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Mandel-Bootcamp

Kolumne "Mein Landleben" Mandel-Bootcamp

Eigentlich wollte ich dieses Jahr gar nicht in den Urlaub fahren. Bis mich akute Meeres-Sehnsucht überkam. Weil der kurze Flug eher einer Busfahrt gleicht, war das Ziel klar: Mallorca geht immer.

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Landkreis. Bevor mein Mann und ich uns auf die Reise machten, fragten wir einen Freund, der dort eine Finca hat, ob er ebenfalls auf der Insel sei. Er lud uns ein. Zum Mandel-Bootcamp. Abends würde es Salat geben, schrieb er. Wir sahen uns an. Mandelernte? Das entsprach so gar nicht unserem Plan vom Nichtstun. Mandel-Bootcamp klang nach Schwerstarbeit. Wir entschieden uns. Für den Salat und gegen das Bootcamp. Vorsichtshalber machten wir uns erst am Nachmittag auf den Weg zur Finca.

 Als wir ankamen, häuften sich Berge von Mandeln um einen Tisch. Ein Mann saß im Halbschatten und pulte die Früchte aus ihrer aufgesprungenen Blatthülle. Eine Arbeit, die so aussah, als würde sie niemals enden. Trotzdem nahm ich eine Mandel in die Hand und schälte sie aus ihrer Hülle. Das ist mein Beeren-Sammler-Naturell. Schon zu Hause kann ich keine Kastanie oder Nuss liegenlassen. Zuerst pulte ich nur ein bisschen. Dann setzte ich mich mit einem eigenen Eimer neben den Mandel-Haufen auf den Erdboden. Der Finca-Besitzer brachte gekühlten Weißwein. Meiner wurde warm. Irgendwann sagte er, ich hätte genug Mandeln befreit. Ich machte noch einen Eimer. Auch mein Mann hatte sich hingehockt und füllte Eimer. Die Tochter des Finca-Besitzers zerschlug derweil gepulte Mandeln mit dem Hammer. Ich probierte das ebenfalls. Mandeln sind steinhart. Es dämmerte bereits, als das Abendessen fertig war. Der Tisch war üppig gedeckt, mit Salaten, Brot, Oliven und Weinkaraffen. Über die warme Hauswand huschten Geckos. Wir tranken Wein, aßen und redeten die halbe Nacht. Auch die geknackten Mandeln knabberten wir. Nicht nebenbei, sondern mit Genuss. Am Tag zuvor hatte ich noch am Strand eine ganze Tüte Mandeln inhaliert. Doch jetzt, da ich wusste, wieviel Schweiß in die Ernte einer einzigen Mandel geflossen war, nahm ich den Geschmack jeder Mandel wahr.

 Als wir die Finca verließen, bekamen wir einen Eimer Mandeln mit auf den Weg. Jeden Mittag schlage ich drei oder vier mit dem Hammer auf. Sie schmecken besser als alle anderen Mandeln, die ich jemals gegessen habe. Und Mandel-Bootcamp klingt für mich nicht mehr nach Schwerstarbeit. Mandel-Bootcamp, das ist Meditation und Achtsamkeits-Erfahrung. Vielleicht fliege ich nächstes Jahr wieder nach Mallorca. Zur Mandelernte. Besser kann man einfach nicht abschalten. Man denkt automatisch nur noch an Mandeln.

Anke Weber

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