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Pädagogen protestieren

„Offener Brief“ der Personalvertretungen Pädagogen protestieren

An Schaumburger Gymnasien nimmt der Unmut unter den Lehrer zu. Anlass ist die Forderung der Landesregierung nach einer Stunde mehr Unterricht. Die Pädagogen wollen sich dies nicht gefallen lassen und stellen Forderungen an Rot-Grün. Der aktuelle Protest – ein offener Brief an die Landtagsabgeordneten – ist mit den Gewerkschaften jedoch nicht abgestimmt. 

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Ein Lehrer schreibt mit Kreide eine Formel an die Tafel.

Quelle: dpa

Landkreis. Heute dürfte bei 15 heimischen Politikern der „offene Brief“ der Personalvertretungen der fünf Schaumburger Gymnasien an die niedersächsische Landesregierung, die Forderung nach einem „echten Zehn-Punkte-Entlastungspaket“ im Briefkasten stecken. Adressaten sind auch die heimischen Landtagsabgeordneten.

 Den Zeitpunkt habe man deshalb gewählt, weil am 3. Juni die Schulgesetznovelle in Hannover „festgeklopft“ werden soll, schilderte gestern auf Anfrage Sabine Fischer, Personalratsvorsitzende am Gymnasium Adolfinum in Bückeburg: „Wir wollen noch etwas bewegen.“

 Eine mit den Gewerkschaften abgestimmte Aktion? Nein, betonte Olaf Reckeweg, Personalratsvorsitzender am Gymnasium Ernestinum in Rinteln. Das sei eine Eigeninitiative der Schaumburger Gymnasien.

 Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist man deshalb auch verwundert über diesen Alleingang der Gymnasial-Personalräte. Es ist nicht der Erste. Eine vergleichbare Aktion hat jüngst an den Gymnasien in Lüneburg stattgefunden.

 GEW-Geschäftsführer Richard Lauenstein in Hannover hält nichts von solchen „Sonderveranstaltungen“, die seien wenig „effektiv“. Da würden Probleme angesprochen, die für alle Schulformen gelöst werden müssten, nicht nur für Gymnasien. Das habe die GEW schon mehrfach deutlich formuliert. Auch der Philologenverband, die Lobby der Gymnasiallehrer zeigte sich über die Schaumburger Aktion nicht informiert.

 Ob die Grüne Landtagsabgeordnete Anja Piel die richtige Adresse ist, darf man bezweifeln. Denn Piel gilt nicht gerade als Freundin der Eliteschulen, nachdem sie im März verlautbart hatte, „Eltern mit hohem Einkommen“ wollten ihre Kinder immer noch von den „Schmuddelkindern“ fernhalten. An den Gymnasien würden sich „Unternehmerkinder zusammenrotten“.

 Doch Reckeweg hält ein Umdenken für möglich: Die Grünenpolitikerin habe nämlich inzwischen zugesagt, sie wolle einen Tag lang Lehrer am Gymnasium Ernestinum in Rinteln begleiten, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen.

 Was die Personalvertretungen der Schaumburger Gymnasien besonders ärgert: Zwar seien die Probleme seit 2014 bekannt, aber bisher habe keine wirkliche Diskussion stattgefunden, sondern es seien nur einzelne Maßnahmen „von oben“ nach „Gutsherrenart“ festgelegt worden.

 Was die Personalvertretungen der fünf Gymnasien in ihrem Brief fordern, ist im Prinzip so neu nicht, seit die in Hannover beschlossene Erhöhung der Arbeitszeit für Lehrkräfte im Herbst vorigen Jahres eine erste Protestwelle der Pädagogen im Land ausgelöst hat. Die Landesregierung hatte im Gegenzug ebenfalls 2014 ihr Zehn-Punkte-Entlastungspaket für Lehrkräfte veröffentlicht.

 Für Fischer sind das Maßnahmen, die im Einzelnen sinnvoll sein mögen, aber praktisch keine Auswirkungen auf die Arbeitsbelastung von Lehrkräften haben. Auch deshalb hätten die Personalvertretungen der Gymnasien dem jetzt ein „echtes“ Zehn-Punkte-Entlastungs-Paket entgegengesetzt.

