Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Vor 40 Jahren: Die Heide brennt

Katastrophe in Lüneburger Heide Vor 40 Jahren: Die Heide brennt

Vor 40 Jahren ereignete sich eine der größten Brandkatastrophen Deutschlands in der Lüneburger Heide. Riesige Feuerwalzen zerstörten Wälder und Moore. Sieben Menschen verloren ihr Leben.
Auch Helfer aus Schaumburg waren im August 1975 im Einsatz – gemeinsam mit rund 25 000 Helfern aus ganz Deutschland.

Voriger Artikel
Volksbank Minden-Schaumbrg: Mitglieder entscheiden
Nächster Artikel
Keine Party über 55 Dezibel
Quelle: dpa

Landkreis (nah). Ein herrlicher Sommer erfreute die Niedersachsen im Jahr 1975. Die Sonne schien täglich von einem wolkenlosen Himmel und sorgte für Temperaturen um 30 Grad, nicht einmal nachts kühlte es sich ab. Der starke Ostwind trocknete Felder und Wälder immer weiter aus. Die Waldbrandgefahr stieg rapide an: Rund 300 Feuer wurden zwischen dem 7. und 19. August registriert, manche auch ausgelöst durch Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz. Fünf davon sollten sich zu einem verheerenden Ereignis summieren. Am 8. August vernichteten Flammen rund 200 Hektar in der Nähe von Gifhorn. Am 9. August waren es 280 Hektar Kiefern bei Schmarbeck (Kreis Celle). Am 10. August folgten 300 Hektar bei Meinersen. Am 12. August brannten 2000 Hektar bei Trebel (Kreis Lüchow-Dannenberg). Bis dahin Unvorstellbares aber ereignete sich am 10. August. Zwischen Eschede und Oldendorf (Kreis Celle) breitete sich ein Feuer auf 5162 Hektar Wald aus. Der Wind entfachte eine bis zu 40 Meter hohe Flammenwalze. In den knochentrockenen Baumbeständen fand das Feuer rasend schnell immer wieder neue Nahrung. Zeitzeugen berichteten von nackter Angst der Feuerwehrmänner und jungen Soldaten, die wohl noch nie zuvor gegen einen Waldbrand gekämpft hatten und sich nun vor einer Wand aus heißer Luft, Rauch, Asche und glimmenden Holzteilen sahen. Die Hitze soll sogar den Lack von Löschfahrzeugen gelöst haben.
13 000 Feuerwehrleute, 11 000 Soldaten mit 360 Panzern und 60 Hubschraubern, britische und niederländische Streitkräfte, Technisches Hilfswerk, Bundesgrenzschutz, DRK, Polizei und weitere Hilfsorganisationen waren zur Stelle. Drei Spezialflugzeuge aus Frankreich nahmen im Steinhuder Meer Wasser auf, um es über den Heidewäldern abzulassen. Doch erst der am 16. August einsetzende Regen sollte die Wende und die Brände endlich ganz unter Kontrolle bringen.
Da ging es längst nicht mehr nur um zerstörte Waldflächen. Drei Feuerwehrleute aus Fallersleben und zwei aus Peine waren in den Flammen umgekommen, darunter der erst 16-jährige Hartmut Ölkers. Einen tödlichen Herzinfarkt erlitt der Gifhorner Kreisbrandmeister Friedrich Meyer (46) auf der Fahrt zu einem Einsatzort. Mit seinem Leben bezahlen musste außerdem ein Polizist, als er bei der Verfolgung eines mutmaßlichen Brandstifters mit seinem Fahrzeug verunglückte.
Noch während der Löscharbeiten setzte Kritik an den für den Einsatz Verantwortlichen ein. Kompetenzgerangel, persönliche Eitelkeiten („Unsere Feuer machen wir am besten selbst aus!“), unzulänglicher Funkverkehr und eine für Waldbrände ungeeignete Fahrzeugausstattung wurden als Gründe für den Verlauf der Katastrophe ausgemacht. Auch in der Forstverwaltung fanden sich Ursachen: noch vorhandene Altholzbestände vom Sturmherbst 1972 sowie zu wenige Schneisen in den besonders gefährdeten Monokulturen mit Nadelholz. Nur wenige Monate später bewilligte das Land Niedersachsen umgerechnet vier Millionen Euro für die Beschaffung von Tanklöschfahrzeugen und Schlauchwagen. Die Funkausstattung der Feuerwehren wurde verbessert. Die Forst-verwaltung schulte Wald-brandbeauftragte. Vor allem aber schafften Gesetze neue Regelungen für den Brand- und Katastrophenschutz. Ein Kompetenzgerangel zwischen Oberkreisdirektoren und Einsatzleitern, zwischen zivilen Verantwortlichen und einem Grenzschutzgeneral sollte es nicht mehr geben.

