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Aus dem Landkreis Tumulte nach Todessturz
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Tumulte nach Todessturz
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00:24 17.01.2015
Aus dem 7. Stock des Hamelner Gerichtsgebäudes ist ein 26-Jähriger in den Tod gestürzt – er war einer Haftrichterin vorgeführt worden.
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Hameln

Der 26-jährige Hamelner stand im Verdacht, am Dienstagabend eine Tankstelle in Aerzen überfallen und ausgeraubt zu haben. Nach seiner Festnahme in einer Aerzener Spielothek brachten Polizisten den Verdächtigen zur Wache, wo ihn sein 25-jähriger Bruder mit Gewalt aus dem Streifenwagen befreien wollte. Die Polizisten konnten den Angreifer überwältigen. Beide Brüder wurden nach dem Überfall und der versuchten Gefangenenbefreiung gestern gegen 14.30 Uhr in Hameln einer Untersuchungsrichterin vorgeführt. Im Gericht gelangte der ältere Bruder durch ein Fenster nach draußen – und stürzte in den Tod.

 Nach Informationen unserer Zeitung hatte sich der Mann auf dem Flur der 7. Etage mit seinem Rechtsanwalt beraten wollen. Plötzlich sei er aus dem Fenster „gekrochen“, berichtete sein Verteidiger der Polizei. Für den Juristen sah es so aus, als habe sein Mandant die Flucht ergreifen wollen und sei dabei abgestürzt.

 Der Mann gehört einer Großfamilie an. Angehörige warteten vor dem Gerichtsgebäude. Sie waren sicher, dass ihr Verwandter gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wird. Dabei war gegen den 26-Jährigen in der Vergangenheit wegen zahlreicher Straftaten ermittelt worden. „Er war auf Bewährung draußen“, sagt der Onkel des Toten, Khoder Siala. Der Beschuldigte habe noch nicht gewusst, wie sich die Richterin entscheiden werde, sagte Polizeioberkommissar Jens Petersen. Angehörige des Toten erheben schwere Vorwürfe: Eine aufgebrachte Frau behauptet, sie habe gesehen, dass der Hamelner aus dem Fenster gestürzt wurde.

 Khoder Siala gehen viele Fragen durch den Kopf: „Warum konnte mein Neffe das Fenster öffnen? In einem Gerichtsgebäude müsse es eigentlich abgeschlossen sein. Warum trug er keine Handschellen? Warum war er nicht in einem Raum eingesperrt?“ Niemand von der Familie glaubt, dass sich jemand, der im Verdacht steht, einen Raub begangen zu haben, deshalb in den Tod stürze.
 Nach dem Sturz spielten sich vor dem Amtsgericht tumultartige Szenen ab: Angehörige weinten, schrien vor Verzweiflung und Wut. Die Polizei zog Kräfte zusammen und schirmte das Notarztteam, das den Schwerstverletzten behandelte, ab. Feuerwehr und Rettungsdienste rückten an, Retter kümmerten sich um Frauen, die zusammengebrochen waren. Mit einem Notarztwagen wurde das Opfer zum Krankenhaus gefahren. Für den 26-Jährigen kam jedoch jede Hilfe zu spät.

 Angehörige, die sich am Sana-Klinikum versammelt hatten, sollen nach Angaben von Ärzten Krawall gemacht haben. Ein Polizeisprecher sagte, etwa 30 Personen hätten versucht, das Krankenhaus zu stürmen. Einigen Personen sei es gelungen, über einen Hintereingang in die Klinik zu gelangen. Ein Großaufgebot an Polizeikräften schützte am Abend das Krankenhaus.

 Die Situation glich einem Belagerungszustand. Etwa 30 Angehörige wurden von der Polizei mit Pfefferspray daran gehindert, die Klinik zu stürmen. Zeugen berichteten, aus der wütenden Menge heraus seien unzählige große und kleine Steine geworfen worden. Ein Beamter wurde im Gesicht getroffen. Scheiben gingen zu Bruch. Die Notaufnahme musste abgemeldet werden. Rettungsdienst und Klinik-Personal arbeiteten Hand in Hand, behandelten etwa 20 Beamte, die Pfefferspray in die Augen bekommen hatten. Die Bereitschaftspolizei rückte an, schützte die Klinik.

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