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Weihnachten – Freude kommt auf

Landesbischof Karl-Hinrich Manzke zum Christfest Weihnachten – Freude kommt auf

Vor 100 Jahren, in der Adventszeit 1912, malte Emil Nolde sein Bild von der Heiligen Nacht. Ein ungewöhnliches Krippenbild! Hier liegt das Kind nicht wie sonst üblich in der Krippe - und Eltern und Gäste scharen sich staunend und anbetend um das Kind. Sondern hier wird es von der Mutter geradezu triumphierend in die Höhe gestreckt. Es ist gerade erst durch den Geburtskanal ans Licht der Welt gekommen. Und die Eltern sind außer sich vor Freude über das neue Leben.

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Dr. Karl- Hinrich Manzke Landesbischof der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe

Quelle: pr.

Emil Nolde hat den Moment der unmittelbaren und ungebremsten Freude festgehalten. In seinen Lebenserinnerungen hat er zu diesem Bild aufgeschrieben: „In jenen Tagen im Advent 1912 malte ich und malte, Tag und Nacht. Und ich malte die Heilige Nacht, der Stern leuchtend am Nachthimmel und Maria mit ausgestreckten Armen ihren gottgeborenen Sohn, das Jesuskind, haltend, in höchstem Mutterglück“. Weihnachten ist dasjenige Fest im Jahreslauf, das die Lebensfreude als eine der wichtigsten Lebensäußerungen, zu denen wir Menschen fähig sind, in den Mittelpunkt stellt. Jeder Unbefangene spürt, dass die Lieder und die Musik des Weihnachtsfestes, die Botschaft wie die Bräuche der Weihnachtszeit aus unmittelbarer Freude entstanden sind. „Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude“ – so beginnt in der biblischen Weihnachtsgeschichte die Ansprache an die Hirten, die da in Bethlehem ihre Schafe hüten.

Jeder Mensch allerdings macht mehr als einmal im Leben die Erfahrung, dass es gar nicht so leicht ist, sich zu freuen. Freude kann man nicht herstellen und produzieren wie Weihnachtskekse und leuchtende Christbaumkugeln. Freude gehört zu den Lebensäußerungen, die unerwartet und auch unbestellt über einen Menschen kommen. Man kann sie nicht erzwingen, die Freude. Bei sich selbst nicht und bei anderen schon gar nicht. Es hat schon Menschen gegeben, die sich gegen ihren Willen mit einem Mal gefreut haben – und auch schon solche, die sich gerne freuen wollten und es nicht konnten.

„Ach, ich würde mich gerne mal wieder so richtig freuen können!“ - diesen Satz habe ich in diesem Jahr oft gehört. Von Menschen, die sich überfordert fühlen – von solchen, die aus einem seelischen Tief herauskommen möchten und auch von Menschen, die sich einsam und verlassen fühlen. Es ist zunächst nahe liegend, von der Erfüllung der eigenen Wünsche tiefe Zufriedenheit und Freude zu erwarten. Nach dem Motto: Wenn ich dieses berufliche Ziel oder jenen wirtschaftlichen Erfolg erreicht hätte, dann könnte ich mich wohl freuen. Es ist ein Irrtum, über die Erfüllung materieller Wünsche unzerstörbare Lebensfreude erreichen zu können. Denn das Gewünschte wird schnell selbstverständlich. Und je mehr Erreichtes und Geglücktes zur Selbstverständlichkeit wird, umso weniger können wir uns Menschen anscheinend daran freuen. Manche sind geneigt zu meinen, nur Kinder und Menschen in Not könnten sich noch wirklich freuen.

Zur Wahrheit des Lebens gehört: das, wovon wir eigentlich leben, können wir nicht herstellen! Nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nicht die Vergebung, nicht die eigene Ganzheit und Unversehrtheit. In Emil Noldes Heiliger Nacht streckt Maria ihren gerade geborenen Sohn dem Himmel entgegen als wollte sie sagen: „Schaut her: ein hilfloses, gerade zur Welt gekommenes Menschenkind, das für sein ganzes Leben Schutz und Zuneigung nötig hat. Freut euch mit mir an diesem wunderbaren und doch schutzbedürftigen, großartigen und zugleich immer gefährdeten Leben!“ Es ist der Grundzug des Lebens, bedürftig zu sein. Das betrifft das beginnende, das betrifft das leistungsstarke und scheinbar so selbst bestimmte Leben – und das betrifft das Leben auch dann, wenn die Lebenskräfte abnehmen.

Die Botschaft des Weihnachtsfestes ist nichts Geringeres als dies: Auf dem begrenzten und endlichen Leben liegt ein himmlisches Licht! Es ist von Gott gewollt und erschaffen. Deswegen: Seid gnädig und barmherzig mit anderen, seid auch barmherzig mit euch selbst.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Rechtfertigungsdruck und Leistungssteigerung auf allen Ebenen ein ungeheures Ausmaß erreicht haben. Wenn die deutsche Olympiamannschaft wie im vergangenen Sommer in London nicht die geforderte Medaillenzahl erreicht, wird schon mal der Rücktritt des verantwortlichen Ministers verlangt. Alle politischen Entscheidungen im Landkreis Schaumburg, auf Landesebene und auf Bundesebene stehen unter dem Druck, möglichst viele Ansprüche gleichzeitig zu erfüllen. Insofern ist die Bitte, nicht gnadenlos zu werden, hoch aktuell. Das alte und fast vergessene Wort „Gnade“ – es beschwört die Befreiung von dem Zwang, sein eigener Hersteller sein zu müssen. Der Mensch ist nicht durch seine Tauglichkeit und seine Verwendbarkeit definiert. Wir Menschen können uns nicht selbst rechtfertigen und müssen uns auch nicht allererst noch beweisen; nicht durch unsere Arbeit, nicht durch unsere Intelligenz und nicht durch unseren Witz. Wir Menschen sind nicht für andere Zwecke da.

Ich wage eine Behauptung. Die Weihnachtsgeschichte, die von der unerwarteten Erfahrung tiefer Freude erzählt, ist uns Menschen heutzutage näher als denen in vermeintlich besseren und früheren Zeiten. Uns, denen vieles so selbstverständlich geworden ist, ist doch Gott ferner gerückt als den Menschen früherer Tage. Sich für das Geschenk des eigenen Lebens und der Zeit auf diesem Planeten die Augen neu öffnen zu lassen – das ist der Kern der biblischen Weihnachtsbotschaft. Diese Erzählung von der Geburt des Gotteskindes in Bethlehem hat unsere Kultur geprägt – unser Denken und Handeln bis zum heutigen Tag bestimmt. Deshalb sollten wir ihr auch in Zukunft Gelegenheit und Raum geben, bei uns zu wirken. Denn nur wer eine Herkunft hat, hat eine Zukunft. Es könnte jedem, auch dem, der zur Nacht geweinet, zur Weihnachtszeit das Herz geöffnet werden zum Dank und zur Freude.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest 2012“

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