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Aus dem Landkreis Landwirte drängen auf schnelle Lösung bei Ferkelkastration
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Landwirte drängen auf schnelle Lösung bei Ferkelkastration
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22:44 11.02.2019
Landkreis

Die Landwirte wissen nicht, was auf sie zukommt. Derzeit sind mehrere Möglichkeiten im Gespräch, wie die Kastration schmerzfrei für die Tiere erfolgen könnte. Das Hauptproblem: Es bleibt nur wenig Zeit, um die Möglichkeit umzusetzen, die von heimischen Bauern und der die Bestände betreuenden Tierärztin als beste der sich bietenden Maßnahmen bevorzugt wird. Schaumburgs Landvolk-Vorsitzender Achim Pohl fordert ein schnelles Handeln der Politik.

Um sich ein Bild zu machen, haben der Landtagsabgeordnete Dirk Adomat (SPD) und der Bundestagsabgeordnete Johannes Schraps (SPD) den Betrieb des Ferkelerzeugers Jörg Bödecker in Hilligsfeld bei Hameln besucht. Es ist für den Bundestagsabgeordneten der zweite Besuch in einem Betrieb mit Muttersauen, Ferkelaufzucht und Mast. Vor geraumer Zeit hatte sich Schraps bereits bei Friedrich-Wilhelm Bisanz in Aerzen sachkundig gemacht. Ebenso wie Adomat lässt Schraps keinen Zweifel daran, dass umgehend eine Lösung gefunden werden muss: „Zwei Jahre sind schnell vorbei, einen nochmaligen Aufschub wird es mit uns nicht geben.“ Auch die Landwirte fordern baldige Klarheit und einen für sie praktikablen Weg.

Früher nahm man an, dass Ferkel noch kein ausgeprägtes Schmerzempfinden haben. Die Kastration durfte ohne Betäubung in den ersten acht Lebenstagen vorgenommen werden. Heute ist bekannt, dass Ferkel dann schon über voll entwickelte Schmerzrezeptoren verfügen. Zwar verläuft die Wundheilung bei früh kastrierten Ferkeln schneller und komplikationsloser als bei älteren Ferkeln, doch sie empfinden das Durchtrennen der Samenstränge als besonders schmerzhaft – deshalb das Verbot der Kastration ohne Betäubung.

Ferkelerzeuger Jörg Bödecker (von links) zeigt Karl-Friedrich Meyer, Dirk Adomat, Siegfried Schönfeld und Johannes Schraps ein kastriertes Ferkel. Foto: PJ

Werden männliche Ferkel nicht kastriert, bleibt die Mast der Eber mit der Schwierigkeit, das Fleisch vermarkten zu können. Beim nicht kastrierten männlichen Schwein besteht die Gefahr, dass das Fleisch geschmacklich nicht den Käuferwunsch trifft. „Eber sind nur an Groß-, nicht an kleinere Schlachtereien zu vermarkten“, sagt Bödecker.

Eine zweimalige Impfung kann den Ebergeruch verhindern. Diese Immunokastration muss im Abstand von mindestens vier Wochen, die zweite Impfung zwischen vier und sechs Wochen vor der Schlachtung erfolgen. Dadurch wird die Produktion von Sexualhormonen unterdrückt und kein oder nur wenig Androstenon gebildet. Sowohl die Mast der Eber als auch die Behandlung mit Hormonen halten heimische Ferkelerzeuger und Schweinemäster für nicht sinnvoll, da der Lebensmitteleinzelhandel sich gegen die Abnahme des Fleisches sperren werde.

Auch Politiker wie Schraps und Adomat „sind da ganz bei ihnen“. Während der Besichtigung der Stallanlagen in Hilligsfeld – an der neben den beiden Politikern auch die Tierärztin Isabel von dem Busche, Hameln-Pyrmonts Kreislandwirt Karl-Friedrich Meyer, sein Stellvertreter Horst-Friedrich Hölling, Schaumburgs Landvolk-Vorsitzender Achim Pohl, Landwirt Albrecht Brandes und Siegfried Schönfeld von der SPD 60plus in Bad Münder teilnehmen – geht es vor allem um die mögliche Kastration unter wirksamer Schmerzausschaltung.

