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Aus dem Landkreis Warum das geplante Klinikum Schaumburg für „pro Diako" eine Nummer zu groß ist
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Warum das geplante Klinikum Schaumburg für „pro Diako" eine Nummer zu groß ist
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01:00 24.12.2011

Von Arne Boecker

Wer Schöttelndreiers Rede heute nachliest, findet in seinem 21 Seiten starken Optimismus nur einen Hauch Zweifel. Gleich auf Seite 3 kündigt er den Kreistagsabgeordneten an, dass „wir ja gemeinsam noch manche Steine aus dem Weg räumen“ müssen. Landrat Schöttelndreier wird kaum geahnt haben, dass einer dieser Stolpersteine „pro Diako“ heißen könnte. Der liegt nun dem heutigen Landrat Jörg Farr im Weg.

In Obernkirchen, im Herzen Schaumburgs gelegen, soll bis 2014 ein modernes Krankenhaus aus dem Boden wachsen. Aus drei mach eins: Das Klinikum ersetzt dann die Häuser in Stadthagen, Bückeburg und Rinteln. Die vergangenen Monate haben jedoch die Skepsis genährt, ob „pro Diako" das Mega-Projekt wirklich stemmen kann. Ein Gutachten zur wirtschaftlichen Lage des Unternehmens, das dieser Zeitung vorliegt, ist geeignet, diese Skepsis zu verstärken. Aus Ärger darüber, dass das Schriftstück in die Öffentlichkeit dringt, hat „pro Diako" Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Erarbeitet hat das Gutachten die renommierte Kanzlei Westhelle und Partner, die in Hannover sitzt. Der „pro-Diako"-Aufsichtsrat hatte es in Auftrag gegeben, weil sich die Gesellschafter einen Überblick über die „vielfältigen finanziellen Verflechtungen der „pro-Diako-Gruppe“ verschaffen wollten, wie Michael Schwekendiek, Sprecher des Unternehmens, dieser Zeitung erklärte.

Die „pro Diako" gGmbH hat laut Westhelle-Gutachten im Jahr 2010 ein Minus in Höhe von 547 367 Euro erwirtschaftet. Dazu findet sich ein Verlustvortrag in Höhe von 1 847 190 Euro in dem Zahlenwerk. Als „Verlustvortrag“ bezeichnen Fachleute Verluste, die sich in der Vergangenheit angesammelt haben und die als „Vortrag“ bezeichnet werden, weil man hofft, sie mit künftigen Gewinnen verrechnen zu können.

Michael Schwekendiek, Sprecher von „pro Diako", nennt das Gutachten, das Westhelle und Partner im August dieses Jahres abgegeben haben sollen, „nicht mehr aktuell“. Die Gründe, die die Zahlen rot gefärbt haben, bezeichnet er als „äußerst vielschichtig“. Wesentlich für das Minus sei das „Engagement für den Landkreis Schaumburg“. So sei „pro Diako" bei den Planungskosten für das neue Klinikum „erheblich in Vorleistung gegangen“. Die Summe übersteige „bei weitem“ die Summe, die das Land Niedersachsen in einer ersten Tranche zur Verfügung gestellt habe; dabei handelt es sich um fünf Millionen Euro.

Schwekendiek weist darauf hin, dass die Entscheidung des Schaumburger Kreistags für „pro Diako" helfen sollte, die Träger-Vielfalt bei den Kliniken zu erhalten. („pro Diako" ist eine gGmbH, das „g“ steht für „gemeinnützig“.) Ein Monopol für „Private“ wie Sana oder Rhön, so Schwekendiek, „kann nicht in unser aller Sinn sein - so gut die ihren Auftrag auch erledigen mögen“. Das Unternehmen „pro Diako" sei allerdings „nicht so finanzkräftig wie diese überregionalen ’Ketten‘, die durch Aktionäre, Großindustrie oder Versicherungen gestützt werden“. „pro Diako" unternehme „alles, was wir können, um gerade dieses Projekt in Schaumburg zu verwirklichen“. Ohne Frage, so der „pro-Diako"-Sprecher, stelle es jedoch „einen großen finanziellen Kraftakt für uns“ dar.