„Wir waren alle in Gefahr!“

Keine Sekunde muss Ernst Siekmeier überlegen. Der ehemalige Kreisbrandmeister erinnert sich an die Waldbrandkatastrophe vor 40 Jahren als sei es gestern gewesen. Mit 150 Mann sei die Schaumburg-Lipper Feuerwehrbereitschaft am Sonntagabend, 13. August, nach entsprechender Anforderung ausgerückt. Nur Stunden später begann der Kampf gegen die Flammen.
Die damalige Bereitschaft bestand aus den größeren Löschgruppenfahrzeugen mit der üblichen Gruppenbesatzung von Gruppenführer und neun Aktiven: „Die häufig in den kleineren Orten stationierten VW-Bullis waren dafür nicht geeignet.“ Dass die Schaumburg-Lipper Fahrzeuge schon sehr frühzeitig mit Funk ausgerüstet worden waren, sollte sich ebenfalls als hilfreich erweisen.
Während bei der Anfahrt in den Löschzügen trotz Anspannung eine eher gelöste Stimmung geherrscht habe, seien die Gespräche schlagartig verstummt, als schon in Celle die Feuersbrunst am Horizont nicht mehr zu übersehen war. Dabei lag der Einsatzort Eschede noch mehr als 20 Kilometer entfernt: „Da waren mit einem Mal alle still.“
Die besorgten Gesichtszüge sollten sich nur zu rasch bestätigen: „Wir waren alle in Gefahr!“ Natürlich seien zuvor auch hiesige mögliche Waldbrandsituationen geübt worden: „Aber dieses Ausmaß konnte doch keiner vorausahnen“.
Noch heute ist der 87-Jährige heilfroh, dass keiner seiner Kameraden zu Schaden gekommen ist. Die Tage in der Südheide sollten für ihn bald schon im beruflichen Umfeld Folgen haben: Als Leiter der Bückeburger Flughafenfeuerwehr war er an der Entwicklung und Erprobung von Löschwasser-Transportbehältern beteiligt. Mit ihnen ließen sich später Bundeswehrhubschrauber ausstatten, um bei ähnlichen Großschadenslagen besser gerüstet zu sein. 

Friedhelm Sölter erinnert sich

Es sind zwar inzwischen 40 Jahre her, doch es gehört im Rückblick auf ein abwechslungsreiches Berufsleben als Journalist immer noch zu den Momenten, zu den unverwechselbar bitteren Wahrnehmungen, die haften geblieben sind: Die Heide brennt.
In jenen August-Tagen 1975 bekamen diese Worte eine völlig neue Bedeutung. Eine reale, böse, traurige, vernichtende. Das Sauflied „Hermann Löns, die Heide brennt! / ja, was soll man da wohl machen? / Natürlich: Löschen, löschen, löschen!“ kannten wir hier im Duodez-Ländchen zur genüge. Irgendwie musste man sich ja rächen am Snobismus, den der Heide-Dichter mit seinem Büchlein über Schaumburg-Lippe ausgeschüttet hatte.
Nun brannte die Heide tatsächlich. Als nach fünf, sechs Tagen die meisten der Flammenmeere endlich so weit unter Kontrolle waren, dass man von Entspannung reden konnte, musste auch eine bittere Bilanz gezogen werden: Mindestens sieben Menschen hatten ihr Leben zwischen Unterlüß und Gorleben verloren. 12 000 oder mehr verkohlte Hektar Wald, Heide und Moor wirkten wie das Szenario aus einem Untergangsfilm. Das 30 Jahre nach Kriegsende noch nicht vergessene Wort vom Bombenangriff machte die Runde.
Der Flug in einem Bundeswehr-Hubschrauber über die letzten rauchenden Brandnester veranschaulichte mir deutlicher, welcher Katastrophe viele der benachbarten Dörfer haarscharf entgangen sind. Verbrannte Erde überall. Die Kiefernwälder und vor allem die drei Jahre zuvor bei einem Orkan entwurzelten und vertrockneten Bäume boten Zunder.
Zur Erinnerung an die Katastrophe gehört aber auch, dass schon vier, fünf Jahre später genau dort die Heide wieder blühte. Und dann bleibt da noch das nie ganz ausgeräumte Unbehagen, dass diese Katastrophe, für deren Entstehen zumindest in einigen Regionen Brandstiftung nicht ausgeschlossen wurde, denen in die Hand spielte, die das atomare Endlager in Gorleben auf der politischen Landkarte hatten.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg