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50.000 Flüchtlinge für Schaumburg

Thema des Tages 50.000 Flüchtlinge für Schaumburg

„2010 waren es 359, im Jahr 2012 schon 464, und aktuell (Stand 1. Juni 2014) sind bereits 699 Flüchtlinge da“, zeigte sich kürzlich Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises Schaumburg, besorgt. Die Unterbringung gestalte sich zunehmend schwierig. Die Frage, wo und wie die vom Land vorgegebene Zuweisungsquote erfüllt werden könne, sei nach wie vor ungeklärt. Solche Klagen hätten vor 75 Jahren ein verwundertes Kopfschütteln ausgelöst. Damals erreichte die Region die größte Einwanderungswelle ihrer Geschichte.

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Die Zahl der Zeitzeugen aus der Zeit des großen Flüchtlingszustroms nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt immer mehr ab, bald werden die Leiden und Opfer der Heimatvertriebenen nur noch durch Erinnerungsfotos dokumentiert.

Quelle: Repros

Von Wilhelm Gerntrup

Unsere nach Ende des Zweiten Weltkriegs hierzulande lebenden Altvorderen hatten es mit Problemen ganz anderen Kalibers zu tun. Beinahe monatlich rollten neue Flüchtlingszüge heran. Um die Unterbringung der Insassen kümmerte sich höheren Orts keiner. Wenn überhaupt, ging zwei oder drei Tage zuvor bei der Kreisverwaltung ein Telegramm aus Hannover ein. In knapper Form waren Termin, voraussichtliche Ankunftszeit und ungefähre Anzahl der Insassen angegeben. Um alles Weitere hatten sich die Verantwortlichen vor Ort zu kümmern. Damit war in erster Linie der Bürgermeister gemeint. Ihm wurden die zutiefst leidgeprüften und oft nur mit einem Köfferchen oder Rucksack und mit einem Baby auf dem Arm aus den Waggons kletternden Menschen quasi vor die Tür gesetzt. Kein Wunder, dass die Nerven blank lagen.
„Warum schickt ihr nicht gleich 250?“, schrie am 25. Mai 1948 Bürgermeister Becker aus Hohnhorst (heute Samtgemeinde Nenndorf) ins Telefon. Gerade eben war ihm vom Kreisflüchtlingsamt Rinteln die Ankunft von 50 „Neuen“ im Laufe der nächsten drei Tage durchgesagt worden. Der lautstarke sarkastische Protest des Ortsvorstehers fand ebenso wenig Gehör wie die schriftliche Ankündigung seines Kollegen Wittrock aus Rohden (heute Stadtteil Hessisch Oldendorf), dass die Gemeindevertretung einstimmig und unwiderruflich beschlossen habe, „jede weitere Zuteilung von Flüchtlingen abzulehnen“. „Wir haben zurzeit 909 Einwohner gegenüber einem Friedensstand von 480 Einwohnern“, rechnete Wittrock in dem geharnischten Brief seiner vorgesetzten Behörde vor. „Wenn demnächst auch noch die 55 bis 60 vermissten oder in Gefangenschaft festgehaltenen Soldaten aus dem Dorf nach Hause zurückkommen, haben wir eine Überbelegung von 100 Prozent.“ Hinzu komme, dass viele Häuser im Ort durch Kriegseinwirkung schwer beschädigt und unbewohnbar geworden seien.
In den hiesigen Kreisverwaltungen hatte man für die Probleme vor Ort durchaus Verständnis – ändern oder gar verhindern konnte man den Zustrom nicht. Die Verteilung der Flüchtlinge auf und innerhalb der Besatzungszonen regelten die Siegermächte. Nach ihren Vorgaben setzten sich in unregelmäßigen Abständen von den Sammellagern entlang der sowjetischen Zonengrenze aus Eisenbahnzüge in Gang. Das Gros der Neuankömmlinge hierzulande kam aus den Auffanglagern Friedland und Uelzen. Routen und Zielorte legten die englischen Militärs in Hannover fest. Die in den Waggons hockenden Menschen waren zuvor entlaust und mit einer Mahlzeit gestärkt worden. Wo es hingehen würde, wussten sie nicht. Bis zur Endstation fuhr Militärpolizei mit.
