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Zwei Windhunde plündern die EWR

Zwei Windhunde plündern die EWR

Als Michael Smit 2001 erstmals von der Erlebniswelt Renaissance erfuhr, stand er im 51. Lebensjahr. Er dürfte sofort verstanden haben, welche Chance zum Geldverdienen sich ihm eröffnete.

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Thomas Gersmeier (links) und Michael Smit durften als Generalunternehmer die Erlebniswelt Renaissance gestalten. Das trieb erst ihre Firma m.a.k. und dann die EWR GmbH in den Ruin.

Am 6. Juni las er die Studie des Büros für Sozial- und Freizeitforschung, das die Weserrenaissance als Schatz preist, den Touristiker nur noch nicht gehoben hatten.

Am 18. Juni führte er erste Gespräche zu dem Projekt.

Am 29. Juni änderte Michael Smit seinen Vertrag als Geschäftsführer von media ateliers köln (m.a.k.). Er erhöhte das Gehalt auf 10.450 Euro und sicherte sich außerdem Tantiemen, die sich am Gewinn der m.a.k. orientieren sollten. Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen schreibt in seinem Bericht: „Ob das in Aussicht stehende Projekt in direktem Zusammenhang mit den finanziellen Veränderungen steht, die Michael Smit in die Wege geleitet hat, konnte nicht geklärt werden.“ Dies gehört jedoch zu den sehr wenigen Problemen, die die Ermittler des LKA nicht knacken konnten.

Ein früherer Mitarbeiter der m.a.k beschrieb Smit gegenüber dem Landeskriminalamt als „jemand, der immer sehr lautstark, sehr sicher“ auftrat. Enge Mitarbeiter, so sieht es das LKA, suchte sich Smit danach aus, dass sie „leicht zu beeinflussen waren“. Zu seiner fachlichen Eignung notierten die Ermittler: Michael Smit ist „in höchstem Maße unprofessionell an das Gesamtprojekt heran gegangen“. Dann trafen sie eine ebenso schlichte wie wahre Feststellung: „Für ein Projekt in dieser Größenordnung, zudem aus öffentlichen Mitteln getragen, ist neben einer guten Idee das Know-how zur Umsetzung erforderlich.“

Thomas Gersmeier, heute 53, hat an der Werbefachlichen Akademie Köln Kommunikationsfachwirt gelernt. Jahre später sollten LKA-Ermittler ihn als „Kommunikationstalent“ bezeichnen, was allerdings nicht als Lob gedacht war. Er schaffe es „immer wieder, den Eindruck entstehen zu lassen, Terminverzögerungen würden nicht in seiner Verantwortung liegen“.

Nach seiner Ausbildung war Thomas Gersmeier durch die junge und bunte Sport- und Freizeitbranche gestromert, bevor er sich als Unternehmensberater selbständig machte. 1997 begann er, als freiberuflicher Projektplaner für m.a.k. zu arbeiten, mit Inhaber Michael Smit hatte er sich angefreundet. Gersmeier stieß Smit auch auf die Goldmine Erlebniswelt Renaissance, randvoll mit staatlichen Fördermitteln.

Thomas Gersmeier selbst muss der Auftrag, eine Erlebniswelt zu bauen, wie ein Sechser im Lotto vorgekommen sein. Im Jahr 2001, als das Projekt ins Rollen kam, befand er sich nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes in „angespannter finanzieller Lage“. Er pumpte sogar seine Schwester um 21.000 Euro an. Er müsse bloß ein paar Monate überbrücken, soll er ihr versichert haben, dann würden einige Projekte anlaufen.

Um die Erlebniswelt Renaissance GmbH in den fernen Provinzen Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Holzminden kontrollieren und steuern zu können, entsandte m.a.k.-Chef Michael Smit seinen Mitarbeiter Gersmeier in die Hamelner Zentrale. Vom 15. November 2002 bis zum 9. November 2004 wirkte Gersmeier bei EWR zunächst als Projektberater. Diese Umschreibung spiegelt seine Macht allerdings nicht wider. Andreas Manz, zu dieser Zeit vom Landkreis Hameln-Pyrmont zur EWR delegiert, hat es dem LKA so erklärt: „Gersmeier hatte eine umfassende Entscheidungsbefugnis für das operative Geschäft.“ Er, Manz, habe die Rechnungen als Geschäftsführer umstandslos frei gegeben, die er von Gersmeier zugeleitet bekommen habe. Manz: „Ich habe ihm sehr vertraut.“

Mit seiner Gutgläubigkeit machte es Andreas Manz einem „Kommunikationstalent“ wie Thomas Gersmeier leicht, alles durchzusetzen, was Michael Smit und er wollten. Heute scheint ihm das selbst klar zu sein. Dem Landeskriminalamt gegenüber räumte Manz jedenfalls ein, „hinsichtlich der Kontrollfunktionen seinen Aufgaben als Geschäftsführer nicht nachgekommen“ zu sein. Diese Größe, Fehler zuzugeben, begegnet dem, der den LKA-Bericht liest, nicht oft.
Auch in der Riege der Nachfolger von EWR-Geschäftsführer Andreas Manz war niemand, der Gersmeier das Wasser reichen konnte.
Ulrich Beste: Hielt sich drei Monate und 28 Tage im Amt.

