Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Was ein Dorfkind nicht sagt

Landleben-Kolumne Was ein Dorfkind nicht sagt

Neulich habe ich eine facebook-Seite entdeckt, die mir das Landleben in geballter Ladung vor Augen geführt hat. Sie heißt „Dinge, die ein Dorfkind nicht sagt“ und fasst in kurzen Sätzen zusammen, was das Leben in einer 500-Seelen-Gemeinschaft so ausmacht.

Voriger Artikel
Keine rosigen Aussichten mit knapper Rente
Nächster Artikel
„Die Rechten lachen sich ins Fäustchen“

Bus verpasst? Dorfkinder sagen nie: „Was soll’s, dann nehme ich den nächsten!“ Der fährt nämlich erst morgen.

Quelle: Weber

Von Anke Weber

An erster Stelle wäre da der Bekanntheitsgrad. Während sich der Stadtmensch in der Anonymität herumtreibt, lebt das Dorfkind unter ständiger Beobachtung. Ein Jäger sagte einmal zu mir, der Wald habe Augen. Damals war ich blutjung und der Mann wollte mir durch die Blume mitteilen, dass er meinen allerersten Zungenkuss genauestens beobachtet hatte. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich rot geworden bin, Herzrasen bekam oder ohnmächtig wurde. Aber seitdem habe ich bei allen meinen Handlungen beachtet, dass der Wald Augen hat. Das gilt natürlich ebenso für das Feld, die Straße und den Garten und jedes Dorfkind weiß das. Deshalb sagen Dorfkinder auch nie: „Ach was, das bekommt eh niemand heraus.“ Auf dem Land mag die Freiheit zwar grenzenlos erscheinen, aber früher oder später erreicht doch alles Muttis Ohren.

Die Sache mit der Bekanntheit hat natürlich auch Vorteile. Wenn potenzielle Geschlechtspartner ein paar Dörfer weiter zum Beispiel nach dem Mädchen suchen, das neulich auf dem Schützenfest eine türkisfarbene Lederjacke getragen hat, werden sie spätestens bei der dritten Nachfrage fündig. Deshalb sagt ein Dorfkind auch nie: „Mit meinem Nachnamen kann niemand etwas anfangen.“ Auf der anderen Seite kann es auch schwierig werden, ein bestimmtes Haus zu finden – jedenfalls, wenn der Suchende niemanden fragt. Denn Dorfkinder sagen nie: „Bei uns haben alle Straßen einen Straßennamen.“ Manchmal sind Häuser quer durch den Ort einfach durchnummeriert und selbst hochstudierten Mathematikern fällt es schwer, hinter das System zu blicken. Es soll schon Landkinder gegeben haben, die in einer Großstadt Menschen ganz selbstverständlich nach der Hausnummer 17 fragten – ohne einen passenden Straßennamen parat zu haben.

Ein weiterer Unterschied zwischen Dorf- und Stadtkindern ist die Gelassenheit gegenüber den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Dorfkind würde nie sagen: „Oh, Bus verpasst. Was soll’s, dann nehme ich den nächsten!“ Der nächste Bus fährt nämlich erst morgen. Deshalb fiebern Dorfkinder auch ihrem Führerschein entgegen und das letzte, was sie sagen würden, wäre: „Führerschein? Brauche ich nicht zu machen. Die Öffis bringen mich doch überall hin.“ Wenn sie den Lappen aber endlich haben, müssen sie niemals sagen: „Nie finde ich einen Parkplatz.“ Allerdings klingen Verabredungen von Dorfkindern auch nicht so: „Wir treffen uns gleich bei Starbucks.“ Dafür treffen sie sich „an der Kuhle“, „hinter der Raiffeisen“, „am Teich“ oder „an der Bushalte“. Natürlich ist ihr Bekanntheitsgrad dabei wieder ein Hindernis. Gegenüber wohnt nämlich Herr Müller – und der sieht alles!

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Die SN suchen kreative Schaumburger. Ob Fotografie, Farbe, Skulpturen oder was die Kunst sonst alles hergibt: Unter dem Motto „Schaumburg kreativ“ suchen die Schaumburger Nachrichten auch in diesem Jahr nach Künstlern in der Region. mehr

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Schaumburg