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"Wir ticken bloß anders"

Landkreis / Rocker-Szene "Wir ticken bloß anders"

Für den normalen Bürger ist die Welt der Rocker so weit weg wie der Amazonas und genauso exotisch. Trotzdem ist er von den „Motorcycleclubs“ fasziniert, deren Motto die legendäre Rockband Steppenwolf in die Welt gesungen hat: „Born to be wild“. Filme, TV-Serien, Bücher stricken am Image von Sex, Drogen und Rock ’n‘ Roll immer weiter. Was weiß man sonst?

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Quelle: dpa

Landkreis (wm). Rocker fahren Harleys, Harleys mit überlanger Gabel. An den Bikes Spiegel mit Knochenhand, offenem Vergaser oder dem als Ape-Hanger bekannten hohen Lenker. Der sei gut gegen Achselschweiß, scherzen die Rocker selbst. Ziel ist die eigene Harley-Davidson als Original, einmalig auf der Welt. Und was machen die Clubs außer Motorradfahren? Auch klar: Ausfahrten, gemeinsamen Urlaub, Feiern, Party.

 
Ein Journalist, der über Rocker schreiben will, begibt sich auf ein Minenfeld zwischen den bürgerlichen Lesern, die ihre Vorurteile über die Kuttenträger bestätigt lesen wollen und den Rockern, die ihre Clubs als Männerbünde verstehen, in denen sich jeder auf jeden verlassen kann, notfalls gegen den Rest der Welt, als Bollwerk gegen die Langweiler, die Normalos.

 
Selbstverständlich räumen Rocker ein, wenn man mit ihnen spricht, gebe es in ihren Reihen auch böse Buben. Aber auch aus den Reihen der Feuerwehr kommen Brandstifter, wie man weiß.
Für Rocker gilt der Mythos aller Männerbünde: Legst du dich mit einem an, hast du garantiert alle an den Hacken.

 
Gesprächig ist man in der Szene nicht gerade. Was in ihren Clubs so los ist, wollen die Biker aus verständlichen Gründen nicht in die Öffentlichkeit hinausgetragen wissen.

 
Und die Insider auf der anderen Seite, die sogenannten szenekundigen Beamten bei der Polizei, zeichnen sich auch nicht gerade durch Geschwätzigkeit aus. Die Sache wird noch dadurch kompliziert, dass die Szene gerade im Umbruch ist und sich neu sortiert. Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist, die Rocker der alten Garde kommen langsam in die Jahre, der Nachwuchs tickt mitunter etwas anders, ändert die Spielregeln. Auch bei den Harleys ist die Zeit nicht stehen geblieben, die sind moderner geworden: Man muss nicht mehr mit dem Schraubenschlüssel zwischen den Zähnen auf Tour gehen.

 
Das Image von Motorcycleclubs in der Öffentlichkeit, in den Medien, ist nicht gerade das Beste. Tausendmal haben Gangmitglieder solche Vorurteile schon gehört. Ein Schaumburger Journalist hat einmal mit „Micha“ von den Skulls in Bückeburg darüber gesprochen. Der hat geantwortet, was wohl die meisten Biker sagen würden: „Wir ticken bloß anders. Wir sind eine große Familie“. Rocker sein ist eben mehr als nur Harley zu fahren, Rocker ist eine Lebenseinstellung. Klar sind Rocker keine Chorknaben, aber auch nicht pauschal die Prügelknaben, zu denen sie oft gemacht werden.

 
Vor allem die Schlagzeilen in den letzten Monaten in allen Medien haben das Image nicht gerade angehoben: Revierkämpfe, die blutig ausgefochten worden sind. Durch die kriminelle Energie einzelner Clubs werden Rocker mit dem Rotlichtmilieu, mit Drogen- und Waffenhandel und seit Neuestem mit dem illegalen Arbeitsmarkt in Verbindung gebracht, im Sicherheitsgewerbe und in Tattoostudios verortet.