Carsten Bartsch: Schaffte als Nebentätigkeit zu seinem Brotjob bei der Weserbergland AG gerade mal das erste Halbjahr 2007 und unterhielt zu Thomas Gersmeier, wie das LKA recherchierte, „ein freundschaftliches Verhältnis“.

Holger Rabe: Begleitete als letzter Geschäftsführer den Zusammenbruch der EWR. Der gelernte Historiker hatte den Geschäftsführer-Posten bereits im Jahr 2006 inne gehabt; dieses Intermezzo dauerte 14 Tage.

In den letzten zwei Jahren ihres betrieblichen Daseins verzichtete die EWR GmbH völlig auf einen Geschäftsführer.

Vom Anfang bis zum Ende litt das Verhältnis zwischen der Erlebniswelt Renaissance GmbH und Generalunternehmer m.a.k. darunter, dass man „weiche Verträge“ miteinander zu schließen pflegte. Der Ausdruck stammt von dem ehemaligen Geschäftsführer Holger Rabe. Jedenfalls verhinderte m.a.k.-Chef Michael Smit, dass ein detaillierter Konsortialvertrag aufgesetzt wurde, der die Leistungen und Zuständigkeiten bis ins Kleinste regelte. Vom 10. November 2004 bis zum 30. November 2006 amtierte Thomas Gersmeier als Geschäftsführer der Erlebniswelt Renaissance GmbH. Smit schickte Rechnungen, Gersmeier nahm sie in Empfang. „Großzügig“, so schrieben die LKA-Ermittler, „wurden von Gersmeier Rechnungen von m.a.k. durchgewinkt“ (siehe Grafik).

Mehr noch: Aus der EWR-Zentrale heraus formulierte Thomas Gersmeier die Texte für die Rechnungen, die Michael Smits m.a.k. einreichen wollte. Am 18. November 2004 schickte Gersmeier einem m.a.k.-Eventmanager jedenfalls eine Mail, aus der dies zweifelsfrei hervorgeht: „Im Laufe des Vormittags sende ich Dir die Texte (mit den Summen, die in Rechnung gestellt werden könnten).“ Weiter heißt es: „Definitiv können wir am Montag die Rechnungen anweisen, dann ist die Kohle Dienstag bei euch.“

Und damit immer noch nicht genug: Thomas Gersmeier war wohl an den Einkünften der m.a.k. aus der Generalunternehmerei für die Erlebniswelt Renaissance beteiligt, als Provision für die Akquise des Auftrags. Das heißt: Ein Teil der Honorare, die er als EWR-Manager der m.a.k. zuschanzte, floss in die eigene Tasche zurück. „Kickback“ heißt das, und erlaubt ist es natürlich nicht. Wasserdicht beweisen können die LKA-Ermittler den Deal nicht, aber die Indizien sind zahlreich und überzeugend.

Die meisten Menschen, die Michael Smit und Thomas Gersmeier kennen gelernt haben, neigen zu folgender Theorie: Den Millionenauftrag der EWR haben Smit und Gersmeier mit Taschenspielertricks ergattert, die ausreichten, Ministeriumsreferenten und Kommunalpolitiker zu beeindrucken. Als sie dann aber Glitzerzeug und Sensationen liefern sollten, kam aus Overath nichts mehr. Um ihr Versagen zu verdecken, griffen sie zu Mitteln, die Gerichte als kriminell einstufen könnten. Das banalste Beispiel hierfür mag der Laptop sein, den Thomas Gersmeier nach seinem Ausscheiden als EWR-Geschäftsführer zurückgeben sollte. Erst weigerte er sich, dann überschrieb er die Daten auf der Festplatte und beschädigte das Gehäuse. Dies habe dem Ziel gedient, „die Strafverfolgung zu vereiteln“, glauben die Ermittler vom Landeskriminalamt.

Aber sind Michael Smit und Thomas Gersmeier wirklich nur Taschenspieler, die sich schließlich in ihren eigenen Tricks verhedderten? Könnten sie nicht auch mit dem Vorsatz an die Erlebniswelt Renaissance herangetreten sein, die GmbH auszunehmen?

Dagegen spricht: Ihr Geschäftsmodell musste irgendwann auffliegen. Smit und Gersmeier dürften sich selbst gewundert haben, wie lange sie an ihrer Masche stricken durften.

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