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„Wenn das rauskommt, gehe ich in den Knast“

Der Untergang der Erlebniswelt „Wenn das rauskommt, gehe ich in den Knast“

Drei Landkreise wollten mit politischer Hilfe aus Hannover und finanzieller Unterstützung aus Brüssel eine Erlebniswelt bauen, die den Baustil der Weserrenaissance feiert und Touristen zu Tausenden nach Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Holzminden lockt. Das ging gründlich schief, der finanzielle Schaden beträgt mehrere Millionen Euro. Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat untersucht, warum die Erlebniswelt unterging. Anhand des Berichts der Ermittler, der dieser Zeitung vorliegt, lässt sich erstmals detailliert zeigen, dass schon die Gründer der Erlebniswelt Renaissance GmbH schwere Fehler begingen (diese Seite), wie der Generalunternehmer das Projekt kaperte und plünderte, warum das jahrhundertealte Hochzeitshaus in Hameln schließen musste und welche Rolle die Politik in der Erlebniswelt spielte.

Im Frühjahr 2005 lastete so viel Druck auf Michael Smit, dass er Dampf ablassen musste. Der Unternehmer hatte sich völlig mit dem Millionenauftrag verhoben, im Weserbergland eine „Erlebniswelt Renaissance“ hochzuziehen. Als Generalunternehmer! Dabei waren Smits media ateliers köln (m.a.k.) doch nicht mehr als eine Klitsche, die in dem Städtchen Overath Präsentationen für Firmen zusammenbastelte. In einem Telefonat mit dem Ausstellungsbauer Heinz Jaeger gestand m.a.k.-Geschäftsführer Michael Smit, dass seine Firma so gut wie pleite ist. Dann sagte er: „Wenn das rauskommt, was hier gelaufen ist, gehe ich in den Knast.“ Diesen „harten Satz des Smit“, so erzählte Heinz Jaeger später den Ermittlern des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen, habe er „nie vergessen“.

Wer den LKA-Bericht zur Erlebniswelt Renaissance liest, kann nur zu dem Schluss kommen, dass man das Projekt schon sehr früh hätte stoppen oder komplett überarbeiten müssen. Spätestens am 19. Dezember 2007 war die Erlebniswelt Renaissance GmbH (EWR) jedoch mausetot. An jenem Tag schaltete der Aufsichtsratsvorsitzende Rüdiger Butte die Staatsanwaltschaft Hannover ein. Sie möge „Geschäftsvorfälle aus den letzten Jahren“ doch bitte „auf ihre strafrechtliche Relevanz prüfen“, schrieb Butte. Die Vorwürfe, denen die Staatsanwälte seitdem nachgehen, lauten: Untreue, Betrug, Subventionsbetrug und Insolvenzverschleppung. Dort sind zudem zwei Anzeigen eingegangen, eine davon anonym.

Die m.a.k. des Generalunternehmers Michael Smit war schon zwei Jahre pleite, als Rüdiger Butte zum Staatsanwalt ging. Es sollte zwei weitere Jahre dauern, bis die Politik dem Projekt die Unterstützung entzog und Fördermittel zurückverlangte. Das wiederum führte dann dazu, dass nun auch die Erlebniswelt Renaissance GmbH in die Insolvenz marschierte.

Acht Jahre, von August 2001 bis August 2009, hat die EWR GmbH vor sich hingewirtschaftet. Die Bilanz ist niederschmetternd:
• Die Erlebniswelt Renaissance liegt in Trümmern, die Idee ist zerstoben.

• Bis zum Frühjahr 2008 sind laut niedersächsischem Wirtschaftsministerium 14,2 Millionen Euro in das Projekt investiert worden. 9,8 Millionen Euro davon kommen von der Europäischen Union, vom Bund und vom Land Niedersachsen.

• Von dieser 9,8-Millionen-Euro-Förderung müsste die EWR GmbH der NBank 8,0 Millionen Euro zurückzahlen, wenn sie sich nicht in die Insolvenz begeben ­– manche sagen: gerettet – hätte. “Also bleibt das Problem wohl wieder einmal am Steuerzahler hängen“, sagt Bernhard Zentgraf vom Bund der Steuerzahler in (Niedersachsen). „Das Ausmaß der Verschwendung ist riesig.“

• Die EWR-Gesellschaft hat Subunternehmer, Zulieferer und Handwerker in den Abgrund mitgerissen. Ausstellungsbauer Heinz Jaeger ist mit einem tiefblauen Auge davon gekommen. Eine Viertelmillion Euro hat er verloren, weil er an der Erlebniswelt mitbauen und -verdienen wollte. Nur die schiere Größe seines Unternehmens rettete Jaeger vor dem Aus.

Die Weserrenaissance, die die EWR GmbH touristisch vermarkten wollte, geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Weil an der Weser und im Umland die Wirtschaft blühte, war viel Geld im Umlauf, sodass prächtige Höfe und Schlösser, Rathäuser und Kirchen gebaut werden konnten. Nachdem der Dreißigjährige Krieg auch die Weserregion verheert hatte, berappelte sie sich nur langsam. Der Baustil des Barock, der vielerorts boomte, war hier schlicht nicht zu finanzieren; deswegen erhielten sich die Gebäude, die man später unter Weserrenaissance subsummierte. Ironie der Geschichte: Die Erlebniswelt Renaissance, die Jahrhunderte später so spektakulär scheiterte, mästete man auch deshalb so kräftig mit Fördermitteln, weil die Region immer noch als „strukturschwach“ galt.

