Engagement die Schneidezähne gekostet. „Der studiert jetzt weit weg und will von Politik nichts mehr wissen“, sagt Stefan. „Der hat einen Schock fürs Leben.“ Verübeln könne er seinem Bekannten dessen Rückzug nicht. Das Gesicht sei damals aufgrund der dicken Schwellungen nicht mehr zu erkennen gewesen.

„Ich mach noch meine Ausbildung zu Ende, und dann bin ich weg“, sagt Stefan. „Ich hab‘ die Schnauze voll.“ Zur von der Polizei geäußerten Hoffnung, dass der immer wieder beschworene „Rechts-Links-Konflikt“ mit diesem Weggang der Beteiligten, einem Herauswachsen aus der Szene, enden könnte, sagt der junge Mann: „Die erste Generation der Nazis von der Herderschule ist jetzt zum Beispiel auf der BBS in Stadthagen. Schauen Sie sich einfach die Parolen an, die da an den Wänden kleben.“

 → Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

„Rempeleien hat es immer gegeben“

Ihre Schule sieht sie zu Unrecht an den Pranger gestellt „Wir haben hier keine Atmosphäre der Angst“, sagt Christiane Marx, Leiterin der Herderschule in Bückeburg. Ein NDR-Bericht hat kein gutes Bild von der Situation in der Realschule gezeichnet, die darin quasi als Quelle des jugendlichen Rechtsradikalismus in Bückeburg hingestellt wurde. Zwar sei nicht zu leugnen, dass es Neonazis an der Schule gebe, die ihre Gesinnung in der Kleidung oder auch durch Äußerungen im Unterricht zur Schau trügen. Marx sehe jedoch kein grundsätzliches Problem mit rechter Gewalt – auch wenn die Schulleiterin sich nicht dafür verbürgen möchte, „jede Rempelei auf den Gängen“ im Blick zu haben. „Außerdem hat es Rempeleien immer gegeben“, sagt Marx. Schüler hätten ihr nach dem Fernsehbericht versichert, für wie übertrieben sie dessen Darstellungen gehalten hätten. „Unsere Schule wurde da als Nazi-Schule hingestellt“, habe einer geschrieben. „Und das ist sie nicht.“

Bückeburg-Minden: Die braune Achse

Zu den Führungsfiguren der Neonazis in Schaumburg (und angrenzenden Regionen) zählte seit Langem Marcus W. Bevor er nach Minden umzog, hatte er in Lindhorst gewohnt, im Haus eines ebenfalls bekannten Neonazis. Seit jeher gibt es enge Verbindungen zwischen den Milieus der Rechtsextremisten in Schaumburg und in Ostwestfalen. So soll mit Marcus S. kürzlich ein weiterer Spitzenmann der „Nationalen Offensive Schaumburg“ in das angrenzende Nordrhein-Westfalen umgezogen sein. S. hat wegen Totschlags mehrere Jahre im Jugendgefängnis gesessen; derzeit soll er sich wieder in Haft befinden.

Das Fernsehmagazin des „Spiegel“ benannte Marcus W. im November des vergangenen Jahres als eine Art Spiritus Rector jenes Neonazi-Trupps, der Bückeburgs Bürgerschaft verunsichert. Vor der Kamera kommentierte W. diesen Verdacht lediglich mit einem verächtlichen Grinsen. Im vergangenen Jahr zählte Marcus W. zu jenen Rechtsextremisten, die am „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf teilnahmen. Gesichtet wurde er überdies in Stadthagen, als die Hooligan-Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“ in einer Rockerkneipe ein Konzert gab. Angeblich finanziert Marcus W. seinen Lebensunterhalt, indem er Konzerte mit Bands aus dem Rechtsrock-Milieu veranstaltet. Behördlich tauchte sein Name häufig auf, weil er seinen Gesinnungsgenossen für Konzerte und Kundgebungen als Anmelder diente.

