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Hochzeitshaus: In die Irre geführt

Hochzeitshaus: In die Irre geführt

Über Jahrhunderte hat im Hamelner Hochzeitshaus niemand geheiratet. Das Bürgertum feierte hier seine Hoch-Zeiten, das meint: Feste, Bälle und sonstige Gesellschaften. Erst in den 1950er Jahren holte die Stadtspitze das Standesamt ins Haus.

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Für die Erlebniswelt Renaissance waren sechs Standorte vorgesehen: Stadthagen, Bückeburg, Rinteln, Hameln, Bevern und Höxter.

Das Hochzeitshaus ist zwischen 1610 und 1617 aus Sandstein erbaut worden, den man aus dem Süntel herankarrte. Das prächtige Haus hat den Dreißigjährigen Krieg, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Die knapp zehn Jahre der Erlebniswelt Renaissance GmbH (EWR) stürzten den Weserrenaissance-Bau jedoch in seine tiefste Krise. Seit vier Jahren ist das Hochzeitshaus dicht – und niemand weiß, was aus ihm werden soll.

Wenn die Erlebniswelt Renaissance – wie von Politikern versprochen – ein Leuchtturm geworden wäre, dann hätte man das Hamelner Hochzeitshaus als dessen Signalfeuer rühmen dürfen. Von hier aus sollte das Großprojekt mit seinen fünf Dependancen gesteuert werden. In den Standort Hameln wurden 9.216.764 Euro investiert, davon Fördermittel aus Brüssel, Berlin und Hannover in Höhe von 6.451.735 Euro.

Der Bericht des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen reiht Beispiele für das Unvermögen des Generalunternehmers media ateliers köln (m.a.k.) aneinander, die Erlebniswelt Renaissance mit Technik auszustatten, die das tut, was sie tun soll. Am eindrucksvollsten dokumentieren dies die so genannten e-Guider, die nicht nur in Hameln eingesetzt wurden und nicht nur in Hameln versagten.

Die eGuider produzierte die GEcom aus Marl, Geschäftsführer: Waldemar Wiltzek. Der Dreh mit den elektronischen Führern war eigentlich up to date. Handtellergroße Computer sollten Touristen zu den Highlights der Ausstellungen lotsen und dort über Displays und Kopfhörer mit Informationen versorgen. Schon weit vor der feierlichen Eröffnung des Hamelner Hochzeitshauses am 1. September 2005 mehrten sich jedoch die Hinweise, dass die eGuider nicht viel mehr sind als teurer Schrott. Am 6. Oktober 2004 ließ sich der EWR-Aufsichtsrat die Computerchen vorführen. Tags drauf schickte m.a.k.-Chef Michael Smit GEcom-Programmierer Waldemar Wiltzek eine Brandmail. Er tadelte den Zulieferer dafür, zunächst eine Viertelstunde zu spät gekommen zu sein, um dann vor den versammelten Zelebritäten erstmal „eine Bastelstunde einzulegen“. Man sei „haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrappt“, schimpfte Smit. Wiltzek gab sich in seiner Antwort kleinlaut: Das Ganze habe auch ihn „nervlich ganz schön mitgenommen“. Er werde sich jetzt auf die Entwicklung des eGuiders konzentrieren, schließlich sei der sein „wichtigstes Projekt“.

Tatsächlich passierte: nichts. Das lässt sich am Standort Höxter lernen, der im Juli 2005 startklar sein sollte – so steht es im Bescheid zur Bewilligung der Fördermittel. Am 25. Juli schickte die m.a.k. 25 eGuider, produziert von Wiltzeks GEcom, nach Höxter, um diese begutachten zu lassen. Sie wurden aber schnell „wieder eingesammelt“, wie der damalige EWR-Geschäftsführer Holger Rabe den LKA-Ermittlern erzählte. Begründung: Es müssten noch „aufwendige Initialisierungs- und Programmierungsarbeiten“ erledigt werden, ein richtiger Test könne im September laufen. Dazu kam es nicht mehr. In dem Lager, in dem die eGuider aufbewahrt wurden, explodierte eine Bombe. Nach der Insolvenz der m.a.k. ließ EWR-Geschäftsführer Holger Rabe die beschädigten eGuider untersuchen. Ihnen fehlte das GPS-System, das die Touristen von A nach B und C geleiten sollte.

Die Methode, mit der sie sich irgendwie retten wollten, hatten m.a.k. und GEcom Potemkin abgeschaut. Der russische Fürst, wollte im 18. Jahrhundert gegenüber Katharina der Großen damit protzen, dass überall im Reich Siedlungen entstanden waren. Also ließ er Dörfer herrichten, deren Häuser lediglich aus eilig gezimmerten Fassaden bestanden – so lästerten jedenfalls Potemkins Konkurrenten um die Gunst der Zarin. Jahrhunderte später gab m.a.k.-Inhaber Michael Smit den Potemkin, während sich Geschäftsführung und Aufsichtsrat übertölpeln ließen wie Katharina die Große.

