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Warten auf das Ende des Asylverfahrens

Nach drei Jahren immer noch kein Bescheid Warten auf das Ende des Asylverfahrens

„Keinen Pass, keine Arbeit“, klagt Kianfar Kiani, der nach seiner Flucht aus dem Iran seit drei Jahren und drei Monaten mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Deutschland lebt. „Das Asylverfahren läuft, einen Bescheid habe ich noch nicht bekommen. Das Warten ist unerträglich und macht krank.“

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Seit drei Jahren in Rinteln: Kianfar Kiani (links) mit seiner Frau Shala Ebrahimzadeh und den Söhnen Kebria (rechts) und Ermia.

Quelle: peb

Rinteln. Weil Kiani Mitinitiator einer Protestbewegung gegen den Staat war und für Freiheit und Menschenrechte eintrat, saß der heute 51-Jährige viermal im Gefängnis – insgesamt 18 Monate. „70 Prozent der Bevölkerung sind mit dem Staat nicht einverstanden, trauen sich aber nicht zu protestieren, weil die Festnahme droht“, berichtet Kiani. Mit der Flucht aus dem Iran ist er einer weiteren Verhaftung zuvorgekommen.

Die Flucht nach Deutschland gelang über die Türkei. Nach einem längeren Aufenthalt im Grenzgebiet konnte die Barriere überschritten werden. In der Türkei schaffte es die Familie, Pässe zu erwerben. Nach 40 Tagen konnte die Flucht fortgesetzt werden. Mit dem Flugzeug ging es nach Hamburg. Das Aufnahmelager in Einbeck war die erste Station in Deutschland. Es folgte Braunschweig und schließlich Rinteln. „In Einbeck wurden wir registriert und in Braunschweig der Asylantrag gestellt“, so Kiani. „In Rinteln brachte man uns zunächst im Asylheim im Bahnhofsweg unter, wenig später wurde uns eine Wohnung zugewiesen.“

Kianfar Kiani ist Stadtplaner und arbeitete in Teheran. Seine Frau Shala Ebrahimzadeh ist Mode-Designerin, Sohn Kebria (19 Jahre) hat gerade das Abitur gemacht und Sohn Ermia (9) gehört zu den guten Schülern der vierten Klasse. „Ohne Arbeit fällt einem die Decke auf den Kopf“, stöhnt Vater Kiani. „Wir möchten und können hier arbeiten, aber wir dürfen nicht“, sagt Mutter Kiani. „Menschen ohne Aufgaben und Arbeit werden krank, werden depressiv“, fügt sie hinzu. Um der Langenweile zu entfliehen, engagiert sich Kianfar Kiani im Kinderschutzbund. „Dabei lerne ich auch immer besser die deutsche Sprache“, so Kiani. Seine Frau entwirft Mode, kann die Entwürfe selber umsetzen und würde gern in dieser Branche wieder berufstätig werden.
Weil es in Rinteln nur wenige Landsleute gibt, suchten die Kianis in den letzten drei Jahren den Kontakt zu Deutschen. „Schon eine Woche nach dem Einzug in die Wo

hnung haben wir von Nachbarn eine Einladung erhalten. Das war sehr schön für uns. Alle Hausbewohner haben uns immer tatkräftig unterstützt. Heute ist unser Bekanntenkreis riesengroß. Wir sind gut integriert. Das einzige, was wirklich fehlt, ist die Möglichkeit zu arbeiten“, beschreibt Kiani die Situation.

Hoffnung auf baldige Arbeit gibt das neue Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz. Demnach sollen Menschen, die eine gute Bleibeperspektive haben, möglichst schnell in Gesellschaft und Arbeitswelt integriert werden.

Doch ein Umstand bereitet Kiani trotzdem Sorgen. Sein Sohn Kebria kann an der Technischen Universität (TU) Braunschweig mit dem Maschinenbaustudium beginnen. Aber es gibt ein Problem: Solange Kebria seinen Wohnsitz in Schaumburg hat, ist ein Wohnungswechsel außerhalb des Landkreises nur mit Zustimmung der Landesaufnahmebehörde zulässig. Dort hat Kebria Anfang August einen Antrag gestellt, im Rahmen eines Umverteilungsverfahrens in den Landkreis Braunschweig zu wechseln. Ein Bescheid steht noch aus, obwohl das Semester in diesen Tagen beginnt. Wird einem Wechsel nicht zugestimmt, darf er seinen Wohnsitz nicht nach Braunschweig verlegen und Kebria muss jeden Tag zur Universität fahren. peb

So lange dauern Asylverfahren

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurde die Dauer von Asylverfahren von 7,1 Monaten im Jahr 2014 auf 5,4 Monate im Jahr 2015 gesenkt. Das ist darauf zurückzuführen, dass das BAMF in diesem Jahr schon 650 neue Mitarbeiter eingestellt hat. Weitere 1000 sollen bis Jahresende folgen und im kommenden Jahr noch einmal 1000, um der Forderung der Regierung nachzukommen, wonach die Dauer auf drei Monate gesenkt werden soll. Seit Inkrafttreten des Gesetzes über sichere Herkunftsländer können Anträge von Menschen aus Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina schneller bearbeitet werden. Sie werden in der Regel abgelehnt. Wenn jemand aus dem Iran einen Asylantrag stellt , wo schnell klar ist, dass dieser positiv entschieden wird, ist mit einer Bearbeitungszeit von mindestens 16 Monaten zu rechnen. Laut BAMF unterscheidet sich die Dauer von Asylverfahren je nach Bundesland. Mit 3,3 Monaten geht es in Mecklenburg-Vorpommern am schnellsten, mit 7,9 Monaten in Schleswig-Holstein am langsamsten. In Niedersachsen dauert ein Asylverfahren durchschnittlich 5,4 Monate. Andere Staaten entscheiden viel schneller darüber, ob ein Asylbewerber als Flüchtling gilt und bleiben darf. Norwegen erledigt bereits seit 14 Jahren Asylanträge von Personen aus sicheren Staaten innerhalb von 48 Stunden. Im Sommer 2012 zog die Schweiz nach und wendet das 48-Stunden-Verfahren für Menschen aus Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina an sowie für Kosovaren und Georgier. Den Niederländern gelingt es, 80 Prozent aller Anträge innerhalb einer Woche zu bearbeiten. peb

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