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Nur die Sonne ist Zeuge

Landkreis / Kino Nur die Sonne ist Zeuge

Der Weltuntergang kommt früher als gedacht. Er lässt sich sogar genau terminieren: Schon im Jahr 2016 ist die Klimakatastrophe da. Die Erde hat sich um zehn Grad erwärmt. Eine gnadenlose Sonne verbrennt jeden, der auch nur ein bisschen nackte Haut zeigt oder einen Moment zu lange in den Himmel blinzelt. Die Überlebenden sind mit riesigen Brillen und vermummt wie Wüstenreisende unterwegs, die Straßen gesäumt von Schutt, Toten und Baumskeletten. Der Staub kämpft mit dem grellen Licht. Die menschliche Zivilisation ist zusammengebrochen.

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Dieser Schienenstrang führt ins Verderben: Marie (Hannah Herzsprung) unterwegs in der Apokalypse.

Quelle: Paramount

Von Stefan Stosch

Es gehört schon einige Chuzpe dazu, die Apokalypse so nah an eine Gegenwart heranzurücken, die noch vollauf mit Euro-Rettung und Energiewende beschäftigt ist und in der existenzielle Bedrohungen einstweilen auf Wiedervorlage gelegt werden. Das gilt erst recht für einen Filmemacher, der noch keine 30 ist und nun sein Spielfilmdebüt vorlegt.

Der Münchener Drehbuchautor und Regisseur Tim Fehlbaum hat es dennoch gewagt und auch die nötige professionelle Unterstützung gefunden. Deutschlands Apokalypsespezialist in Hollywood, Roland Emmerich („Independence Day“, „2012“), wird als Produzent aufgeführt, ein Großverleih bringt „Hell“ mit vielen Kopien ins Kino, und erste Schauspielkräfte wie Hannah Herzsprung, Stipe Erceg und Angela Winkler machen mit beim Weltuntergang.

Man kann die Darsteller verstehen. So oft bietet das deutsche Kino ihnen nicht die Chance, die Überlebensinstinkte zu aktivieren. Rennen, schwitzen, schlagen, töten oder sterben: Das dürfen sonst vorzugsweise die Kollegen drüben in Hollywood in ihren hochgetunten Thrillern.

„Hell“ ist mit deutlich bescheideneren Mitteln inszeniert. Es handelt sich eher um ein Kammerspiel, das jedoch mit einer bedrohlichen, klaustrophobischen Atmosphäre aufgeladen ist. Die Welt ist in Hell und Dunkel gespalten, die Hitze kreischt schrill auf der Tonspur. Marie (Hannah Herzsprung), ihre kleine Schwester Leonie (Lisa Vicari) und Phillip (Lars Eidinger) sind auf der Flucht ins Gebirge. Die Fenster ihres Schrott-Volvos hat die Notgemeinschaft notdürftig mit Pappkartons abgeklebt. Das Trio hockt im Wagen wie in einer Höhle – oder wie in einem Gefängnis.

Im Gebirge soll es noch Wasser geben, haben sie gehört. Vielleicht geht das Leben doch noch irgendwie weiter? Vorausgesetzt der Sprit reicht. In einer verwüsteten Tankstelle treffen Marie und die anderen auf Tom (Stipe Erceg). Er bietet ein paar Kanister Benzin zum Tausch, sie nehmen ihn mit. Auch bei Begegnungen mit anderen Klimaflüchtlingen könnte Tom von Nutzen sein.

Denn die Reise ist gefährlich. Wenn der soziale Zusammenhalt aufgelöst ist, verwandeln Menschen sich in Raubtiere, werden nur noch von Urinstinkten getrieben. Jeder kämpft für sich allein, und jede Begegnung kann tödlich enden. In den eindringlichsten Momenten lockt „Hell“ etwas Archaisches aus den Menschen hervor.

Der Regisseur will es konkreter. Er lotst das ungleiche Quartett auf einen Bauernhof und kramt die Horror-Axt hervor: Das heimelige Gehöft hat sich in einen Schlachthof verwandelt. Geschlachtet werden Menschen. Andere Nahrung ist aus. Marie ist die Einzige, die ihre Gefährten noch retten kann. Aber dazu muss sie diese aus den Ställen ihrer zombiehaften Bewacher befreien (Matriarchin der Kannibalen: der einstige Peter-Zadek-Star Angela Winkler).

Kommt jemandem die Geschichte bekannt vor? „Hell“ wirkt wie ein auf Spielfilmlänge ausgedehnter und mit Lust ausgepinselter Ausschnitt aus der Romanverfilmung „Die Straße“, die Regisseur John Hillcoat vor zwei Jahren mit Viggo Mortensen in der Hauptrolle präsentierte. „Die Straße“ war die elaborierte Version des Weltuntergangs, „Hell“ liefert die handfeste Ausgabe mit ordentlichem Gruselfaktor – wenn auch ohne Splatterelemente.

Erstaunlich ist in jedem Fall die souveräne Handschrift des jungen Regisseurs. Beim Münchener Filmfest gab’s als Belohnung für Tim Fehlbaum den Förderpreis Deutscher Film. In „Hell“ kann der Kinobesucher der Klimakatastrophe endlich mal etwas Positives abgewinnen: Für knapp eineinhalb Kinostunden geraten die gerade aktuellen Euro-Rettungsversuche in Vergessenheit.

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