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Wenn die Osterdekoration zum Aufstand führt

Kreis Schaumburg / Autismus Wenn die Osterdekoration zum Aufstand führt

Autisten können nicht geheilt, aber ihnen kann geholfen werden. Einen Baustein dieser Hilfe bietet der Autismus-Regionalverband Schaumburg an, dessen neue Ansprechpartnerin die Münchehägerin Iris Wesling ist. Die Diagnose „Autismus“ hat sie für ihren Sohn Felix vor sieben Jahren bekommen.

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Mit Veränderungen im häuslichen Umfeld wie dem Osterhasen als Tischdekoration hat Felix gelernt umzugehen. Seine Mutter Iris Wesling ist für den zehnjährigen Autisten die wichtigste Bezugsperson.

Quelle: ade

Kreis Schaumburg (ade). Ein selbstgebastelter Osterhase und ein ebensolches Schaf zieren den Esszimmertisch. „Die hat Felix in der Schule gemacht“, sagt Iris Wesling. Früher, erinnert sie sich, da sei so etwas nicht möglich gewesen. „Da hätte eine Osterdekoration auf der Fensterbank schon zu einem Aufstand geführt.“ Das wäre schließlich eine Veränderung im gewohnten Umfeld gewesen.

Veränderungen in der gewohnten Umgebung hinzunehmen, das hat Felix mühsam lernen müssen. Dass er nun besser damit umgehen kann, das führt seine Mutter auf die intensive und jahrelange Förderung zurück. „Wie ein HB-Männchen“ habe er sich früher aufgeführt, wenn nur ein Stuhl nicht an seinem üblichen Platz stand. Nur seine Mutter und seine Schwester Birte wollte er im Haus haben, andere Menschen ließ er nicht über die Schwelle. Dass er nun bereitwillig ins Zimmer kommt, wenn Fremde da sind, sich sogar fotografieren lässt, sich die Fotos auf dem Display anschaut und kommentiert, das alles war vor Jahren noch undenkbar.

Als Felix drei Jahre alt war, hat Iris Wesling die Diagnose „Frühkindlicher Autismus“ im Sozialpädiatrischen Zentrum Hannover (SPZ) bekommen. „Das war einerseits ein Schock“, sagt sie, „andererseits wusste ich jetzt, woran ich bin.“ Lange Zeit hatte sie sich gesorgt, weil das Sprachvermögen ihres Kleinkindes sich zurückbildete, weil es sich bei Kleinigkeiten über Gebühr aufregte, nicht in der Lage war, sich mit ihr gemeinsam auf ein Buch zu konzentrieren. Von Kinderärzten bekam sie die Rückmeldung, dass Jungen eben häufig langsamer in der Entwicklung seien als Mädchen. Ein Arzt sagte gar, dass Felix wohl einfach ein ungezogenes Kind sei. Die Sorgen nahmen sie Iris Wesling damit nicht, irgendwann empfahl ein Arzt sie an das SPZ – und dort kam die Diagnose.

Im Internet hat sich Iris Wesling dann schlau gemacht, hat sich einer Selbsthilfegruppe von Eltern autistischer Kinder in Schaumburg angeschlossen, ist Mitglied im Autismus-Regionalverband Schaumburg geworden und hat um Förderung für ihren Sohn gekämpft. So besucht er nun die vierte Klasse der Förderschule in Stolzenau, bekommt Ergotherapie und Sprachförderung.

Sehr unterschiedliche Arten von Autismus gebe es, erzählt Iris Wesling. Die frühkindlichen Autisten litten häufig unter Sprachproblemen. Eine Diagnose für Asberger-Autisten gebe es meist erst nach der Einschulung, deren „Hibbeligkeit“ werde oft mit dem Aufmerksamkeitsdefizit ADHS verwechselt. Der High-Functioning-Autismus zeichne sich wiederum dadurch aus, dass eine hohe Intelligenz in Kombination mit irgendwelchen „Ticks“ vorhanden sei. Allen Arten von Autismus seien Wahrnehmungsstörungen und eine verminderte Fähigkeit gemein, soziale Bindungen einzugehen. Vielfältig sei auch die Ausprägung des Defizits. So habe sie etwa zu einer Mutter Kontakt, bei deren Sohn der Autismus erst im Alter von 19 Jahren festgestellt worden sei. Die Schule habe der junge Mann ganz normal beendet, erst im Beruf habe es Schwierigkeiten gegeben.
„Autismus ist ein Ding, das lebenslang da ist“, sagt Felix Mutter. Sie arbeitet daran, dass ihr Sohn eines Tages selbständig leben kann. Lesen und schreiben lernen, Einkäufe und einen Job machen, das wünscht sie sich für ihn, daran arbeitet sie, wenn sie wieder einmal eine Fördermaßnahme für ihn durchsetzen will. „Noch sieben Minuten!“, ruft Felix fröhlich aus der Küche. „Er kocht so gern“, sagt Iris Wesling, und nun sei die übliche Zeit, damit zu beginnen. Ein geregelter Tagesablauf, das sei Felix wichtig. Manches in ihrem eigenen Leben müsse für Felix Bedürfnisse zurückstehen, dafür hätten er und sie aber schon eine Menge erreicht.

Als neue Ansprechpartnerin im Regionalverband Schaumburg will Iris Wesling nun für Eltern auch über den Landkreis hinaus da sein, will Hilfestellungen geben, wenn es um die Vermittlung von Psychologen geht, um Antragstellungen, Förderung oder einfach nur den Erfahrungsaustausch. Zu erreichen ist Iris Wesling unter der Telefonnummer (01 70) 4 80 65 44).

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