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Aus dem Landkreis Kirchenaustritt: Oma ergreift Partei für ihre schwulen Enkel
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Kirchenaustritt: Oma ergreift Partei für ihre schwulen Enkel
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00:20 19.04.2015
Quelle: Archiv
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Landkreis

In ihrem Schreiben bringt die Schaumburgerin ihre Bestürzung über die Aussagen Cochlovius’ zum Ausdruck. „Homosexuelle als Sünder zu bezeichnen und Heilung anzubieten, ist unverantwortlich“, steht für sie fest. Da ihre beiden Enkel in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lebten und die Kirche einen „Aufschrei“ bisher habe vermissen lassen, bleibe ihr keine andere Wahl, als nach 84 Jahren aus der Kirche auszutreten.

„Das können ruhig ein paar Leute erfahren“, habe sie zu ihren Enkeln gesagt, nachdem diese den Brief „abgesegnet“ hatten. Die Folgen der Veröffentlichung konnte Marie zu diesem Zeitpunkt nicht abschätzen. Mehr als 4500 Mal wurde der Beitrag im Internet geteilt, knapp 20 000 Personen drückten „Gefällt mir“. Unzählige Nachrichten habe sie erhalten. „Die Leute schreiben von überall, aus München und sogar aus Österreich“, wundert sich die 84-Jährige über die vielen Reaktionen auf Facebook. Auch überregionale Medien haben über ihren Brief berichtet.

„Dabei wollte ich gar nicht im Rampenlicht stehen“, sagt die Rentnerin und klingt dabei fast ein bisschen verzweifelt. Aber sie habe sich einfach „so darüber geärgert“.
Die Enkel fahren mit ihr regelmäßig in die nahen Supermärkte, tragen die Einkäufe ins erste Obergeschoss. Sie helfen bei der Steuererklärung, bei Bankgeschäften. Und natürlich bei allen Fragen rund um den Computer.

Selbstredend habe sie das „Coming-out“ vor vielen Jahren erst einmal sprachlos gemacht, räumt sie ein. Aufgewachsen ist Marie noch mit dem berüchtigten, 1994 ersatzlos gestrichenen Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Schwule Enkel, und dann auch noch auf dem Lande, wo man doch Homosexualität – vermeintlich – „nur aus dem Fernsehen kennt“. Und dann die bange Frage: Was sagen die Nachbarn?

Gar nichts, stellte Marie fest. Negative Reaktionen habe es nie gegeben. Weshalb auch? „Meine Jungs sind doch die Besten. Und Gott hat uns doch nun mal alle so gemacht, wie wir sind.“

Leicht sei ihr der Schritt nach fast 85-jähriger Kirchenzugehörigkeit nicht gefallen, gibt sie zu. Aber: „Ich hatte erwartet, dass die Kirche reagiert. Doch da ist ja nicht viel passiert.“ Eine Woche nach dem Fernsehbericht über die umstrittene Äußerung des Pastors hat sie ihr Austrittsschreiben in den Briefkasten geworfen. „Wenn die Kirche nicht in Gang kommt, kann ich auch gehen“, habe sie sich gesagt. Ihren Glauben hat sie deshalb nicht aufgegeben. „Ich kann auch noch zu Hause beten.“

Mit Cochlovius selbst würde sie „gar nicht erst diskutieren wollen“. Allerdings wolle sie nicht, dass der Hohnhorster Pastor seinen Job verliert. „Er soll nur endlich aufhören, sich in Sachen einzumischen, die ihn nichts angehen.“

Und was meinen die Enkel? „Wenn so etwas vor der eigenen Haustür passiert, ist es noch einmal etwas anderes“, sagt einer von ihnen über Cochlovius’ Worte. Umso mehr gelte für seine Oma: „Wir sind richtig stolz auf sie.“ js

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