Die Idee für eine Erlebniswelt Renaissance hatte im Jahr 2000 das Münchner Büro für Sozial- und Freizeitforschung gehabt. Während eine Stadt wie Florenz die Renaissance erfolgreich vermarkte, gebe es in Deutschland touristisches Potenzial, das noch niemand erschlossen habe. Entlang der Weser, so die Autoren der Studie, liegt „die größte Renaissance-Landschaft nördlich der Alpen“. Es gelte, ein „Lebensgefühl Renaissance“ zu schaffen, das sich von Freizeitparks und purem Sightseeing abgrenze. „Verknüpfungsebenen von Vergangenheit und Gegenwart“ sollten „Projektions- und Identifikationsflächen für ein breitgefächertes Besucherspektrum“ schaffen.

Am 30. August 2001 startete die Erlebniswelt Renaissance GmbH. Am 27. Januar 2003 setzte sie die media ateliers köln als Generalunternehmer ein. Laut Eigenauskunft organisierte die m.a.k. „Produkt- und Unternehmenspräsentationen auf Bühnen, auf Messen, Ausstellungen oder sonstigen Anlässen“. Eine Messe dauert maximal eine Woche. Der Zeitraum, in dem die Erlebniswelt Renaissance mit öffentlichen Mitteln hochgepäppelt werden sollte, belief sich jedoch auf volle 15 Jahre.

Die Erlebniswelt Renaissance GmbH hat sich aus „nicht zu ermittelnden Gründen für m.a.k. als Generalunternehmer entschieden“, steht in dem Bericht, den LKA-Ermittler im Auftrag der Staatsanwaltschaft Hannover anfertigten. Wichtig sei offensichtlich gewesen, „ein langwieriges und EU-weites Ausschreibungsverfahren auf jeden Fall“ zu vermeiden. Was der Grund für die Nicht-Ausschreibung sei, bleibe aber letztlich spekulativ, meint das LKA; strafrechtlich sei diese Frage „aus Gründen der Verjährung“ irrelevant. m.a.k.-Mann Michael Smit tat jedenfalls alles, um den Auftrag der EWR GmbH zu ergattern. Am 22. November 2002 unterbreitete er dem damaligen EWR-Geschäftsführer sogar einen Vorschlag, wie man die Vergabevorschriften umgehen könnte – das LKA-Team fand ein Schreiben dieses Inhalts.
Michael Smits Brief an die EWR-Spitze vom 22. November 2002 ist noch aus einem Grund interessant. Darin lässt Smit anklingen, dass seine media ateliers köln den Auftrag dringend benötigt, weil sie klamm ist. Zwei Monate später lieferte sich die EWR GmbH der taumelnden m.a.k. völlig aus, indem Sie ihr den Großauftrag zuschanzte. Bis zu seiner Insolvenz im Dezember 2005 blieben die Overather hauptverantwortlich für ein Projekt, in das weit mehr als zehn Millionen Euro flossen.

Am 21. Mai 2004 traten die Landkreise Schaumburg und Holzminden der EWR GmbH bei, die bis dahin fast komplett dem Landkreis Hameln-Pyrmont gehört hatte. Das Stammkapital teilten sich Hameln-Pyrmont (150.000 Euro), Schaumburg (62.500 Euro) und Holzminden
(32.500 Euro). Unter dem Stichwort Erlebniswelt Renaissance wollte man von der Hamelner Zentrale aus künftig gemeinsam vermarkten, was Touristen bis dahin einzeln dargeboten worden war: in Bückeburg das Schloss, in Stadthagen Mausoleum und St.-Martini-Kirche, in Hameln das Hochzeitshaus, in Bevern das Schloss, in Rinteln und Höxter das gesamte Stadtensemble.

Weil aus der EWR-Zentrale bereits ein paar Ungereimtheiten durchgesickert waren, beauftragte das niedersächsische Wirtschaftsministerium 2004 die Wirtschaftsprüfer von KPMG, der EWR über die Schulter zu schauen. Am 4. Oktober lieferte KPMG den Bericht ab. Auszug: „In den Mittelanforderungen wurden Ausgaben für Leistungen der m.a.k. erklärt, für die bislang kein Honorarvertrag abgeschlossen wurde. Aufgrund dessen ist die Nachvollziehbarkeit der bisher berücksichtigten Abschlagsrechnungen nicht gewährleistet.“ Zum Zeitpunkt der KPMG-Prüfung war die Erlebniswelt Renaissance als Zusammenschluss dreier Landkreis gerade mal ein halbes Jahr alt. Dennoch türmte sich die Summe der Zahlungen an m.a.k, die die Prüfer beanstandeten, auf 2.146.058,65 Euro.

Mit wenigen Worten skizzierte die KPMG schon im Oktober 2004 das Muster, das die Beziehung zwischen m.a.k. und EWR prägen sollte: m.a.k verspricht Leistungen, lässt sie sich bezahlen, liefert dann aber entweder gar nicht – oder Technikschrott.

Als Reaktion auf den KPMG-Bericht setzte der EWR-Aufsichtsrat eine Untersuchungskommission ein. In dem Gremium saß je ein Landkreisvertreter. Die Leitung oblag einem Beamten aus dem Wirtschaftsministerium. Auszüge aus dem Abschlussbericht: „Bis auf den Rahmenvertrag konnten keine weiteren rechtsverbindlichen schriftlichen Verträge mit der m.a.k. zur Prüfung vorgelegt werden.“ Im Klartext: Obwohl Millionen an Steuergeldern ausgegeben wurden, war die Zusammenarbeit mit der m.a.k. eine besseres Handschlag-Geschäft.

„Schon 2002 waren die konkreten Probleme mit den Leistungen der m.a.k. bekannt.“ Im Klartext: Die EWR hat sich an einen Generalunternehmer gebunden, von dem sie mindestens ahnen konnte – wenn nicht wissen musste –, dass er auf tönernen Füßen steht.

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