 Eine Forderung der Kollegien der fünf Schaumburger Gymnasien ist unter anderem, die Klassengröße auf maximal 25 Schüler in der Mittelstufe und 18 in der Oberstufe zu senken. Die Landesregierung hatte die Klassengrößen nur von 32 auf 30 Schüler herabgesetzt.

 Die Gymnasiallehrer wollen weiter Entlastung von der ausufernden Bürokratie, um wieder „mehr Zeit für das pädagogische Kerngeschäft“ zu bekommen. Gefordert wird außerdem eine „angemessene Vertretungsreserve“, denn an den Gymnasien „werden durch Vertretungen jeden Monat Hunderte von in der Regel unbezahlten Überstunden geleistet“.

 Auch Schulleiter müssten entlastet werden, weil durch die Ganztagsschulen, die Inklusion, die Einrichtung der „Eigenverantwortlichen Schule“ eine erhebliche Mehrarbeit hinzugekommen sei.

 Der SPD-Landtagsabgeordnete Karsten Becker hat den Brief vorab am Montag schon per E-Mail bekommen. Karsten Becker nahm gestern dazu kurz telefonisch aus Cuxhaven Stellung, wo die SPD-Landtagsfraktion in Klausur tagte. Als positiv sieht Becker, dass mit der Liste konkrete Forderungen auf dem Tisch liegen, über die man diskutieren könne.

 Enttäuscht zeigte er sich, dass die Personalvertretungen nicht honorierten, dass die Landesregierung längst auf den Protest der Pädagogen reagiert habe.

 So sollen beispielsweise die Stellen für Schulpsychologen und Sozialarbeiter ausgeweitet werden. Für Lehrer ist an Ganztagsschulen jetzt auch Unterricht am Nachmittag möglich, was weniger Stress für Lehrer wie Schüler bedeute. Außerdem liege ein Angebot der Kultusministerin für die Anrechnung von Klassenfahrten auf dem Tisch.

 Schließlich sei auch mehr Fortbildung vorgesehen. Was die Gymnasiallehrer aber nicht unbedingt freut: Die geplante Aufstockung des Fortbildungsetats sei keine Entlastung, sondern zusätzliche zeitliche Belastung.

 Was Becker nicht sagt, aber weiß: Die Lage ist kompliziert. Vor allem deshalb, weil sich die Pädagogen der unterschiedlichen Schulformen untereinander als Konkurrenz verstehen. So sagen beispielsweise Lehrer an Förderschulen, „wenn sich jemand über Mehrarbeit und eine hohe Belastung beschweren könnte, dann wir“.

 Verursacht werden die Probleme auch durch den „Schülerberg“. Doch der wird nicht bleiben. Becker sagt, bis 2020 werde es landesweit aufgrund des demografischen Wandels rund 100.000 Schüler weniger geben. Und bis dahin soll im Land keine Lehrerstelle gestrichen werden.

 Gymnasiallehrer halten dagegen: Wir bekommen sowieso keine neuen Lehrer mehr. Die gehen alle an die Integrierten Gesamtschulen. wm

Schülerprotest

Dass viele Gymnasiallehrer aus Protest gegen die Mehrarbeit derzeit keine Klassenfahrten mehr veranstalten, hat am Dienstag zu landesweiten Protesten von Schülern geführt. Wie der Landesschülerrat dazu mitteilte, haben insgesamt rund 10 000 Gymnasiasten an Aktionen wie Sitzstreiks teilgenommen. „Wir fordern, dass der Boykott der Klassenfahrten endlich flächendeckend beendet wird“, hieß es in einer Resolution des Landesschülerrates.

„Heute konnten wir ein weiteres Zeichen setzen, das diesmal vor allem für Lehrkräfte sichtbar war in den Schulen. Die Sitzstreiks in den Schulen hatten auch die Funktion, sich ein Stückchen weggenommenes Klassenfahrten-Feeling wiederzuholen, indem man zusammen frühstückt und ein bißchen Gemeinschaft genießen kann“, meinte die Vorsitzende des Landesschülerrates Daniela Rump, „Als Lehrer arbeitet man mit Menschen und da würden wir uns schon etwas Sensibilität wünschen! Der Boykott bringt nichts, sondern schafft nur neue Probleme“, ergänzte Tjark Melchert, der stellvertretende Vorsitzende des Landesschülerrates. r

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