 
Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass viele Rocker bürgerliche Berufe ausüben, Familie haben, ein ganz normales Leben führen. Der Motorcycleclub Bandidos Osnabrück wurde beispielsweise bundesweit bekannt, weil ein Bandido-Mitglied Beamter der Berufsfeuerwehr Osnabrück ist. Der Osnabrücker Feuerwehrchef Jürgen Knabenschuh hat dazu gegenüber der Presse erklärt, der Bandido sei ein guter Feuerwehrmann, der eine hervorragende Arbeit mache. Er würde es als Chef natürlich lieber sehen, wenn der Mann eine Mitgliedschaft in einem Kaninchenzüchterverein hätte, aber die Bandidos seien schließlich nicht verboten.

 
Bei Youtube kann man sich ein Werbevideo von Carlsberg-Bier anschauen, das genial mit dem Doppelbild der Rocker spielt. Da wollen sich Leute einen Film anschauen, kommen in den Kinosaal, doch der ist voller Rocker. Nur noch zwischen den Bad Boys gibt es freie Plätze. Alle Kinogänger drehen wieder um, doch ein Pärchen traut sich. Sie setzen sich mitten zwischen die Rocker – und alle Rocker klatschen Beifall.

 
Wie sieht die Szene bei uns aus? Die szenekundigen Beamten (SkB) bei der Polizeiinspektionen Hameln-Pyrmont-Holzminden wie Nienburg-Schaumburg sagen übereinstimmend, sie hielten Kontakt zu den Clubs, hätten die durchaus auf dem Schirm, aber keineswegs unter der Perspektive eines Anfangsverdachts. Von illegalen Geschäften heimischer Clubs sei nichts bekannt. Definitiv nicht. Das ist eine klare Ansage.

 
Welche Clubs gibt es bei uns?
Wer hier recherchiert, ist überrascht, wie viele es sind, die mehr oder weniger unterhalb des öffentlichen Radars agieren. In Rinteln sind die Steppenwölfe und Met-Brüder mit eigenen Clubheimen zu Hause, in Stadthagen die Red Devils, in Bückeburg die Skulls, in Hameln der Spider MC.
Insider, die ebenfalls nicht gerade ihren Namen in der Zeitung lesen wollen, erzählen, selbstverständlich hätten kleine Clubs, die sogenannte „Supporter“ oder „Hangarounds“ Kontakte zu den großen Clubs, das gebiete schon der Respekt. Wobei sie offen lassen, wie man Respekt in diesem Fall näher definieren sollte, vermutlich als Gentlemen Agreement.

 
Unabhängig von den kleinen Clubs sind selbstverständlich auch im Schaumburger Land wie in Hameln-Pyrmont Mitglieder der großen Clubs unterwegs, denn auch als Rocker kann man Karriere machen. Auch auf Schaumburger Straßen hat man schon Kuttenträger mit dem geflügelten Totenkopf oder dem Mexicaner gesehen. Doch die Namen dieser Biker erfährt man, wenn überhaupt, nur durch Zufall.
Motorradclubs sind im Internet gut vernetzt, beispielsweise über die Plattform North Association, wo Termine ausgetauscht, Stammtische organisiert werden. Man kann diese Liste allerdings auch als Ranking lesen.

 
Im Vorjahr nannte das Innenministerium für Niedersachsen Zahlen: Danach gebe es in Niedersachsen 70 Clubs mit etwa 790 Rockern und Sympathisanten. Sechs Rockergruppierungen würden mit organisierter Kriminalität oder anderen schweren Verbrechen in Verbindung gebracht.

 
Seit Juli dieses Jahres ist nach einem Erlass des Niedersächsischen Innenministeriums das öffentliche Tragen von Symbolen und Kutten der großen Motorradgangs und ihrer Supporter verboten worden. Ob das Verbot bestehen bleibt, ist offen, denn in Bochum und Unna sind zwei Bandidos mit ihren „Fat-Mexican“-Kutten, der Figur mit Machete und Revolver, zur Bochumer Polizei marschiert. Bei dem darauf folgenden Prozess Ende Oktober wurden die Rocker aber freigesprochen. Der Richter begründete, die Ortsbezeichnungen auf den Kutten seien eine klare Abgrenzung gegen andere Clubs. Auch Fußballfanvereine würden nicht pauschal verurteilt, wenn ein Verein Randale mache. Die Staatsanwaltschaft hat gegen dieses Urteil Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt.

