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Aus dem Landkreis Terror auf der Türschwelle
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Terror auf der Türschwelle
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00:24 21.11.2015
Die Berufspendler am Stadthäger Bahnhof wollen sich nicht von der Angst vor Terror einschüchtern lassen. Quelle: js
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Landkreis

Berufspendler, die gestern mit dem Zug von Stadthagen nach Hannover fuhren, zeigten sich weitestgehend angstfrei. „Man versucht ja, normal weiterzuleben“, sagte exemplarisch Klaudia Wille (49) aus Nordsehl. „Aber man ist schon irgendwie aufmerksamer und achtet mehr darauf, ob nicht irgendwo was Verdächtiges herumsteht.“

 Vanessa Rebert aus Beckedorf hatte in einem Gewinnspiel der Schaumburger Nachrichten Karten für das Spiel Deutschland–Niederlande gewonnen. Die Freude war groß. Mit Eltern und ihrem Freund stand sie in der Warteschlange vor dem Stadion. Jemand rief: „Das Spiel fällt aus!“ Rebert: „Erst haben wir gedacht, das wäre ein blöder Witz.“ Es folgte die Verkündung des Spielausfalls über Lautsprecher durch die Polizei. „Einen Grund nannten sie nicht“, sagt die Beckedorferin. „Aber wir hatten so eine Ahnung, um was es geht.“ Bestätigt wurde der Verdacht bei der Heimfahrt. Im Radio war von Terrorverdacht die Rede. Von Angst oder Panik sei in Hannover nichts zu spüren gewesen. „Es war ja alles voller Polizisten“, sagt Rebert. „Ich hatte das Gefühl, die haben das voll im Griff.“

 Auch für den 13-jährigen Bastian Gandyra aus Hagenburg sollte das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden eigentlich ein ganz besonderes Ereignis werden. Denn der Junge war einer der Kinder, die vor dem Spiel und während der Halbzeitpause die riesige Plane in den Mittelkreis ziehen sollten. Nach stundenlangen Proben wurde den verdutzten Jungen und Mädchen allerdings um 19:19 Uhr gesagt, dass das Spiel nicht stattfindet.

 Mit seinen Eltern machte er sich auf den Weg zum Auto. „Um die Arena herum war alle drei Meter ein Polizist mit einem Maschinengewehr. So was habe ich noch nie gesehen. Man fühlte sich wie in einem Kriegsgebiet“, berichtet der 13-Jährige. Selbst als die Familie ihren Wagen erreicht hatte, mussten sie noch viele Kontrollen über sich ergehen lassen. Angst hatte Bastian trotzdem keine: „Es war schon ein komisches Gefühl. Aber ich würde es wieder machen, man muss ja wieder in den Alltag kommen.“

 Betroffen von Sicherheitsvorkehrungen am Hannoverschen Hauptbahnhof war unter anderem auch SN-Redakteurin Vera Skamira. Bei der Rückfahrt von einem Treffen mit ihrer Freundin stieg sie glücklicherweise an der Haltestelle Lindener Markt in die Stadtbahn, nicht wie geplant am Schwarzen Bären. Dort hielt die Bahn nämlich aus Sicherheitsgründen nicht. Die Stadthägerin erreichte pünktlich den Zug zur Heimreise, steuerte die Rolltreppe zum Gleis 12 an. Drei Polizisten versperrten jedoch den Aufgang und verwiesen auf die Treppe gegenüber. Skamira: „Kein Problem. Der Zug, Abfahrt 21.09 Uhr, wurde gemeldet, ich wähnte mich raus aus dem Getümmel. Aber: Zu früh gefreut!“ Eine Lautsprecherstimme rief zum Verlassen des Gleises auf, „zu ihrer eigenen Sicherheit.“ Also wieder treppab. Und nun? Wie viel Gleise waren gesperrt? Viele Menschen um Skamira herum überlegten, fragten, telefonierten. Von Angst war nichts zu spüren. Aber jeder wollte weiter, wollte nach Hause. Skamira erreichte schließlich eine S-Bahn nach Stadthagen.

 Frank Rasche, gebürtiger Rintelner und heute Stadionsprecher in Hannover, erlebte die Absage des Länderspiels mit, musste selbst in Abstimmung mit der Polizei Ansagen dazu machen. Er meint: „Wir müssen lernen mit solchen Situationen umzugehen. Wichtig ist, dass wir uns durch solche Ereignisse nicht die Freude am Live-Erlebnis Fußball oder ähnlichen Veranstaltungen nehmen lassen. Ich habe sehr großes Vertrauen in die Arbeit unserer Sicherheitsbehörden, die mit sehr viel Engagement und Leidenschaft ihre Arbeit wahrnehmen und so für unsere Sicherheit sorgen“. Sein nächster Stadioneinsatz ist am übernächsten Wochenende beim Match gegen Ingolstadt.

 Dann werden auch Karl-Heinz und Inge Buchholz in der HDI-Arena sitzen und ihre Dauerkarten weiter nutzen. Der Ehrenbürgermeister von Rinteln meint: „Ich habe zwar ein etwas flaues Gefühl, aber das ganze Leben ist ein Risiko. Man darf sich vom Terror nicht einschüchtern lassen, sonst macht man am Ende gar nichts mehr.“

 Veit Rauch, Rintelner CDU-Ratsfraktionsvorsitzender, ist nicht zum Länderspiel gefahren, weil er zur Sitzung der CDU-Kreistagsfration musste. Das 96-Mitglied sagt: „Jetzt erst recht. Ich lasse mich doch von solchen Chaoten nicht einschüchtern. In diesem Jahr werde ich es allerdings nicht mehr zu Hannover 96 schaffen, denn beim Rintelner Adventszauber habe ich mit meinen zwei Bratwurstständen wochenlang alle Hände voll zu tun.“ Pro Halbserie sei er aber vier bis sechs Mal im Stadion, sagt der Fußballfreund. jcp, js, sk, dil

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