Probleme machen schon seit längerem einige der neun Gesellschafter der „pro Diako" gGmbH. Dies gilt vor allem für das Evangelisch-lutherische Diakonissen-Mutterhaus in Rotenburg (Wümme), das allein 51,3 Prozent an „pro Diako" hält (siehe Grafik). Laut Gutachten von Westhelle und Partner hat es im Jahr 2010 ein Minus von 2 185 630 Euro aufgehäuft. Der Jahresabschluss 2009 hatte Rotenburg (Wümme) noch im Plus gesehen, sogar mit satten 1 212 041,12 Euro. „pro-Diako"-Sprecher Michael Schwekendiek nennt vier Gründe für die Abwärts-Entwicklung. Erstens: Wie alle Krankenhäuser auf dem „platten Land“ leide auch Rotenburg unter „eklatantem Ärztemangel“, weswegen „pro Diako" „sehr teure Honorarärzte“ habe anheuern müssen. Zweitens: „Zum Wohle der Mitarbeiter“, so Schwekendiek, habe man „etwas an der Tarifstruktur verändert“. Drittens: Ein 50-Millionen-Euro-Neubau stehe kurz vor der Fertigstellung. Viertens: Auch aus Rotenburg fließe Geld in das Schaumburger Klinikums-Projekt.

Eine Firmendarstellung von „pro Diako" preist das Rotenburger Haus als „vermutlich einzigartig in Deutschland“, weil es „nirgendwo sonst ein derartig leistungsfähiges Krankenhaus in einer Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern“ gebe. Insgesamt finden sich auf dem Gelände 20 Kliniken und Institute, so dass „pro Diako" das 800-Betten-Krankenhaus stolz zu den „medizinisch-technisch am besten ausgestatteten Krankenhäusern in Norddeutschland“ zählt. 2000 Frauen und Männer arbeiten hier, darunter 900 Pflegekräfte und 250 Ärzte, die sich pro Jahr um 30 000 Patienten kümmern. „pro-Diako"-Sprecher Michael Schwekendiek hält den Minus-Abschluss, den Rotenburg 2010 laut Westhelle-Gutachten hinlegt, nur für eine „Delle“. Schon 2012 werde man „wieder ein deutliches Plus schreiben“.

Problematisch haben sich auch einige der Einrichtungen entwickelt, an denen „pro Diako" beteiligt ist (siehe Grafik). Dies gilt zum Beispiel für das Evangelische Krankenhaus Holzminden, an dem „pro Diako" 51 Prozent hält. Bereits im offiziellen Jahresabschluss für das Jahr 2009 lässt sich nachlesen, dass Holzminden - wie einige andere Häuser - in den „Fokus der wirtschaftlichen Sanierung“ gerückt werden müsse, um „der Bestandsgefährdung der Einrichtungen entgegenzuwirken“. Gegenüber den Schaumburger Nachrichten verlieh „pro-Diako"-Sprecher Schwekendiek jetzt der Hoffnung Ausdruck, dass das Holzmindener Ergebnis für 2011 „ganz erheblich“ besser ausfallen werde als das für 2010, wie es sich noch im Westhelle-Gutachten widerspiegelt.

All diese Zahlen seien jedoch „ohne Frage ein Zeichen erhöhter Wachsamkeit“, sagt „pro-Diako"-Sprecher Michael Schwekendiek. Sie seien Anlass gewesen, „nach einem finanzkräftigen Partner aus dem Raum der Diakonie zu suchen“. Noch einmal betont er in diesem Zusammenhang, dass es „doch nicht allein denen überlassen werden“ dürfe, für kranke Menschen zu sorgen, „die nach der höchsten Rendite fragen.“ Derzeit führe man „intensive Gespräche“ mit der Krankenhausgruppe Agaplesion (siehe untenstehender Artikel). Sollten diese Gespräche weiterhin erfolgreich verlaufen, so Michael Schwekendiek, „sind wir sicher, dass wir das Vorhaben Schaumburg gemeinsam verwirklichen können“.