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Aus dem Landkreis Wahnsinn, Eifersucht und ein Revolver
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Wahnsinn, Eifersucht und ein Revolver
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00:26 31.03.2018
Die Todesanzeigen der Opfer in der Zeitung sowie die erstaunlich unauffällige Todesmeldung des Täters mittig unten. Quelle: Repro: momo
Rinteln

Die Mordserie begann blutrünstig: August Böger ermordete am 7. November 1942 seine Ehefrau Lina in ihrem Haus an der alten Todenmanner Straße. Die Leiche wurde in fürchterlichem Zustand gefunden, auf ihren Unterleib wurde mehrfach eingestochen, die Kehle der zweifachen Mutter durchgeschnitten.

 Dass diese Tat überhaupt so „viel“ Aufmerksamkeit, in Form einer halben Spalte, in der Zeitung bekam, ist keineswegs selbstverständlich. Zur Zeit des Dritten Reichs wurde vornehmlich nationalsozialistische Propaganda gedruckt. Zudem waren die Todesanzeigen übersät von den Gefallenen an der Ostfront. Angesichts der nun nötigen fünf Todesanzeigen ziviler Opfer, kam man nicht umhin, auch über diesen Massenmord zu berichten. Doch die Berichterstattung war dürftig.

 In seinem Wahn machte Böger Jagd auf die Männer, von denen er vermutete, sie seien mit seiner Frau fremdgegangen. Böger bedeckte die Leiche seiner Frau mit einem Tuch im Obergeschoss des Gebäudes, lud seinen Revolver, für den er nach offiziellen Angaben mehr als 1000 Schuss Munition bei sich trug, als man ihn aufspürte. Er lockte seinen Nachbarn Fritz Kuhlmann, Glasmacher in der nahen Glashütte, in den Keller seines Hauses und erschoss ihn dort.

Landwirt bei Feldarbeit niedergeschossen

Nach diesem zweiten Mord, stieg Böger auf sein Fahrrad und fuhr nach Todenmann. Er traf dort auf den 50-jährigen Landwirt Karl Möller, den er bei der Feldarbeit niederschoss. Der dritte Mord, auf offenem Feld, blieb nicht unbemerkt und die Rintelner Gendamerie wurde alarmiert. Der Täter konnte jedoch nicht gefasst werden, obwohl er sich mit dem Fahrrad quer durch Rinteln bewegte.

Fernsprechapparate waren damals noch nicht weit verbreitet, besonders auf dem Land. Die Nachricht des freilaufenden Mörders verbreitete sich daher nicht bis zu Bögers viertem Opfer: Friedrich Blome (45), welcher gerade auf seinem von einem Kuhgespann gezogenem Düngewagen saß. Böger trat aus nächster Nähe an ihn heran und richtete Blome hin.

 Böger durchquerte Rinteln und entzog sich dabei dem Zugriff der Polizei. Er erreichte den Hof der Familie Thoke in Krankenhagen. Sein Ziel war der Landwirt Heinrich Dohm, der auf dem Hof Kartoffeln dämpfte. Auch diesem unterstellte Böger offenbar ein Verhältnis mit seiner Frau.

Ein Enkel Dohms, Wolfgang K., berichtet, wie in seiner Familie die Geschichte des Großvaters weitergeben wurde: „Die waren in der Scheune an der Arbeit, und Böger stand an der Hausecke.“ Daraufhin habe er Dohm zu sich gerufen: „Heinrich, komm mal her, ich muss dir was erzählen!“ Als Dohm nur noch wenige Meter von ihm entfernt gewesen sei, habe Böger die Waffe gezogen. „Da hat er ihm gleich in den Kopf geschossen.“

Er richtete sich selbst

Sämtliche Opfer kannten Böger und waren mit ihm befreundet. Für die Angehörigen blieb das Motiv lange unklar, denn er wurde nie gefasst. Wolfgang K. vermutet: „Der glaubte, mein Großvater hätte was mit seiner Frau gehabt.“

 Nach Zeitungsangaben „entwich“ Böger in die Wälder südlich von Krankenhagen. Sein Fahrrad wurde tags darauf im Stadtgebiet gefunden, er selbst blieb verschwunden. Die Polizei suchte drei Tage vergeblich. In der Lokalzeitung war man sich bald sicher, was Böger antrieb: „Eine krankhafte und nach einhelliger Meinung ungerechtfertigte Eifersucht“, die in einem „Anflug von Wahnsinn“ ihren Höhepunkt in einem Massaker gefunden hatte. Als klares Indiz für die „ungerechtfertigte“ Eifersucht wurde sein früherer Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt angesehen. Für eine länger geplante Tat spricht die Liste mit Namen, die man in seinem Besitz fand.

 Am 11. November fand man Böger, unweit seines Hauses, in einem Wäldchen südlich der heutigen Gaststätte „Altes Zollhaus“. Zur Rechenschaft ziehen konnte man ihn nicht mehr, er richtete sich selbst.

Von Maurice Mühlenmeier