In der Folge der „Spiegel TV“-Sendung zitierte das „Mindener Tageblatt“ Marcus W. mit der Ankündigung, „zukünftig nicht der Namensgeber, Ideengeber oder geistige Brandstifter für Personen, Gruppen oder Parteien gleich welcher politischen Strömung“ zu sein. Wie ernst es W. damit ist, muss zunächst offenbleiben. Sicher ist: Von der Organisation einer rechtsextremistischen Demo in Bielefeld am Heiligabend 2011, die er zunächst angemeldet hatte, zog sich Marcus W. letztlich zurück.

Eine neue Generation Rechtsradikaler

2009, sagt der Leiter des Staatsschutzes der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg, Uwe Baum, hätten ihm erste „vage Hinweise“ auf „eine ganz junge Neonazi-Szene“ in Bückeburg vorgelegen. Dieser Nachwuchs habe offenbar ein Vakuum gefüllt, das die Auflösung der Kameradschaft „Nationale Offensive Schaumburg“ (NOS) hinterlassen hatte. Die NOS hatte sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts formiert und war vom derzeit in Minden wohnhaften Neonazi Marcus W. gegründet worden (siehe Text „Die braune Achse“).

Im August 2010 wird in Bückeburg ein „linksgerichteter“ junger Mann von Neonazis verprügelt, in der Folge kommt es zu mehreren rechtsradikal motivierten Straftaten. Bei den Ermittlungen, so Baum, sei die Polizei dann auf Namen gestoßen, die den Verdacht des Vorjahres bestätigt hätten. „Wir haben damals gezielt das Gespräch mit den Tätern gesucht und haben auch mit den Eltern gesprochen“, erinnert sich der Staatsschutz-Beamte. Ziel sei es gewesen, sich entwickelnde Strukturen zu stören, bevor diese sich verfestigen konnten. Gefruchtet hat das nicht. Im März 2011 tauchte eine Seite der „Autonomen Nationalisten Bückeburg“ im Internet auf.

Im Kern, so Baum, handele es sich um 15 junge Männer zwischen 15 und 21 Jahren, über Mitläufer und Sympathisanten könnten keine genauen Angaben gemacht werden. Gleiches gelte für die Einbindungen in überregionale Neonazi-Strukturen, allerdings sei es schon vorgekommen, dass die Polizei hiesige Rechtsradikale bei Veranstaltungen im Stadtgebiet von Hannover angetroffen habe. Zudem finden sich im Internet-Auftritt der „Nationalen Sozialisten aus Bückeburg“, wie sie sich inzwischen nennen, Links zu Gruppen wie „Besseres Hannover“ und „Westfalen Nord“.

Seit einer Spitze der Straftaten aus dem rechtsradikalen Bereich im Januar ist es derzeit verhältnismäßig ruhig. Ralf Burzlaff vom Bückeburger Polizeikommissariat setzt auf den Präventionsgedanken. In der Herderschule hat die Polizei sich in der vergangenen Woche unter anderem mit den Lehrern und Vertretern der Stadt zusammengesetzt, um über das Problem zu sprechen. Die Polizei zeige vermehrt Präsenz an den Schulen, aber auch im Bereich der Bückeburger Innenstadt. Möglich werde das durch Unterstützung durch die hannoversche Bereitschaftspolizei.

Diese zweitweise personelle Aufstockung scheint bitter nötig zu sein, denn auf die Vorwürfe betroffener Jugendlicher, die Polizei sei bei Bedrohungen durch Neonazis nur zögerlich erschienen, entgegnet Burzlaff, dass zum Beispiel gleichzeitig ein schwerer Unfall passiert sein könnte. Auch Burzlaff spricht vom Bückeburger „Rechts-Links-Konflikt“, in dem die Polizei keine Parteilichkeit zugunsten einer der Gruppen kenne, sondern gegen Straftäter vorgehe – unabhängig von deren politischer Motivation.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Eine gute Tradition findet regelmäßig ihre Fortsetzung – die „Aktion Weihnachtshilfe“. In der Vorweihnachtszeit rufen die Schaumburger Nachrichten unter dem Motto „Schaumburger helfen Schaumburgern“ jedes Jahr zu Spenden für bedürftige Menschen im Landkreis auf. mehr

Schaumburg