Die Eröffnung des Hochzeitshauses am 1. September 2005 ist schnell nacherzählt. Mitten in die morgendliche Pressekonferenz für internationale Medien platzte die Nachricht, dass die eGuider niemanden führen können. Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) spulte zwar tapfer seine Rede ab – das Projekt Erlebniswelt genüge „höchsten Anforderungen an innovativen Kulturtourismus“ –, aber so richtig froh wurde an jenem Tag niemand mehr. Nicht mal das Büfett, das unter neunarmigen Silberkandelabern aufgetischt wurde, konnte jene Gäste aus Politik und Verwaltung aufheitern, die um den Ernst der Lage wussten. Kaninchen und Milchkalb, Pute und Schwein, Lachs und Butterfisch gab es, dazu gegrilltes Gemüse, Datteln und Aprikosen; zum Nachtisch reichte man Beeren-Tarteletts.

Damit ist die ruhmlose Geschichte der eGuider aber nicht zu Ende. Um ohne die – zwischenzeitlich in Insolvenz gegangene - m.a.k. derartige elektronische Ausstellungsführer herzustellen, heuerte Erlebniswelt-Manager Thomas Gersmeier zunächst die ET Electrotechnology und dann die TecMedic Technology & Medicine an. Aber es war wie verhext: Der eGuider kam einfach nicht in Gang. Auch dieses Rätsel löste erst das LKA-Team. Sowohl bei ET als auch bei TecMedic hieß der zuständige Programmierer: Waldemar Wiltzek. Die GEcom hatte er zuvor in die Insolvenz geschickt.

Die Ermittler des Landeskriminalamtes glauben, dass das gesamte Projekt Erlebniswelt Renaissance für m.a.k.-Geschäftsführer Michael Smit nur ein Test war, um den eGuider zu entwickeln. Smit muss davon überzeugt gewesen sein, dass der eGuider ein Verkaufsschlager wird – aber nicht unbedingt um Kultur zu vermitteln, sondern um Autos zu verditschen. Im LKA-Bericht liest sich das so: „Mehrfach wird im Zuge der Ermittlungen deutlich, dass es vordergründige Intention von Michael Smit war, einen elektronischen Ausstellungsführer für Autohäuser zu entwickeln und später dann zu verkaufen.“ Auch der gescheiterte eGuider-Mastermind Waldemar Wiltzek verriet dem LKA: „Die EWR sollte nur ein Showroom sein – es lief ja auch unter dem Stichwort ‚Pilotprojekt‘.“ Wiltzek begründete seine Meinung mit einer Mail, die ihm Michael Smit am 7. Oktober 2004 geschickt hatte: „Verlassen Sie sich auf mich, ich werde den eGuider (und alles was dranhängt) vergolden.“

Die sonstigen Exponate, die m.a.k. ins Hamelner Hochzeitshaus räumen ließ, waren nicht viel besser als die eGuider. Beamer und Leuchtdioden liefen so heiß, dass die Exponate kollabierten; Handwerker hatten Smit gewarnt. Hilfsarbeiter und Angelernte löteten und schraubten in aller Eile Komponenten zusammen. Die m.a.k.-Macher hatten keinen Plan und kein Know-how, sorgten aber dafür, dass immer viele Arbeiter über die Baustelle wuselten. „Durch den hohen Personaleinsatz sollte der Auftraggeber in dem Glauben gelassen werden, dass eine zeitgerechte Auftragserledigung erfolgen würde“, schlussfolgert der LKA-Bericht.

Die Erlebniswelt Renaissance musste nach der Eröffnung 343.591,80 Euro zusätzlich in das Hochzeitshaus stecken, um irgendetwas herzeigen zu können. Von der zwischenzeitlich insolventen m.a.k. war keine Nachbesserung zu erwarten. Rechtlich abgesichert hatte sich die EWR GmbH für diesen Fall nicht, was das LKA in seinem Bericht „leichtsinnig“ nennt. Man könnte tausendundeinen Beleg dafür anführen, dass das Haus als Touristenattraktion nicht funktionieren konnte. Die Mängelliste reicht von einem Fahrstuhl, der nicht bis zu den Toiletten reichte, sodass Behinderte sich ihre Bedürfnisse verkneifen mussten, bis zu einer Klima-Anlage, die sinnfrei nur das Dachgeschoss wohl temperierte.

Um überhaupt jemanden ins Haus zu bekommen, senkte man den eigentlich vorgesehenen Eintrittspreis um ein Drittel. Half nichts: Statt der angepeilten 190.000 Besucher interessierten sich 2007 (bis zum 1. Oktober) nur 20.000 Besucher für das dünne Angebot. Die Technik war derart anfällig, dass Besucher nur in Gruppen eingelassen werden konnten. Die Pressestelle der Stadt Hameln jazzte diese Begrenzung zu einem „sanften Start“ hoch. Der „Technik-Crew“ gebe er „die Gelegenheit, das Verhalten der Besucher genau zu beobachten und das Führungssystem auf die Praxis auszurichten“.

Die Eröffnung des Hamelner Hochzeitshauses am 1. September 2005 läutete den Untergang der Erlebniswelt Renaissance ein. Am 1. Oktober 2007 schloss das Hochzeitshaus seine Pforten, 401 Jahre nach Baubeginn. Wenn es nicht – wie dieser Tage – repariert werden muss, lebt im Hochzeitshaus nur noch das Figurenspiel, das an der Fassade angebracht ist. Es zeigt den Hamelner Rattenfänger. Der musste bekanntlich nur ein paar liebliche Melodien flöten, damit ihm die Ratten selig in die nasse Weser folgen.

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