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Sonntagsfahrer und Sahnetorte

Landkreis / Kolumne Sonntagsfahrer und Sahnetorte

Sonntags sehe ich oft Menschen langsam über Landstraßen fahren. Und es sind nicht die Sonntagsfahrer im ursprünglichen Sinn, die ihr Auto nur sonntags aus der Garage holen und wegen mangelnder Fahrpraxis in schlechtem Stil durch die Gegend fahren.

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Landkreis. Die neuen Sonntagsfahrer sind meist Städter, die auch im dichten Verkehr ein Auto sicher zum Ziel bringen und lediglich die ländliche Weite suchen. Langsam fahren sie nur, weil der Wind im offenen Cabrio ihre Frisur zerstört oder ihr Kind noch nie eine Kuh gesehen hat.

 Bisher habe ich diese Überland-Fahrer stets belächelt. Wer zur Hölle vergurkt unnötig seinen Sprit, nur um ein paar Kühe oder Mähdrescher durch die Frontscheibe zu betrachten? Ich hatte ja keine Ahnung. Erst jetzt, nachdem mein Mann und ich – unsere Kinder sind der Aufsichts-Pflicht entwachsen – ein selten unverplantes Wochenende hatten, ist mir klar, wie entspannend so ein Sonntag im Auto sein kann. Erstens: Man kann absolut keinen Besuch bekommen. Zweitens: Man kann einfach andere Menschen besuchen, die nicht so schlau waren, mit dem Auto in der Gegend herumzufahren. Und drittens: Man entdeckt ungeahnte Winkel im eigenen Lebensraum. Zum Beispiel abgelegene Feldwege, die nicht für den Autoverkehr gesperrt sind, sondern nur so aussehen. Und die man sonst nie befährt, weil das Getuckere einen maximal in die Anstalt, aber niemals zum Ziel bringen würde. Am Sonntag fährt man einfach mal da lang. Bis zum lauschigen Feldrand.

 Weil es dort an Getränken mangelt, muss man bald weiter. Irgendwo lädt ein verwittertes Schild zu Kaffee und Kuchen ein. Und plötzlich eröffnet sich eine Welt. Eine, die nichts mit angesagtem Latte Macchiato und Cookies zu tun hat. Eine, in der es niemanden gibt, der das Wort „Donuts“ verwendet. Mein Mann und ich tranken Filterkaffee aus Blümchen-Tassen. Auf den Tischen lagen gehäkelte Spitzendeckchen, und den Würfelzucker nahmen wir mit einer silbernen und sehr filigran verzierten Zuckerzange aus der Porzellandose. Die Eichentische und -stühle waren noch dieselben wie damals, als im Saal nebenan noch rauschende Feste gefeiert wurden. Es gab mehrschichtige Sahnetorten. Gebacken von der Oma des Besitzers und anderen Damen aus dem Ort. An der Wand hingen Fotografien in Goldrahmen. Außer den meist älteren Dorfbewohnern saßen in dem Café nur wir: Durchreisende, die einen Hauch ehrlich-sahniger Café-Kultur auf dem Land entdeckt hatten. In diesem Moment, als mir die Schwarzwälderkirsch-Torte einen kulinarisch außergewöhnlichen Moment bescherte, beschloss ich, Sonntagsfahrerin zu werden.

Anke Weber

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