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Krankenhaus Rinteln: Siechtum von „existenzbedrohendem Ausmaß“

Landkreis Krankenhaus Rinteln: Siechtum von „existenzbedrohendem Ausmaß“

Das Krankenhaus Rinteln kommt nicht aus den roten Zahlen. Laut dem bislang unveröffentlichten Jahresbericht für 2011 hat das Haus ein Defizit von knapp unter vier Millionen Euro angehäuft; 2010 sind es sogar 4,6 Millionen Euro gewesen.

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Kommt nicht aus den roten Zahlen: Das Krankenhaus in Rinteln.

Quelle: rg

Von Arne Boecker

Rinteln. Die Krankenhausprojektgesellschaft (KHPG), die in Rinteln die Geschäfte führt, will das medizinische Angebot des wirtschaftsschwachen Hauses jetzt aufpeppen. Dass so etwas heutzutage kein Selbstläufer ist, beweist das geriatrische Angebot, das Rinteln vor zwei Jahren aufgebaut hat.

 Bis das Gesamtklinikum Schaumburer Land in Vehlen den Betrieb aufnimmt, versucht die Krankenhausprojektgesellschaft, die beiden kommunalen Krankenhäuser in Stadthagen und Rinteln sowie das Diakonie-Krankenhaus Bethel in Bückeburg so zu managen, dass sie – nach derzeitigem Kenntnisstand 2015 – im Gesamtklinikum Schaumburger Land aufgehen können.

 Im Klartext heißt dies: Die Defizite müssen runter. Das ist nicht leicht, wie das Geschäftsjahr 2011 belegt. Zu dem Rintelner Defizit von knapp vier Millionen Euro kommt ein Stadthäger Defizit hinzu, das zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro liegen dürfte.

 Beteiligt sind an der KHPG die bislang als Gesamtklinikums-Betreiber vorgesehene „pro Diako“ (52 Prozent) sowie Landkreis Schaumburg und Stiftung Krankenhaus Bethel (je 24 Prozent). Ralph von Follenius, Geschäftsführer der Krankenhausprojektgesellschaft, bezeichnet das Krankenhaus Rinteln als „wirtschaftliches Problemkind“. Auf einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung hat er kürzlich angekündigt, dass die KHPG nun für Rinteln Geld in die Hand nehmen wird. Der Manager machte in Optimismus: Rinteln sei „kein sterbender Schwan“. Wie das kranke Krankenhaus gesunden soll, darüber macht der Manager öffentlich jedoch keine Angaben.

Rinteln kein „sterbender Schwan"

 Genaueres besprach eine illustre Truppe, die jüngst eine Runde durch das Krankenhaus Rinteln drehte. Die Spitze der Krankenhausprojektgesellschaft traf sich mit der Leitung des Krankenhauses, um vor Ort darüber zu diskutieren, wie die Einrichtung in den nächsten zwei, drei Jahren so geführt werden kann, dass das Defizit sinkt. Unter anderem sollen in Rinteln künftig elektrophysiologische Untersuchungen (EPU) angeboten werden. Bei der EPU werden den Patienten Katheter eingesetzt, die derart detaillierte Daten über Herzrhythmusstörungen liefern, dass das Problem schnell mit Medikamenten oder per Stromstoß behoben werden kann.

 Der Aufbau einer elektrophysiologischen Untersuchung kostet etwa eine Million Euro; dies ist der reine Gerätepreis. Fraglich ist allerdings, ob die Patienten das neue Angebot in Rinteln so schnell annehmen, dass es bis 2015, wenn das Krankenhaus geschlossen wird, rote Zahlen in schwarze Zahlen umfärbt. Derartige EPU halten schließlich auch die Krankenhäuser in Bad Oeynhausen und Hannover vor (wenn auch nicht das Klinikum Minden). Außerdem muss man derartige Neuheiten klug und mutig vermarkten. Gerade daran hat es in der Vergangenheit in Rinteln gemangelt.

 Wie schwer es in der heutigen Krankenhauswirtschaft ist, Marktanteile zu gewinnen, weiß niemand besser als die Leitung des Krankenhauses Rinteln. Seit 2010 unterbreitet man den Patienten ein geriatrisches Angebot, das sich „frührehabilitative Komplexbehandlung“ nennt. Hinter dem Buchstabenungetüm verbirgt sich ein simples Prinzip. Ein Patient, dessen Oberschenkelhals gebrochen ist, wird schon im Krankenhaus so weit wiederhergestellt, dass er hinterher nicht so lange in eine teure Reha-Maßnahme gesteckt werden muss. Das gefällt dem Patienten, und das gefällt denen, die sich um Kostendämpfung im Gesundheitswesen bemühen. „Frühmobilisierung multimorbider Patienten“ heißt die Methode im Ärztejargon.

