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Mindener Fehler mahnen Schaumburgs Planer

Landkreis / Klinikum Mindener Fehler mahnen Schaumburgs Planer

Seit März 2008 steht das Johannes-Wesling-Klinikum auf der grünen Wiese zwischen Minden und Porta Westfalica. Die Eröffnungsfeier trübten seinerzeit zwei Zahlen: 200 Millionen Euro hatte man als Kosten veranschlagt, tatsächlich verschlang der Bau 287 Millionen Euro. Wie es zu diesem Anstieg kommen konnte, zeichnet ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von BDO aus Köln nach. Das 24-Seiten-Papier sollte man im Landkreis Schaumburg sehr genau studieren: Einige der Mechanismen, die die Kosten in schwindelerregende Höhen getrieben haben, drohen auch das Gesamtklinikum Schaumburg zu verteuern, das in Obernkirchen gebaut werden soll.

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Seit vier Jahren werden im Klinikum Minden Menschen gesund gemacht, beim Bau krankte es allerdings am Controlling.

Quelle: Foto: ab

Landkreis (ab). Das Johannes-Wesling-Klinikum (JWK), ein „Maximalversorger“, verfügt über 864 Betten. Das künftige Gesamtklinium Schaumburg, ein „Schwerpunktversorger“, will 437 Betten aufstellen. In beiden Fällen ersetzen die Neubauten Krankenhäuser, die aus wirtschaftlichen Gründen ausrangiert werden. Das JWK zählt zu einem Verbund von fünf Krankenhäusern, der sich „Mühlenkreis-Kliniken“ nennt. Das Sagen hat der Landkreis Minden. Der Landkreis Schaumburg will das Gesamtklinikum dagegen in die Hände der Diakonie geben.
Die Wirtschaftsprüfer von BDO üben scharfe Kritik an dem Mindener Bauprojekt.

Wie man mit der Methode Simsalabim Baukosten
runterrechnet

Die Finanzplanung vom 28. Mai 2002 sah als Kosten für Einrichtung und Ausstattung des Klinikums 31,5 Millionen Euro vor. Bis zum 12. Dezember desselben Jahres waren diese Kosten auf 2,4 Millionen Euro gesunken, der Wirtschaftsplan 2008 taxierte sie dann wieder mit 32 Millionen Euro.

Und in Schaumburg? „pro Diako“ aus Rotenburg (Wümme), der eigentlich vorgesehene Betreiber des Gesamtklinikums, sucht gerade nach Verstärkung, weil man sich wirtschaftlich verhoben hat. Im Gespräch ist eine Fusion mit „Agaplesion“ aus Frankfurt. Klar ist, dass sich durch diese Verzögerung eine Finanzierungslücke auftut. Die Gefahr besteht, dass sie geschlossen wird, indem man Kosten künstlich aus dem Plan herausrechnet.

Wie das Johannes-Wesling-Klinikum zur
„Sumpfklinik“ wurde

Auf die Risiken der baubegleitenden Planung wurde von den Planern nicht ausreichend hingewiesen“, heißt es auf Seite 7 des BDO-Gutachtens. Erst als die Bagger anrückten, stellten die Planer fest, dass sie im Urstromtal der Weser operieren. Also mussten 2000 Stahlpfähle, auf denen das Klinikum ruhen sollte, nicht zehn, sondern bis zu 39 Meter in den Boden gerammt werden. Mehrkosten: fast drei Millionen Euro.

Und in Schaumburg? Die Bürgerinitiative „Landschaftsschutz Schaumburg“ warnt, dass das Gesamtklinikum in der Vehlener Feldmark zur „Sumpfklinik“ zu werden droht, weil es im Überschwemmungsgebiet der Aue liegt. Die Planer sehen darin kein Problem.

Wie die Politik
den Planern
ins Handwerk pfuscht

Weil die nordrhein-westfälische Landesregierung das Krankenhausgestaltungsgesetz änderte, geriet die Förderung ins Rutschen, die sich die Mindener erhofft hatten. Laut BDO beträgt der Fehlbetrag 19,4 Millionen Euro. Er musste mit Krediten aufgefangen werden. Darunter wird der gesamte Mühlenkreis-Kliniken-Verbund noch lange zu leiden haben.

Wie Sparen
richtig teuer
werden kann

Weil die Ausgabe ins Uferlose zu steigen drohten, versuchten die Planer beim Bau des Johannes Wesling Klinikums Kosten zu kappen. Der Verzicht auf einen Generalunternehmer und der Einsatz von Billigarbeitern schuf aber neue Probleme. Unter anderem gelang es nicht, die Operationssäle keimfrei zu halten, weil die Belüftungsanlage nicht sachgerecht installiert worden war. Im Ergebnis hat jedes Bett, das heute im Johannes-Wesling-Klinikum steht, 327 000 Euro gekostet. Die Experten von BDO schreiben: „Uns bekannte Branchenwerte differieren zwischen 200 000 und 300 000 Euro pro Bett.“

Und in Schaumburg? Details zur Bauausführung sind bislang nicht bekannt. Allerdings: Schon heute lastet ein immens hoher Kostendruck auf dem Projekt - wie oben beschrieben.
Dem Fazit der Kölner Wirtschaftsprüfer ist eine gewisse Fassungslosigkeit zu entnehmen. Das „Mindener Tageblatt“ umschrieb dies so: „Die Verantwortlichen und die von ihnen Beauftragten waren mit dem Bau des Klinikums offenbar hoffnungslos überfordert.“ Manche Fragen konnten die Prüfer schlicht nicht beantworten, unter anderem weil die JWK-Planer DIN-Normen missachteten. Einen Verantwortlichen für die Gesamtkosten suchte BDO vergeblich.

Offen bleiben muss auch die Frage, wie hoch die Kosten sind, die die Planungsfehler seit Eröffnung des Johannes-Wesling-Klinikums ausgelöst haben und noch auslösen werden. Nicht zufällig haben die Prüfer von BDO auf die letzte Seite ihres Gutachtens ein riesiges Fragezeichen gerückt.

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