 
Das Thema „Hell’s Angels“ geriet in Rinteln in die Schlagzeilen, weil der Rintelner Amtsrichter Christian Rost gegen einen Berufskollegen in Hannover Strafanzeige gestellt hatte. Elf Mitglieder des Rockerklubs waren vom Landgericht Hannover zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Die Anklage hatte auf gefährlicher Körperverletzung und schweren Raub gelautet. Vor diesem Hintergrund sei ein sogenannter „Deal“ nach einem Geständnis der Angeklagten Strafvereitelung im Amt, so der Rintelner Richter.

 
In Rinteln haben die Met-Brüder ihr Clubhaus am Bahnhofsweg, wobei wohl unter Met das starke Getränk der Wikinger zu verstehen ist. Die Met-Brüder traten zuletzt bei ihrem Sommerfest an der Dankerser Straße mit einer Aktion an die Öffentlichkeit, die vor allem die Eltern des Kindergarten „Klaubauternest“ in der Breiten Straße gefreut hat: Met-Brüder bauten fachgerecht einen Bauwagen um. Der wurde gründlich aufgearbeitet, entkernt und mit einer neuen Inneneinrichtung versehen.

 
In Bückeburg gibt es seit 1979 den MC Skulls. „Micha“ beschrieb einem Journalisten das Grundprinzip der Skulls so: „Klasse statt Masse“. Die „Bikers News“, das Zentralorgan der deutschen Rocker hat den Skulls sogar einen ganzseitigen Artikel gewidmet. Skull ist Englisch und heißt Totenschädel.

 
Die Skulls feierten im August 2009 mit rund 500 Bikern Geburtstag am Bahnhof in Bückeburg, auch hier ist ein Journalist dabei, der schrieb: Rocker schätzen Rituale. Eindrucksvolle Präsente, die Freundschaft und Respekt der 30 Jahre Zusammenhalt ausdrücken werden immer erst „Leiche“ überreicht, dem Präsidenten vom MC Skull, denn in den Motorradclubs herrscht strenge Hierarchie. Bei manchen bürgerlichen Vereinen dürfte das übrigens nicht viel anders sein.

 
Auch die Spiders, der Motorradclub in Hameln, hatte im Juni 2011 einem Journalisten die Türen geöffnet. Auch dieser Club hat Geschichte, er ist 1977 gegründet worden, das Clubheim ist heute in Grupenhagen. Die Clubmitglieder haben normale Berufe, sind im Dorf gut gelitten.

 
Die Red Devils in Stadthagen kamen im Mai 2011 mit einem Konzert der Band „Hungrige Wölfe“ in ihrem Clubheim in die Schlagzeilen: Das Konzert der Band, die man der rechten Szene zurechnet, hatte zu einem Großeinsatz der Polizei geführt. Am Tag darauf wurde von den Behörden zurück gerudert: Dem Verfassungsschutz lägen nach Angaben der Landesregierung keine Erkenntnisse über eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen Rechtsextremisten und Rockern vor.

 
Vor zwei Jahren lief die Rocker-Serie „Sons of Anarchy“ im TV und wer bei Amazon googelt, stellt fest, Bücher über Motorradclubs sind inzwischen Legion. Und sie verkaufen sich gut, was die Anfangsthese dieses Berichtes, dass ganz normale Bürger von diesem Lebensstil am Rande des Gesetzes, manchmal darüber, durchaus fasziniert sind, dass sie teilhaben wollen, wenn auch nur vom sicheren Lese- oder Fernsehsessel aus. Das Kultbuch der Szene hat der US-Journalist Hunter S. Thompson geschrieben, der Mitte der sechziger Jahre die Hells Angels ein ganzes Jahr lang auf ihren Touren durch Kalifornien begleitet und am Alltagsleben der Gruppe teilgenommen hat.

 
Auch die Bandidos der ersten Stunde in Deutschland, Peter Maczollek und Leslav Hause, haben jüngst ihre Biografie veröffentlicht. Die beiden brachten den in den USA gegründeten Motorradclub vor 14 Jahren nach Deutschland und sind maßgeblich daran beteiligt, dass der Bandidos MC Germany heute rund 700 Mitglieder hat. Die beiden arbeiten übrigens in der Disposition einer Reinigungsfirma, sind verheiratet und haben Kinder.  wm

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