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Schaumburg: 1200 neue Flüchtlinge

Landrat ruft Bürgermeister zusammen Schaumburg: 1200 neue Flüchtlinge

 Der Landkreis Schaumburg muss in den kommenden vier Monaten 1200 Flüchtlinge aufnehmen.

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Wie lange die Menschen noch in der Notunterkunft in der Jägerkaserne ausharren müssen, bis es weitergeht, ist immer noch unklar. Derweil ereilt den Landkreis die Meldung, in den kommenden vier Monaten 1200 zugewiesene Flüchtlinge aufnehmen zu müssen. 

Quelle: rg

Landkreis. Landrat Jörg Farr rief am Dienstagmorgen nach Erhalt der Nachricht aus Hannover die Bürgermeister aller Schaumburger Kommunen zusammen. Gemeinsam müsse man nun an einem Strang ziehen, betonte Farr.

Stand August waren im Landkreis 1165 Flüchtlinge untergebracht – ausgenommen die Menschen in der Notunterkunft in der Jägerkaserne Bückeburg. Mit den neuen Zuweisungen des Landes verdoppelt sich die Zahl binnen weniger Monaten. „Dies stellt uns gemeinsam vor große Herausforderungen“, sagte Farr.

Hauptaufgabe sei es nun, weitere Wohnungen anzumieten. „Es ist hierzu vereinbart worden, dass sich die Kommunen verstärkt an der Anmietung der Räume sowie der Erstausstattung dieser beteiligen“, führte der Landrat weiter aus. Über diese Vorgehensweise bestehe zwischen Landrat und Bürgermeistern Einigkeit. Alle anderen Leistungen übernehme wie bisher der Landkreis. In Kürze soll eine neu gegründete Arbeitsgruppe mit Vertretern aus den Bereichen Bau, Soziales und Liegenschaften ihre Arbeit aufnehmen.

Landkreis. Nachdem Landrat Jörg Farr die Bürgermeister Schaumburgs gestern über die große Zahl erwarteter Flüchtlinge informiert hat, wurden in den einzelnen Gemeinden erste Vorbereitungen getroffen.

Mit der Bildung einer „Task Force“ reagierte die Stadthäger Verwaltung nach Worten von Bürgermeister Oliver Theiß auf die sich zuspitzende Lage. Der Gruppe gehören insgesamt acht Mitarbeiter aus verschiedenen Fachbereichen an. Diese sollen sich vor allem um die Suche nach Wohnraum kümmern.

So will die Stadt laut Theiß mit Priorität auch auf eigene Immobilienbestände zurückgreifen. Dabei handelt es sich nach Angaben des Verwaltungschefs um „zehn bis 20 leer stehende Wohnungen“, die für Flüchtlinge bereitgestellt werden könnten. Diese müssten zum Teil allerdings noch renoviert werden.

Zudem solle die sogenannte Task Force mithilfe privater Hauseigentümer Wohnraum beschaffen. Dabei appelliert Theiß an die Solidarität in der Bürgerschaft: „Ich setze auf die Willkommenskultur in der Kreisstadt.“ Potenzielle Vermieter sollten auch bedenken, dass sie im Falle der Aufnahme von Flüchtlingen mit dem Landkreis „einen sicheren Mietzahler haben. Mit der achtköpfigen Gruppe können wir die Aufgabe sicher eine Zeit lang wuppen“, fügte der Bürgermeister hinzu.

Eventuell werde man sich bemühen, ehrenamtliche Kräfte hinzuzuziehen. Wenn der gegenwärtige Trend allerdings anhalte, müsse man auch über Neueinstellung in der Verwaltung nachdenken.

In der Konferenz gestern sei als Ziel vorgegeben worden, dass jede Kommune so viele Flüchtlinge aufnimmt, dass deren Anteil 1,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung betrage. Stadthagen weist laut Theiß schon jetzt einen Anteil von 1,36 Prozent auf.

Für den Bad Nenndorfer Samtgemeindebürgermeister Mike Schmidt kam die Entwicklung überraschend. Den Forderungen nachzukommen, stelle seine Kommune vor eine große Herausforderung. „Wir werden wohl zusätzliches Personal einstellen müssen“, so Schmidt. Benötigt würden Mitarbeiter, die sich mit der Ausstattung von Flüchtlingswohnungen auskennen.

Schmidt machte seine Bedenken an einigen praktischen Punkten fest: Beispielsweise gibt es beim Brandschutz bestimmte Dinge zu beachten, über die aus seinem jetzigen Team niemand genau Bescheid wisse. Auch der Bauhof dürfte dem zusätzlichen Aufwand nicht gewachsen sein. Möglicherweise blieben manche andere Aufgaben liegen. Heute will sich Schmidt mit seinen Amtsleitern über die Problematik austauschen.

vin, ssr

Ein Kraftakt

Von Marc Fügmann

1200 weitere Flüchtlinge muss Schaumburg in den nächsten vier Monaten aufnehmen – noch einmal genauso viele, wie schon jetzt hier leben. Der Landkreis steht damit vor der vielleicht größten Herausforderung seiner vierzigjährigen Geschichte.

Die Hilfesuchenden anständig unterzubringen, sie mit Essen und Kleidung zu versorgen, vor allem aber sie dauerhaft zu integrieren – all das kostet viel Geld und Zeit und bedarf eines funktionierenden öffentlichen Apparates. Die nötigen Strukturen lassen sich nicht über Nacht aufbauen. Auf eine solche Ausnahmesituation konnte niemand vorbereitet sein.

Und doch kann der Kraftakt gelingen, wenn gemeinsam alle Reserven mobilisiert werden. Dazu gehört auch, dass die Kommunen mehr Unterstützung von Land und Bund erfahren. Das jüngste Beispiel der Flüchtlinge in Bückeburg hat leider gezeigt, dass dies nicht immer der Fall ist.

Glücklicherweise haben die vergangenen Wochen und Monate ebenso deutlich werden lassen, dass viele Schaumburger nicht allein den Staat in der Pflicht sehen. Sie haben die Flüchtlingsproblematik zu ihrer eigenen Sache gemacht, indem sie gespendet, Unterkünfte hergerichtet, für Fremde gekocht, sie bei Behördengängen begleitet oder einfach nur mit freundlichen Worten bedacht haben.

Wir sollten deshalb nicht nur Bedenken tragend auf die vor uns liegenden Hürden schauen, sondern auf das große, bewundernswerte Engagement vieler hier lebender Menschen vertrauen. Jeder von uns kann einen Beitrag leisten, sei er auch noch so klein.

Und doch dürfen wir diejenigen nicht vergessen, die angesichts der Flut von Neuankömmlingen das ungute Gefühl beschleicht, von der Entwicklung überrannt zu werden. Die die Sorge umtreibt, der Staat könne die Kontrolle über die Situation verlieren. Denn tatsächlich gibt es derzeit keine Anzeichen dafür, dass Elend, Krieg und Terror in der arabischen Welt abflauen. Genauso wie sich bislang in Europa noch immer keine gleichmäßige Verteilung der Lasten bei der Aufnahme von Flüchtlingen abzeichnet.

Diese Bürger dürfen nicht den Eindruck bekommen, dass Behörden und Politiker ihre durchaus nachvollziehbaren Anliegen und Ängste nicht ernst nehmen. Andernfalls könnte die Hilfsbereitschaft schnell abebben.

Auf uns alle kommt viel zu. Aber wir müssen die Herausforderung annehmen. Unsere Grenzen hermetisch abzuriegeln und die Augen zu verschließen, kann keine Alternative sein.

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