 Die Hoffnungen auf das neue Angebot flogen in Rinteln hoch, auch bei den Kreispolitikern, die über das kommunale Krankenhaus entscheiden. Der demografische Wandel, der den Anteil Älterer und Alter an der Bevölkerung steigen lässt, ist schließlich zu einem Modewort aufgestiegen, mit dem sich vieles begründen lässt. Aber es reicht eben nicht, eine gute Idee zu haben, wenn man es nicht schafft, diese unters Volk zu bringen. 1400 Fälle wollen die Verantwortlichen auf mittlere Sicht in Rinteln „frühmobilisieren“. Im ersten Jahr – 2011 – sollten es schon mal 700 sein; tatsächlich wurden es nicht mehr als 40.

 Grundsätzlich schwächelt das Krankenhaus Rinteln jedoch seit Jahren. „Dort sind ständig medizinische Leistungen abgebaut worden“, sagt Ralph von Follenius von der Krankenhausprojektgesellschaft. Parallel dazu musste sich das Haus im Minus einrichten. Seit 2002 die Finanzierung von Krankenhäusern neu geregelt wurde, kommt Rinteln nicht aus den roten Zahlen heraus.

„Ständig medizinische Leistungen abgebaut"

 Das Krankenhaus steckt in einem Teufelskreis. Weil das medizinische Angebot nicht ausreicht (oder weil die Chefärzte keine guten „Klinkenputzer“ sind), überweisen die Rintelner Ärzte Patienten oft nach Hameln, Bückeburg, Bad Oeynhausen oder Minden, anstatt diese in das Krankenhaus am Rande der eigenen Stadt zu schicken. Ein Haus, das keine Erfolgsstory schreibt, hat es schwer, qualifizierte Ärzte zu finden.

 Um eine Abteilung wie die Chirurgie zu betreiben, die rund um die Uhr funktionieren muss, braucht man heute neun gute Ärzte: einen Chefarzt, zwei Oberärzte, sechs Assistenzärzte. Diese Besetzung fordert die Arbeitszeitverordnung. In Rinteln fehlen mindestens vier Ärzte, sie müssen durch Honorarkräfte ersetzt werden. Die sind in der Regel doppelt so teuer, außerdem binden sie als „Zeitarbeiter“ nicht so viele Patienten wie ein Arzt, der über Jahre – wenn nicht Jahrzehnte – Vertrauen aufbauen kann.

 Das System, über das sich deutsche Krankenhäuser finanzieren, erlaubt punktgenaue Rückschlüsse darüber, wie erfolgreich Abteilungen arbeiten – aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Die Währungseinheit dafür sind die „Casemix-Punkte“. Sie geben die Zahl und den Schweregrad der Krankheitsfälle an, die ins Haus kommen. Beispiel Chirurgie: Auf 1700 Punkte sollte man in Rinteln pro Jahr schon kommen, im vergangenen Jahr waren es aber lediglich 1300. Weil die Casemix-Punkte, multipliziert mit einem von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Faktor X, die Höhe des Budgets bestimmen, das die Krankenkassen den Krankenhäusern zuteilen, liegt hier einer der Gründe dafür, warum Rinteln im Defizit stecken bleibt.

 In einem laut Titelblatt „streng vertraulichen“ Gutachten haben die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC) im Oktober des vergangenen Jahres aufgeschrieben, wie das neu zu bauende Gesamtklinikum Schaumburger Land organisiert werden könnte. Die Seiten 23 bis 25 widmen sich dem Ist-Zustand im Krankenhaus Rinteln. Schon die Überschriften belegen, wie ernst die Lage auf dem Hopfenberg ist: Von „Rückgang im Leistungsbereich“, „Abbau beim Personal“, „steigendem negativem Finanzergebnis“ ist die Rede. Fazit von PwC: Die „Verschlechterung der Jahresergebnisse“ nehmen „ein existenzbedrohendes Ausmaß“ an. Die Prüfer wagen einen Blick in die nähere Zukunft: „Das Jahresergebnis verschlechtert sich im Planungszeitraum (2010 bis 2014, Anm. d. Red.) um durchschnittlich 6,6 Prozent pro Jahr.“ Die Aussichten sind laut PricewaterhouseCoopers düster: Das Jahresergebnis bleibe „kontinuierlich auf einem negativen und deutlich kritischen Niveau“.

 Mit anderen Worten: Wäre das Krankenhaus Rinteln ein Patient, würde den behandelnden Ärzten wohl nicht mehr allzu viel einfallen, um ihn wieder auf die Beine zu bringen.

