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173 Jahre Kindergarten-Geschichte

Nikolai-Kita Rinteln 173 Jahre Kindergarten-Geschichte

Von der Kleinkinder-Bewahranstalt über die Kleinkinder-Schule bis zum Kindergarten: die älteste Kita in Schaumburg ist 173 Jahre alt. Doch wie
hat sich das Selbstverständnis der Kindergärten über die Jahrhunderte verändert? Wie stand man zu gewaltfreier Erziehung, Religion und was verdiente eine Kindergärtnerin damals? Zu Besuch in der Rintelner Nikolai-Kita.

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Heute, wie auch vor 173 Jahren, ist im Kindergarten viel Platz zum Spielen. 

Quelle: dpa

Von Cornelia Kurth

Mein Kindergarten“, so spricht Angelika Hamschmidt-Filz noch immer über den Rintelner Nikolai-Kindergarten. Mehr als dreißig Jahre lang war sie dort die Leiterin, eine wirklich lange Zeit, die aber dennoch nur einen Bruchteil der Geschichte des Kindergartens umfasst. Bereits vor 173 Jahren wurde er gegründet als einer der ersten Kindergärten Deutschlands überhaupt, zwei Jahre, nachdem der Pädagoge Friedrich Fröbel den ersten „Allgemeinen deutschen Kindergarten“ in Thüringen eröffnete. In Schaumburg darf der Nikolai-Kindergärten für sich in Anspruch nehmen, der älteste von allen zu sein und seit dem Jahr 1842 fast ununterbrochen für die Kinder Rintelns geöffnet zu haben.
„Kindergarten“, dieses Wort und das Konzept, das dahinter steht, es hat sich schon zu Fröbels Lebzeiten in der Welt ausgebreitet. „Kindergarten“ überstrahlt, so schreibt es in den fünfziger Jahren ein Autor der „Zeit“, als eines „der schönsten und erfolgreichsten deutschen Exportwörter solche zweifelhaften Welterfolge wie Weltschmerz, Angst und Blitzkrieg.“

Der Rintelner Kindergarten allerdings wurde zu Beginn noch „Kleinkinder-Bewahranstalt“ genannt, damals, als Pfarrer und Bürgermeister sich mit einem Aufruf an die Rintelner Bürgerschaft wendeten, um dann mit Erfolg einen Verein zu gründen. Diesem ging es ganz im Sinne Fröbels um humane und bewusst christliche Ziele in der Fürsorge für Kinder von „unterbemittelten und dürftigen Eltern“.
Zunächst waren es nur neun Kinder, die von der eigens in Hofgeismar ausgebildeten Rintelnerin Henriette Rödemeier betreut wurden. Doch schnell erhöhte sich die Anzahl auf 20 Kinder, die hauptsächlich aus Arbeiter- und Tagelöhner-Familien stammten und bereits morgens um sechs gebracht werden konnten, um dann, eine frühe Ganztagsbetreuung, abends um sieben Uhr wieder abgeholt zu werden.

„Mein Kindergarten“, das hat sicher auch Henriette Rödemeier gesagt, die 25 Jahre lang gegen freie Wohnung und Verpflegung und jährliche 25 Taler Verdienst „Aufseherin“ in diesem frühen Kindergarten war. Der Vorstand des Vereines hatte anfangs noch Skrupel, auch uneheliche Kinder aufzunehmen, bis man erkannte, dass die christliche Ausrichtung der neuen Institution gerade den besonders benachteiligten Kindern Unterstützung anbieten müsse. Sechs Pfennig pro Woche hatten die Familien für Verpflegung und Betreuung zu bezahlen.
Bald verstand sich die „Kleinkinder-Bewahranstalt“ als „Kleinkinder-Schule“, eine Bezeichnung, die bis zum Jahr 1945 beibehalten wurde.

Seit dem Jahr 1873 waren es Diakonissen, die sich um die Kinder kümmerten und dafür als „Lehrdiakonissen“ und „Kinderschwestern“ ausgebildet wurden. Diakonissin Marie Schmacke, die von 1919 bis 1953 im Nikolaikindergarten arbeitete, hat mit ihrem 33-jährigen Engagement Angelika Hamschmidt-Filz sogar noch übertreffen können.

Eine ihrer Mitarbeiterinnen erzählt in der Festschrift zum 150-jährigen Geburtstag des Kindergartens von ihrem Arbeitsalltag. Während Schmacke mit den älteren Kindern nach dem gemeinsamen Frühstück die „Lernecke“ aufsuchte, versammelte sie die Kleineren zur „Spielstunde“.
Dabei stützten die Frauen sich auf das damals geradezu revolutionäre und auch heute noch genutzte Grundkonzept von Fröbel. Der Pädagoge, Schüler Pestalozzis und entschiedener Verfechter der Idee, dass Kinder so früh wie möglich gefördert werden sollten, hatte das umfangreiche Buch der „Mutter- und Koselieder“ herausgebracht und zudem Spielmaterial entwickelt, darunter einfache rechteckige Holzbausteine oder die drei „pädagogischen Grundformen“, Kugel, Würfel und Zylinder. Das allen Kindergartenkindern bekannte Kennenlern-Spiel „Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir (zum Beispiel) den Peter herbei“, stammt ebenfalls von ihm.
In seinen Schriften zur Menschenerziehung sticht eine für das 19. Jahrhundert absolut unkonventionelle Auffassung über den Umgang mit kleinen Kindern hervor: der gänzliche Verzicht auf physische und psychische Gewalt. Wer sein Kind liebt, der schlägt es eben gerade nicht und überschüttet es auch nicht mit ständiger Kritik und Moralpredigten.

