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Aus dem Landkreis Wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt
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00:25 26.03.2018
Bei der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (Icsi) wird das Spermium des Mannes direkt in das Zytoplasma einer Eizelle eingespritzt. Quelle: Symbolfoto, dpa
Landkreis

Vor acht Jahren hat Nadine Schneider (Name von der Redaktion geändert) die Pille abgesetzt. Kurz vorher hatten sie und ihr Mann geheiratet. „Und dann wollten wir das Thema Kinder in Angriff nehmen.“ Acht Jahre später hat das Paar noch immer kein Kind. Dafür einen Aktenordner voller Schreiben von der Krankenkasse und dem Klinikum Minden. Denn bereits vier künstliche Befruchtungen hat Schneider hinter sich.

Schneider ist jetzt 39 Jahre alt, „ich werde in diesem Jahr noch 40“, sagt sie und fügt erklärend hinzu: „Das ist die Altersgrenze für eine Frau in Deutschland für eine In-vitro Fertilisation.“ Vier Versuche liegen jetzt mittlerweile hinter ihr und ihrem Mann. Im April soll der nächste – und letzte – folgen. Sie halte diese psychische Belastung nicht mehr aus. Seit Kurzem nehme sie Antidepressiva, das habe ihr geholfen. Die vergangenen Jahre hätten sie jedoch gezeichnet – und auch die Beziehung mit ihrem Mann auf eine harte Probe gestellt.

Probleme liegen beim Mann

Dabei sei der Kinderwunsch anfangs gar nicht so stark gewesen, „aber mit der Zeit wurde ich immer unglücklicher. Für mich gehört ein Kind dazu, um das Leben zu vervollständigen“.
2014 ging das Paar erstmals zu einem Arzt, um abzuklären, warum es nicht schwanger wird. Dabei wurde festgestellt, dass „die Probleme bei meinem Mann liegen“. Im Frühjahr 2015 hat das Ehepaar die erste künstliche Befruchtung durchgeführt.

Die Befruchtung findet dabei außerhalb des Körpers in einer Petrischale statt. Vor der In-vitro Fertilisation (IVF) sorgt eine Hormonstimulation der Frau dafür, dass mehrere Eizellen reifen und damit die Chance auf ein Baby steigt. Über Tage musste sich Schneider selbst Spritzen setzen. „Sollte ich im Alter Diabetes bekommen, bin ich dafür gerüstet“, witzelt die 39-Jährige. Die Behandlung kann zu einer Überstimulation führen, die sich in Wassereinlagerungen, Übelkeit und Atemnot äußern kann. Davon berichtet auch Schneider, sie spricht von einem aufgeblähten Bauch und Schmerzen beim Wasserlassen.

Dann werden der Frau Eizellen entnommen, der Mann muss eine Samenspende abgeben. In einer Petrischale bringt der Arzt Samen und Eizelle zusammen, die befruchtete Eizelle wird der Frau dann eingesetzt. „Dann heißt es hoffen, bangen, warten.“ Der erste Versuch hat nicht geklappt, die Hoffnung keimte beim zweiten Mal auf. Das Ei hatte sich eingenistet. „Aber dann sagten mir die Ärzte, dass es sich nicht weiterentwickelt.“ Die Obernkirchenerin musste eine Ausschabung über sich ergehen lassen, „das war psychisch sehr belastend und ging mir nah“. Danach habe sie erst mal einige Monate Ruhe gebraucht. Auch ihr Körper habe eine Pause nötig gehabt.

Adoption kam nie infrage

Währenddessen habe sie sich stark zurückgezogen, „es tat zu sehr weh, Freunde mit Babys zu sehen“. Außerdem habe sie die gut gemeinten Ratschläge nicht mehr hören können: „Bleib ruhig, sobald du nicht mehr über den Kinderwunsch nachdenkst und dich entspannst, klappt es bestimmt.“ Oder auch die Hinweise, doch ein Kind zu adoptieren oder in Pflege zu nehmen. Das sei aber für sie nie infrage gekommen, „davon abgesehen, dass das ja auch überhaupt nicht einfach ist“.

Ständige Streitereien mit ihrem Mann seien eine Folge gewesen. „Natürlich gibt man dann auch seinem Partner die Schuld, man streitet sich, fragt, ob man überhaupt eine gemeinsame Zukunft hat oder man sich lieber trennt. Man sagt alles im Streit, die Nerven liegen blank.“ Dies habe schon vor den künstlichen Befruchtungen angefangen. „Weil man natürlich seinen Zyklus verfolgt und gezielt an diesen Tagen Geschlechtsverkehr hat, an denen die Fruchtbarkeit hoch ist. Das hat uns beide total gestresst und hatte nichts Spontanes mehr.“

Letzte Chance

Dabei wisse sie genau, dass ihr Mann das Prozedere nur ihr zuliebe erträgt. „Er hasst es, zum Arzt zu gehen. Die Untersuchung war für ihn natürlich nicht angenehm, deswegen hat es auch lange gedauert, bis unser Entschluss dazu gefallen ist.“ Ihr Mann habe nun auch deutlich gemacht, dass für ihn der fünfte Versuch der letzte sein soll.

Denn auch der dritte Versuch schlug fehl, beim vierten hatte sich die befruchtete Eizelle wieder eingenistet. „Wir haben wieder angefangen, zu hoffen.“ Aber der Albtraum passierte erneut: Es entwickelte sich nicht weiter, eine Ausschabung folgte. „Niemand kann beantworten, warum es sich nicht weiterentwickelt.“ Natürlich habe sie viel im Internet recherchiert, war in Foren unterwegs, wo sich Betroffene austauschen und gegenseitig Ratschläge geben. „Mit dem Schicksal der Menschen wird aber auch versucht, Geld zu machen.“ Es gebe allerlei Tees und andere Mittelchen, die Wunder versprechen.

Auch wenn Schneider in diesem Text anonym bleiben will, redet sie doch im Freundes- und Bekanntenkreis über ihren Kinderwunsch. Auch bei der Arbeit habe sie darüber gesprochen – „mein Chef hat das sehr gut aufgenommen“. Und sie wolle gern anderen Betroffenen in dieser Situation helfen. Deshalb will sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen, bei der sich Paare austauschen können. „Ich glaube, es tut gut, die Geschichten anderer zu hören.“ col

Wer Interesse an der Selbsthilfegruppe hat, kann sich bei Claudia Walderbach von der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbands melden: Telefon (0 57 22) 95 22 20, E-Mail: selbsthilfe.schaumburg@paritaetischer.de.