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Aus dem Landkreis Wege aus der Sucht
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Wege aus der Sucht
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00:19 11.02.2018
Vergleichsweise „harmlos“ ist nach Einschätzung von Sozialarbeiter Cord Koller der Genuss von Cannabis. Quelle: pr.
LANDKREIS

Mit dem Willen zur Veränderung stünden die Chancen, sich von der Sucht zu befreien, sehr gut.

Der Museumsverein und die Gesellschaft für Sicherheitspolitik hatten zu diesem Gesprächskreis einen Referenten eingeladen, der locker, teilweise flapsig, zum Thema „Drogen – Mittel zur Flucht“ Auskunft gab. Aber dennoch weiß Cord Koller aus seiner täglichen Arbeit, wie viel Leiden diese Drogen, die zu einem Suchtverhalten führen, bei den betroffenen Menschen und deren Familien auslösen.

Oftmals hätten Abhängige, die sich an die Beratungsstellen wenden, schon einige kleinere Straftaten begangen, um an den „Stoff“ zu kommen. Für sie gelte absoluter Vertrauensschutz. Der Drogenberater gibt dieses Wissen nicht an die Polizei oder die Staatsanwaltschaft weiter. Wichtig sei allein der Wille zur Veränderung, so Koller. „Das ist der Schlüssel zur weiteren Hilfe.“

Alle, die Drogen nehmen, eine der Wunsch, mit einem Rausch der Wirklichkeit und den individuellen Problemen zu entfliehen. Oft fühlten sie sich allein und hätten keinen Ansprechpartner, der ihnen genau zuhört. Leider führe dieser Rausch zu einer vermehrten Ausschüttung von Dopamin im Gehirn. Dadurch entstünden Glücksgefühle, die der Körper immer wieder haben wolle. Von dort zur Sucht sei nur ein kleiner Weg, denn schon bald unterliege die Steuerung des Drogenkonsums nicht mehr dem eigenen Willen.

Cannabis legalisieren - mit Auflagen

Vergleichsweise „harmlos“ ist nach Einschätzung Kollers der Genuss von Cannabis. Er führe zu keiner körperlichen Abhängigkeit. „Wenn die Kiffer aufhören wollen, werden sie nur unausstehlich“, so Koller. Auf Nachfrage befürwortete er eine Legalisierung von Cannabis. Allerdings mit deutlichen Auflagen, wie die Abgabe nur an volljährige Personen mit Namensangabe und in staatlich kontrollierten Shops. Das würde eine Entkriminalisierung der Beschaffung ermöglichen.

Heroin ist eine Droge, die laut Koller eigentlich out sei. Ihr Aufstieg begann in den siebziger Jahren mit der Flower-Power-Bewegung. Die Konsumenten wollten mit der „Scheißwelt“ nichts mehr zu tun haben. Hauptsächlich Männer spritzen sich Heroin, und die sind inzwischen um die 60 Jahre alt. 118 Konsumenten sind im Landkreis Schaumburg in einem Methadon-Programm mit begleitender Beratung. Methadon sorge nicht für einen Ersatz-Rausch, sondern dämpfe nur die Entzugserscheinungen.

Der Ausstieg aus der Alkoholsucht sei mit einem körperlich harten Entzug verbunden. „Ich habe in meinem Schreibtisch im Büro immer einen Flachmann liegen und kann im Notfall dem Patienten einen kleinen Schluck geben, etwa, wenn er einen Krampf bekommt“, so Koller.

Mehr alkoholabhängige Senioren

Inzwischen rutschen immer mehr Senioren in die Alkoholabhängigkeit. Wenn beim Eintritt in den beruflichen Ruhestand die Tagesstruktur nicht mehr da sei und die Gesprächspartner fehlten, bliebe für viele inzwischen nur der Griff zu Flasche, um mit dem Alltag klarzukommen.

Gegenwärtig werden laut Koller im Landkreis Amphetamine, die sogenannten „Partydrogen“, am meisten konsumiert. Sie sollen zunächst „Power“ geben, um vor Prüfungen wacher zu bleiben oder auf Feiern „besser drauf“ zu sein. Doch inzwischen würden diese Drogen vielfach auch zur Leistungssteigerung im Beruf genommen, was die große Gefahr berge, in der Abhängigkeit zu landen.

Wenn sich ein Drogenabhängiger nach einem Beratungsgespräch zu einem Entzug entschließe, sei dieses ein sehr langer Prozess, so Koller. In den ersten sechs Monaten werde nach dem körperlichen Entzug in Therapieeinrichtungen weitergearbeitet. Dabei werde nach Erfolgserlebnissen für jeden Einzelnen geschaut, sei es „Kühemelken“, Kunst oder die Arbeit in der Natur, „in jedem Fall etwas, das ihm das Gefühl der Befriedigung gibt“, so Koller. Daran schließe sich eine jahrelange Nachsorge in Selbsthilfegruppen an, wo die Teilnehmer gegenseitig „aufeinander aufpassen“.

Auf die Frage, ob ihn das Schicksal der Menschen, die sich von ihm beraten lassen, nicht belaste, antwortete Koller: „Es ist ein Spagat zwischen Wärme und Distanz, den ich hinbekommen muss, denn Mitleid ist das Schlimmste, was ich meinen Patienten antun kann, weil ich dann nicht mehr professionell helfen kann.“ gn