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Wenn nur der Augenblick zählt

Demenz Wenn nur der Augenblick zählt

Demenz: Irgendwann geht es allein nicht weiter, auch die Angehörigen stoßen an ihre Grenzen und benötigen Hilfe.

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Mobil bleiben – auch im Alter. Ehrenamtliche in Schaumburg setzen sich für ältere und pflegebedürftige Menschen ein. Drei von ihnen sind Gisela Jürgens, Erhard Herrmann und Angela Müller (kleines Bild, von links).

Quelle: rg

LANDKREIS. Sie brauchen Menschen um sich herum, die sie im Alltag unterstützen – und stützen. Gisela Jürgens aus Stadthagen ist so eine Stütze. Sie gehört zu den insgesamt etwa 70 ehrenamtlichen Seniorenbegleitern des Senioren- und Pflegestützpunkts des Landkreises.

Die Ehrenamtlichen besuchen ältere, schwerbehinderte oder pflegebedürftige Menschen. Sie leisten Gesellschaft, unterhalten sich, lesen vor oder gehen gemeinsam Spazieren. Es sind nicht nur Menschen mit Demenz, die dort betreut werden. Aber gerade die Familien, in denen die Demenz auftritt, brauchen häufig Unterstützung. Jürgens hat einiges gelernt in der Zeit ihres Engagements: „Die Menschen mit Demenz können sich nicht ändern. Ich kann das aber schon.“ Ihr sei es wichtig, dass sich die Menschen wohlfühlen, wenn sie bei ihnen ist.

Mehrere Jahre betreute sie einen Mann, der an Demenz litt. Er wollte die Hilfe eigentlich gar nicht. „Da habe ich geschummelt und gesagt, dass ich das für die Anerkennung eines Praktikums brauche.“ Da habe er Jürgens‘ Gesellschaft dann doch akzeptiert. Mit seiner Frau habe sie immer noch Kontakt, obwohl der Mann mittlerweile gestorben sei.

Bedeutung ist gestiegen

Annette Behning vom Senioren- und Pflegestützpunkt betont, dass die Seniorenbegleitungen heutzutage besonders wichtig sind. Schließlich wohnen die Kinder häufig weit entfernt und auch Freunde und Bekannte können nicht immer helfen. Somit seien viele alte Menschen auf sich allein gestellt und in ihrem Alltag sehr einsam.

Freundschaften sind bei diesen Partnerschaften keine Seltenheit, schließlich ist die Begegnung eine sehr persönliche und intensive Zeit. „Nach den drei Stunden, die ich bei dem Mann zu Hause war, war ich allerdings platt“, sagt die 72-Jährige, die vor der Rente als Schulsekretärin am Ratsgymnasium in Stadthagen tätig war. Nach dem Berufsleben wollte sie sich ehrenamtlich engagieren. Da sei sie auf den Kurs „Duo. Ehrenamtliche Seniorenbegleitung“ gestoßen. Den habe sie samt Praktikum in einer Demenzabteilung absolviert.

Wichtig ist ihr auch die Angehörigengruppe für Menschen mit Demenz in der Alten Polizei –eine Kooperation mit dem Seniorenstützpunkt. 20 Angehörige kommen seit vielen Jahren regelmäßig zu den Treffen. „Das ist auch ein Zeichen, wie wichtig diese Treffen sind“, meint die Stadthägerin. Angela Müller aus Hespe absolvierte vor sieben Jahren ebenfalls den Duo-Kurs. Sie habe damals nach dem Tod ihres Mannes und der Pflege ihrer Mutter, eine schwere Zeit durchgemacht. „Als ich den Kurs gemacht habe, hat es mir gleich gefallen.“

