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„Manche glauben, sie kämen ans große Geld“

Stadthagen / Viele türkische Jugendliche begeistern sich für Fußballwetten „Manche glauben, sie kämen ans große Geld“

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es in Schule und Ausbildung oft nicht einfach. Der Sport verschafft Ablenkung und Anerkennung. Er kann aber auch zu einer Art Desintegrationsfalle werden. Vertreter der türkischen Gemeinden betrachten das Interesse vor allem junger Männer an Fußballwetten mit Sorge.

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Sportwetten sind unter türkischen jungen Männern etwas zu beliebt: Spielsucht kann die Folge sein, auch für Integrationsfragen ergeben sich Probleme.

Quelle: rg

Stadthagen (jcp). Gürler Cetin ist Pressesprecher des SV Union Stadthagen, dessen Kader nahezu ausschließlich aus Spielern mit Migrationshintergrund besteht. In der „1. Herren“, schätzt Cetin, gingen etwa 40 Prozent der jungen Türken regelmäßig in die Cafés, die Fußballwetten anböten. „Wenn mich beim Training jemand darauf anspricht, sag’ ich jedes Mal, hör’ endlich auf mit dem Scheiß und such’ dir lieber einen anständigen Job“, erklärt Cetin.
Das ist Teil des Problems: Viele der regelmäßigen Spieler, die den Stand ihrer Wetten auch schon mal online auf dem Laptop in der Umkleidekabine kontrollieren, sind arbeitslos, einige haben keinen Schulabschluss. Cetin: „Manche glauben wirklich, sie kämen damit irgendwann ans große Geld.“
Geködert werde die Kundschaft der Wettcafés oft sehr früh, im Alter von 12 oder 13 Jahren. Es lockt das Gemeinschaftsgefühl des Fußballguckens, auf Großbildschirmen laufen die Spiele der türkischen Liga. Andere Mattscheiben zeigen Wettergebnisse und -quoten. „Irgendwann wird nur noch darauf geguckt, der Fußball ist dann Nebensache“, weiß Cetin.
Über diesen Umweg geht es in die Spielsucht. Auch Gönül Maffert, Vorsitzende des Türkisch Alevitischen Kulturzentrums in Stadthagen, kennt das Problem – aus Elterngesprächen. „Vielen ist das peinlich“, hat sie festgestellt. Manchmal kämen auch die Nachbarn und erzählten: „Ich sehe den Sohn von dem und dem jeden Tag in diesem Laden.“ Grundsätzlich seien Jungen stärker betroffen, da sie in vielen türkischen Familien deutlich mehr Freiheiten genössen als Mädchen.
Im gerade renovierten Kulturzentrum steuere der Verein entgegen, indem Freizeitangebote für Jugendliche geschaffen würden, so Maffert. Dazu zählen neben Tischfußball und der Möglichkeit, Filme auf DVD zu schauen, auch die Gelegenheit, über Pay TV die türkische Fußballliga zu verfolgen. An dieser Stelle will der Verein den Wettbüros zuvorkommen. „Wenn sie 19, 20 Jahre alt sind, ist es für viele zu spät“, ist Maffert überzeugt.
Abgesehen von der Gefahr der Spielsucht birgt die Sportwetten-Kultur auch Probleme für die Integration. In den Cafés, weiß Union-Pressesprecher Cetin, „ist man unter sich“. Gesprochen wird türkisch.
Cetin spricht aus Erfahrung. „Vor etwa 15 Jahren, als plötzlich an fast jeder Straßenecke so ein Geschäft eröffnet wurde“, sei er selbst mal in einem gewesen und habe auch gewettet. „Hat mir aber nichts gegeben“, sagt der Vereinssprecher. „Das ist doch auf lange Zeit gesehen alles Beschiss.“

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