177-jährige Geschichte

Die Geschichte des Krankenhauses Rinteln ist stattliche 177 Jahre alt. 1835 hatte der – damals noch hessische – Landesherr seinen Segen zum Bau gegeben, ein Jahr später begann der Betrieb an der Brennerstraße mit gerade mal zwei Ärzten. 1936 übernahm der Landkreis Schaumburg das Haus, 1966 zog es auf den Hopfenberg um. Heute haben sich die Kreiskrankenhäuser in Rinteln und Stadthagen organisatorisch zum Klinikum Schaumburg zusammengeschlossen. Beide Einrichtungen werden zu den Grund- und Regelversorgern gezählt, die unter dem Kostendruck ächzen, der bundesweit das Gesundheitswesen prägt. Das neue Gesamtklinikum Schaumburger Land ist dagegen als Schwerpunktversorger konzipiert.
In Rinteln verteilen sich 101 Betten auf Innere Medizin, Chirurgie und Anästhesie/Intensivmedizin; dazu kommt eine Hals-Nasen-Ohren-Abteilung, die von einem externen Arzt geführt wird. Die Gynäkologie wurde im vergangenen Jahr aufgegeben. 2011 sind in Rinteln 4000 Patienten stationär behandelt worden, zwei Drittel von ihnen in der Inneren Medizin. 2010 waren es noch insgesamt 4500, 2007 sogar 5400 gewesen. Zum Vergleich: Stadthagen lockt heute mehr als doppelt so viele Patienten an als Rinteln. Auch der Gesamtumsatz verharrt in Rinteln mit etwa 13 Millionen Euro etwa auf der Hälfte des Umsatzes, den Stadthagen schafft.
Wenn die Investoren des Gesamtklinikums Schaumburger Land in Vehlen den – mehrfach korrigierten – Zeitplan jetzt einhalten, wird die Geschichte des Rintelner Krankenhauses in seiner derzeitigen Form 2015 enden – 180 Jahre, nachdem sie begonnen hat.

KOMMENTAR

Von Uwe Graells

Das Krankenhaus in Rinteln ist – wirtschaftlich betrachtet – klinisch tot. Ein Desaster mit Millionendefiziten, jeder private Betreiber hätte schon vor Jahren die Reißleine ziehen müssen. In Rinteln aber steht der Landkreis mit in der Pflicht. Nur aus diesem Grund gibt es die Einrichtung überhaupt noch. Dabei haben die Menschen im Einzugsgebiet längst mit den Füßen abgestimmt. Sie orientieren sich seit Jahren in die neuen Häuser in Minden und Hameln – mit schlimmen Folgen für die Wirtschaftlichkeit des Rintelner Krankenhauses.
Wenn in dieser Phase ein erprobter Kliniksanierer wie Ralph von Follenius von großen Investitionen in den Standort Rinteln spricht, der – so irrwitzig ist die Realität – spätestens in drei Jahren geschlossen wird und in dem neuen Klinikum in Vehlen aufgehen soll, dann muss man genauer hinschauen. Die Wahrheit ist nämlich ganz einfach: Die Investitionen kommen aus drei Gründen. Es geht um Rechenspiele, Wohlfühlstimmung und die zwanghafte Notwendigkeit, Rinteln retten zu müssen.
Warum kauft man an einem siechenden Standort Geräte für eine Million Euro? Die Investition dient wohl nur einem Ziel: Vehlen schön zu rechnen. Der Retter „Agaplesion“ will nämlich in der Feldmark maximal 130 Millionen Euro investieren. Wie das gelingen soll, bleibt ein Rätsel, aber wenn teure Investitionen in Technik schon einmal vorab an einen alten Standort kommen, dann müssen diese später nicht mehr auf das Vehlener Konto gehen – und der Landkreis zahlt einen Teil der Zeche.
Die Manager und auch die Kreisverwaltung brauchen aber auch eine Wohlfühlstimmung im Kreistag. Sollte „Agaplesion“ die angeschlagene „pro Diako“ schlucken, könnte ein neuer Konsortialvertrag notwendig werden. Dazu bedarf es einer Mehrheit im Kreistag. Den Rintelner Vertretern in dem Gremium fällt es sicherlich leichter, die Hand dafür zu heben, wenn in ihr marodes Haus zuvor noch reichlich Kohle fließt – und der Landkreis zahlt einen Teil der Zeche.
Das Rintelner Krankenhaus muss aus Sicht der Manager überleben, bis der Neubau steht. Koste es, was und wie viel es wolle. Das gesamte Neubaukonzept in Vehlen, vom Land bewilligt und mit 90 Millionen bezuschusst, bezieht in allen Planungen und Genehmigungen den Standort Rinteln mit ein. Gäbe es diesen nicht mehr, wäre möglicherweise das gesamte Projekt auf null gestellt.
Mit wirtschaftlicher Vernunft hat dies nichts mehr zu tun. Das Prestigeprojekt in Vehlen soll mit aller Macht durchgezogen werden. „Agaplesion“ geht es vorrangig um das „90-Millionen-Geschenk“ des Landes. Der Kreis wiederum setzt auf eine Karte, die am Ende einen hohen Einsatz fordern könnte: die deutlich höheren Defizite an den bisherigen Standorten bis zu einem Neubau in Vehlen – und mögliche Verluste, sollte das neue Klinikum wirtschaftlich floppen. Ein Millionenspiel.
Sie erreichen den Autor  unter: sn-graells@madsack.de  

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