Emotionale Komponente

Die anschließende Arbeit im Kreisaltenzentrum habe gemischte Gefühle in ihr ausgelöst, sie aber auch berührt. Müller betreute dann eine Zeit lang eine Frau. Der Hunger brachte sie zusammen: „Die Frau hatte so großen Appetit auf Pommes.“ Da sei Müller mit ihr losgezogen, in eine Pommesbude in der Nähe. „Es war eine solche Freude, diese Sehnsucht zu stillen.“ Und es habe gut mit den beiden funktioniert. Die emotionale Komponente der Arbeit sei jedoch nicht zu unterschätzen. Der Tod ließe sich nicht vermeiden, Es schmerze, wenn man jemanden verliert. Trotzdem sei die Arbeit mit älteren Menschen und gerade auch mit Dementen eine schöne, sagen Jürgens und Müller. „Ich mag die Menschen“, sagt die 59-Jährige. Bei ihnen zähle der Augenblick, niemand verstelle sich.

 Eine Freundschaft ist auch für Erhard Herrmann aus der Tätigkeit seines Ehrenamtes entstanden. Er ist ebenfalls Seniorenbegleiter beim Senioren- und Pflegestützpunkt und kümmert sich seit sieben Jahren um einen Mann mit Querschnittslähmung. Herrmann, der parallel noch Vorsitzender des Senioren- und Behindertenbeirates in Obernkirchen ist, betreute lange seine Mutter, eine Selbstverständlichkeit. Für ihn war es keine Frage, sich nach dem Berufsleben ehrenamtlich zu engagieren.

Wenn Familien Hilfe benötigen, seien die Hausärzte häufig keine große Hilfe. Auch die Apotheken seien oft nicht kooperativ, wenn es etwa darum geht, ein Plakat für eine Informationsveranstaltung aufzuhängen. Eine schlechte Erfahrung hat Jürgens auch in einem Stadthäger Café gemacht: Dort habe man sich geweigert, einen Tisch für eine Gruppe Menschen mit Demenz zur Verfügung zu stellen. „Da fehlten mir damals wirklich die Worte“, sagt Jürgens, und erklärt: „Ich habe dieses Café seitdem auch nie wieder betreten.“

Hürden nicht so hoch

„Der erste Ansprechpartner fehlt meistens“, sagt Herrmann. Hier setze der Senioren- und Pflegestützpunkt an, betont Claudia Kuhlmann, verwaltungsrechtliche Leiterin. „Bei uns sind die Hürden nicht hoch.“ Aber letztendlich müsse die Bevölkerung lernen, über das Alter und gewisse Krankheiten zu sprechen.

Neben der Seniorenbegleitung vermittelt der Senioren- und Pflegestützpunkt noch drei weitere ehrenamtliche Hilfen: Die derzeit 18 Nachbarschaftshelfer kümmern sich um neue Glühbirnen, das Aufhängen von Gardinen oder andere handwerkliche Aufgaben. Da auch das Erledigen des Schriftverkehrs viele ältere Menschen vor Probleme stellt, gibt es die zehn Formularlotsen. Zwölf Wohnberater schauen sich Wohnungen an und beraten die Menschen, was sie ändern können, um noch länger in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Um die vier ehrenamtlichen Hilfen in Anspruch zu nehmen, müssen die Hilfesuchenden entweder über 60 Jahre alt sein, einen Pflegegrad oder eine Schwerbehinderung haben.

Der Senioren- und Pflegestützpunkt organisiert regelmäßig Treffen und Fortbildungen für die Ehrenamtlichen. „Ein kleines Dankeschön ist wichtig“, sagt Kuhlmann. Die Fortbildungen und auch der Duo-Kurs seien wichtige Erfahrungen für die Ehrenamtlichen gewesen, sagen sie. „Wir haben zum Beispiel gelernt, wo die Grenzen des Ehrenamts liegen.“ Das sei sehr wichtig, sagt Jürgens. Sonst werde man schnell unzufrieden, vor allem wenn es einem schwer falle, auch mal „Nein“ zu sagen. Nicht jeder sei für eine Seniorenbegleitung gemacht. Man solle sich nicht zwingen, das funktioniere nicht. Nicht jede Situation sei leicht zu verarbeiten: „Aber das ist einfach das Leben“, sagt Jürgens. jemi

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