Fröbel verteidigte Rousseaus Grundgedanken, dass die Kindheit eine Lebensstufe mit eigenem Wert sei und das Kind selbst ein Weltentdecker, dem die Erwachsenen die Türen öffnen müssen. Ohne ihn hätte es den Beruf der „Kindergärtnerin“ kaum gegeben, den Beruf einer Art „professionellen Mutter“, die den Kindern dabei hilft, die Welt, den göttlichen Plan und dabei sich selbst zu entdecken.
Angelika Hamschmidt-Filz nun liebt den Begriff „Kindergärtnerin“ nicht, ebenso wenig wie ihre langjährigen Mitarbeiterinnen Elke Hering und Nicole Götze. „Dieses Wort klingt so, als seien wir bloße ’Basteltanten‘, und nicht Erzieherinnen mit einer vierjährigen komplexen Ausbildung“, sagt sie. „Immer noch, trotz Kita-Gesetz und dem Orientierungsplan für Bildung, erfährt unser Beruf eine zu geringe Wertschätzung, was sich im Übrigen auch in der Bezahlung ausdrückt.“ Was in ihren Augen nicht wirklich berücksichtigt werde: „Der Kindergarten ist nicht mehr, wie es Fröbel sah, eine Ergänzung der Erziehung durch die Eltern, er tritt oft geradezu an ihre Stelle.“
Je selbstverständlicher beide Elternteile arbeiten, je weniger Geschwister in einer Familie lebten und die Kleinen zudem kaum noch mit anderen Kindern spielten, desto bedeutsamer sei der soziale Treffpunkt Kindergarten auch für Kinder, die nicht aus „unterbemittelten und dürftigen“ Familien kommen. „Viele kennen nicht mal die einfachsten Höflichkeitsformeln, wie sich zu begrüßen, um etwas zu bitten oder sich zu bedanken“, sagt sie.

Elke Hering, die ebenfalls seit 1983 im Nikolai-Kindergarten arbeitet, erzählt eine Geschichte, wie sie mit den Kleinen über den Flohmarkt ging und dort einer der Verkäufer seine Stofftiere verschenkte. Jeder durfte sich eines aussuchen und umsonst mitnehmen. „Und was war? Kein einziges der kleinen Kinder hat sich bedankt!“ Als ihr das auffiel, kehrte sie mit der Gruppe um und das Bedanken wurde nachgeholt. Auch so eine Erfahrung fürs Leben.
In offenen Lerngruppen eignen sich die Vorschulkinder soziale Kompetenzen ebenso an wie den Umgang mit Schere, Stift und Papier, mit echten Spielen, die den häuslichen Fernseher ersetzen, und mit Büchern, die bei so manchem Kind im häuslichen Umfeld kaum noch eine Rolle spielen. Auch die christliche Erziehung findet fast nur noch im Kindergarten statt. „Um die Vermittlung von christlichen Werten geht es ja sowieso schon immer“, sagt Hamschmidt-Filz. „Doch ist es für uns auch von Bedeutung, dass die Kinder das Beten lernen und die biblischen Geschichten hören.“
Jeder, egal welcher Religionsgemeinschaft er angehört, kann in den Nikolai-Kindergarten gehen, der von jeher eine evangelische Einrichtung war. Den Löwenanteil der Kosten übernimmt schon lange nicht mehr der ursprüngliche Verein, sondern die Stadt und das Land. Was es mit Ostern, Pfingsten, Advent und Weihnachten auf sich hat, das erfahren alle Kindergartenkinder. Wenn es aber um einen Gottesdienstbesuch geht, darf man problemlos fernbleiben, wenn die Eltern das so wollen.
Viele kirchliche Kindergärten wurden während der Naziherrschaft geschlossen. Nicht so aber der Nikolai-Kindergarten mit seinem freien Verein. Das und die ungebrochene Unterstützung, die der Kindergarten von der Bürgerschaft erhielt, trug dazu bei, dass der Kindergarten eine so lange, kontinuierlich fortgeführte Geschichte aufweisen kann.
Hamschmidt-Filz und ihre Kolleginnen fragen sich durchaus, wie es um die Zukunft der Kindergärten insgesamt bestellt sein wird. Anders als früher gibt es kaum noch Vollzeitstellen, auch ein Grund dafür, warum so wenig Männer im Erzieherberuf arbeiten. Die Frauen, die wie ihre Vorgängerinnen Fröbels Erziehungsideen über die vergangenen fast 175 Jahre weitertragen, sie fürchten, dass es immer schwerer sein wird, Menschen zu finden, die unter den aktuellen Rahmenbedingungen das Kind im Kinder-Garten im Sinne Fröbels „wie eine Pflanze hegen und pflegen“ wollen.

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