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Politischer Dino-Park

Landkreis / Mitgliederschwund Politischer Dino-Park

Sie sind praktisch Dinosaurier, die Kreisverbände der einstigen Volksparteien CDU und SPD in Schaumburg. Mehr als die Hälfte der SPD-Mitglieder ist älter als 61. Kaum ein Schaumburger zwischen 20 und 40 hat noch ein Parteibuch. Eine verheerende Kombination: Werden die Parteien auch wie die Dinosaurier aussterben?

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Quelle: dpa

Landkreis. Das Problem wird klar, wenn Klaus-Dieter Drewes, Vorsitzender der Schaumburger CDU, den Schwund von rund 100 Mitgliedern erklärt, die der Kreisverband zwischen 2012 und 2014 verloren hat. Zwar mag das eine oder andere Parteibuch dabei gewesen sein, das aus Wut zum Beispiel über den Gang in die Große Koalition in der Mülltonne gelandet ist. Aber vor allem, sagt Drewes, „hatten wir in letzter Zeit ziemlich viele Sterbefälle“.

Fast 640 der aktuell rund 1200 CDU-Mitglieder sind älter als 60. Zwar rücken auch jüngere Christdemokraten nach – nur eben viel zu wenige. Und so schrumpft der Verband. Fast allen Parteien geht es so, deutschlandweit. Einer aktuellen Studie zufolge waren 1986 noch 3,6 Prozent der Bundesbürger in Parteien organisiert. Inzwischen ist diese Zahl auf 1,8 Prozent geschrumpft.

Die Schaumburger SPD hat von ihren rund 2500 Mitgliedern im Jahr 2004 stetig welche verloren. Inzwischen kommen die Sozialdemokraten auf nur noch knapp über 1900 Mitglieder. „Akute“ Faktoren spielen beim Verlust eine Rolle. Zum Beispiel, sagt der Kreisverbandsvorsitzende Karsten Becker, habe es zum Jahreswechsel vermehrt Austritte gegeben, die mit dem Eintritt der SPD in die Große Koalition auf Bundesebene begründet wurden. Aber auch die Reihen des SPD-Kreisverbandes dünnen vor allem altersbedingt aus: Mitglieder sterben. 1057 der aktuell 1927 Schaumburger Genossen sind älter als 61. Unter vierzig sind nicht einmal 200.

Auch bei der FDP wirkt sich dieser Sterbeschwund aus. Nicht ganz so massiv, schätzt der Ex-Vorsitzende Ralf Kirstan. Das Durchschnittsalter gibt er mit etwa 50 an. Allerdings spielen die Liberalen, zumindest was die Größe des Kreisverbandes angeht, in Schaumburg auch eine untergeordnete Rolle. 61 Mitglieder gibt es derzeit nach Angaben des niedersächsischen Landesverbandes. Gerade sind zwei unter 20-Jährige dazugekommen, was Kirstan als einen kleinen Erfolg wertet.

Ähnlich wie bei anderen Kreisverbänden dieser Größenordnung fehlen für die offensive Mitgliederwerbung die Ressourcen. „Wir wollen politisch überzeugen und hoffen auf entsprechende Werbeeffekte“, sagt Kirstan. „Das bringt mehr, als Kugelschreiber und Luftballons zu verteilen.“

Gegen den Trend wachsen die Kreis-Grünen, wenn auch auf kleiner Flamme: Aus 86 Mitgliedern im Jahr 2000 sind inzwischen 123 geworden. Auch das Problem der Überalterung ist quasi unbekannt. Der Vorsitzende Christoph Ochs selbst ist nach eigenen Angaben mit 31 Jahren das jüngste Mitglied des Kreistages.

„Wir sind nicht die klassische Volkspartei“, sagt Ochs. Bei SPD und CDU gebe es „viele, die die Partei nur finanziell unterstützen“. Grünen-Mitglieder seien in der Regel aktiv. „Wir haben noch Potenzial“, glaubt der Vorsitzende. Räumt aber ein: „Über 200 werden wir in den nächsten Jahren nicht kommen.“

Die Alten sterben, die Jungen rücken nicht nach. Außer dem demografischen Wandel vermutet CDU-Chef Drewes zwei Gründe hinter dem Phänomen. Zum einen, glaubt er, hätten die so begehrten 20- bis 40-Jährigen einfach weniger Zeit – und zum anderen wohl auch weniger Geduld. Viele seien eher „projektorientiert“. Drewes: „In einer Bürgerinitiative gegen etwas sein ist charmant und schnell gemacht.“ Die Mehrheitsbildung aber, der politische Prozess, so Drewes: „Das ist kein schnelles Geschäft.“

„Es tut sich fast gar nichts“

Piraten & Co. profitieren kaum noch vom Tamtam ihrer Gründungstage

Das ländlich geprägte Schaumburg scheint ein Hort der etablierten Parteien zu sein. Links und rechts des Konsens dümpeln Piraten & Co. zumindest auf ihre Mitgliederzahl bezogen vor sich hin. Der recht junge Kreisverband Nienburg-Schaumburg der AfD zählt 52 Mitglieder. Die Hälfte davon stammt aus Schaumburg. Mutigste Hoffnung des stellvertretenden Vorsitzenden Jens Wilharm: eine Verdopplung der Mitgliederzahl bis 2015.

Wie auf Bundesebene ist auch im Landkreis das große Tamtam um die Piratenpartei vorbei. 50 politische Freibeuter sind derzeit im Schaumburger Kreisverband organisiert. Zwar ist diese Zahl im Vergleich zu der des Gründungsjahres 2011 relativ stabil. Aber, sagt der Vorsitzende Bernd Riensch: „Es tut sich fast gar nichts.“

Im Bund feierte Die Linke-Chef Gregor Gysi die Partei 2013 als drittstärkste Kraft. Die Geschichte der Linken in Schaumburg ist nicht eben eine des Erfolges. „Wir gingen mal auf die 100 zu“, sagt der Vorsitzende Olaf Buschmann. Heute zählt sein Kreisverband noch 30 Mitglieder. Buschmann: „Davon sind etwa fünf wirklich aktiv.“ Zumindest habe es seit etwa einem Jahr keine Austritte mehr gegeben. Aus Gesprächen wisse Buschmann zwar, dass viele Menschen sich mit den Zielen der Linken identifizieren. Aber erstens hafte der Partei in Schaumburg noch immer das Stigma an, ein „Ost-Ding“ zu sein; und zweitens, sagt Buschmann: „Politisches Engagement scheint irgendwie nicht mehr in die Zeit zu passen.“  jcp

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