Diese Narkose muss in Deutschland durch einen Tierarzt durchgeführt werden. Bei der chirurgischen Ferkelkastration sind drei Betäubungsverfahren möglich: Injektions- und Inhalationsnarkose sowie Lokalanästhesie. Sie dürfen nach den Vorgaben des Tierschutzgesetzes nur von einem Tierarzt durchgeführt werden. Zusätzlich ist die Gabe von Schmerzmitteln für die Behandlung des postoperativen Wundschmerzes notwendig.

Keine Zulassung für Deutschland

Die Injektion geht mit einer relativ langen Nachschlafphase einher. Die Alternative zur Injektionsnarkose ist die Inhalationsnarkose mit Isofluran, welche deutlich schneller zur Bewusstlosigkeit führt und eine sehr kurze Aufwachphase hat. Gegen Isofluran spricht nach Ansicht der Landwirte: Dämpfe sollen möglichst nicht eingeatmet werden, da sie Schläfrigkeit und Benommenheit verursachen und die Reaktionsfähigkeit mindern können. Außerdem gebe es Studien, die belegen, dass durch Isofluran-Aufnahme ein erhöhtes Krebsrisiko bestehe, die Fruchtbarkeit beeinträchtigt und eine verfrühte Erkrankung an Alzheimer ausgelöst werden könne.

In der Diskussion in Hilligsfeld wird auch die Lokalbetäubung angeführt, die in Dänemark praktiziert wird. Die Schulung der Landwirte erfolgt dort durch den Hoftierarzt. Dieses Konzept hat sich bewährt. Die Ferkel vertragen die Lokalanästhesie sehr gut und kehren schnell ans Gesäuge zurück.

Das Problem in Deutschland: Es fehlt die Zulassung für das Anästhetikum. Hölling erklärt: „Es ist Eile geboten. Meine Tiere werden in Niedersachsen geboren, wachsen in Niedersachsen auf und werden auch in Niedersachsen geschlachtet. Soll dies so bleiben und gewachsene regionale Strukturen erhalten bleiben, müssen wir die lokale Anästhesie hinbekommen. An meinen Schlachter kann ich nur kastrierte Tiere liefern.“ Damit dies alles noch klappen kann, sieht Adomat nur die Möglichkeit, das Zulassungsverfahren zu beschleunigen. Auch Tierärztin von dem Busche sieht in der Lokalanästhesie die beste und praktikabelste Lösung, die Mediziner betäuben die Tiere und die Landwirte kastrieren sie.

VON PETER JAHN

Landvolk-Chef fordert schnelles Handeln

Viele sind nicht übrig geblieben. Von fast 700 Sauenhaltern im Landkreis Schaumburg vor 30 Jahren haben nur 25 den Verdrängungswettbewerb überlebt. Tendenz weiter abnehmend. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, bringt Achim Pohl, Kreisvorsitzender des Landvolks, die Stimmung der heimischen Landwirtschaft auf den Punkt. „Momentan ist das Problem, dass die Politik einfach keine Entscheidung trifft.“

Das Thema der Ferkelkastration sei öffentlich so emotional besetzt, dass kaum ein Politiker sich daran traue. „Niemand will sich da die Finger schmutzig machen.“ Aber Landwirte seien keine ehrenamtlichen Nahrungsmittelerzeuger, sondern Unternehmer, die auch langfristig planen müssten. „Das ist der Juckepunkt.“ Dabei hätte die Politik eigentlich viele weitere Baustellen, um die sie sich kümmern müsse. Etwa beim Kupieren der Schwänze oder der Haltung in Kastenständen.

Für Pohl ist klar: Die Politik muss so schnell wie möglich den Weg für eine Zulassung der lokalen Anästhesie in Deutschland ebnen. „In Dänemark geht das schon. Jetzt kauft der deutsche Mäster keine deutschen Ferkel mehr, sondern dänische. So schaffen wir die Sauenhaltung in Deutschland ab.“

Allein für dieses Jahr prognostiziert Pohl bis zum Sommer einen Rückgang von zehn Prozent bei den Sauen in Schaumburg. „Die Landwirte haben einfach die Nase voll.“ Wenn bei der Kastration nicht bald Entscheidungen getroffen werden, dann würden auch die heimischen Landwirte Ferkel zukaufen müssen. „Und zwar aus Dänemark. Die dürfen ja kastrieren.“ jak