Da die Alliierten von den Verhältnissen und Besonderheiten in ihrer Besatzungszone keine Ahnung hatten, kam es – zumindest in den ersten Jahren – zu haarsträubenden Fehleinschätzungen. So wiesen die Briten bei einer der ersten großen Verteilaktionen Ende 1945 den beiden Nachbar-Regionen Lippe (Lippe-Detmold) und Schaumburg gleich viele Flüchtlinge (jeweils 50 000) zu, obwohl im bevölkerungsarmen Lippe deutlich mehr Wohnraum verfügbar war. Zu einer besonders krassen Ungleichgewichtung kam es auch im damals noch selbstständigen Staat Schaumburg-Lippe. Die Regierung musste sich – neben und zusätzlich zur Versorgung der Heimatvertriebenen – um die Unterbringung der Einwohner von Meerbeck, Cammer und Frille kümmern. Die Leute der drei Dörfer hatten ihre Häuser auf Befehl der Besatzer zugunsten der „Displaced Persons“ (in erster Linie befreite Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter) räumen müssen. Noch größeren Stress bereitete den Behörden und Politikern des kleinen Landes die Einquartierung von 8000 Army-Angehörigen. Die meisten von ihnen ließen sich mit ihren Familien in beschlagnahmten Häusern in Bückeburg und Eilsen nieder. Die bis dato darin wohnenden Einheimischen waren kurzerhand auf die Straße gesetzt worden.
„Mit diesem Zustand würden wir uns ohne Weiteres abfinden, wenn wir das Bewusstsein hätten, dass unser Land nur in dem Maße mit Flüchtlingen belegt wird, als dies einer gerechten Verteilung unvermeidlich ist“, beklagte sich die schaumburg-lippische Landesregierung im April 1946 bei der Militärregierung. Doch daran gebe es erhebliche Zweifel. „Aus den Ortschaften, die an der Grenze des Landes liegen, wird gemeldet, dass die außerhalb der Grenze liegenden Ortschaften nicht entfernt so stark mit Flüchtlingen belegt seien wie die schaumburg-lippischen Ortschaften.“ Bei dieser Sachlage glaube man, „bitten zu müssen, dahin zu wirken, dass weitere Flüchtlinge nicht zugewiesen werden“.
Die zaghaft vorgetragene Beschwerde war mehr als berechtigt. Auch wenn überregionale Vergleiche wegen der unterschiedlichen Erfassungszeiträume schwierig sind, steht doch fest, dass das Schaumburger Land zu den damals am heftigsten von der Flüchtlingsproblematik gebeutelten niedersächsischen Gegenden gehörte. Die Einwohnerzahlen stiegen mancherorts um mehr als das Doppelte an. Der Zuwachs in den Kreisen Rinteln, Stadthagen und Bückeburg zwischen 1945 und 1955 liegt bei 40 bis 60 Prozent.
Vielerorts konnte der nicht enden wollende Flüchtlingsstrom nur durch Einrichtung von Sammelstellen und Massenunterkünften bewältigt werden. Im Kreis Grafschaft Schaumburg wurde ein stetig zunehmender Anteil in Gasthaus-Sälen (darunter Kretzer in Exten, „Börse“ in Hessisch Oldendorf, Deichmann in Großenwieden und Seegers in Haste) sowie in Schulen und Turnhallen (wie in Obernkirchen und Rinteln) untergebracht. Am längsten war die städtische Turnhalle in Rinteln belegt. Diese wurde erst – nach heftigen Protesten der Schulen und Sportvereine – 1950 geräumt. Auch in Schaumburg-Lippe mussten bereits ab Mitte 1946 immer mehr Flüchtlinge in Notquartieren untergebracht werden. Das Gros waren heruntergekommene Ex-Kriegsgefangenen-Baracken. Entsprechend schwierig bis menschenunwürdig waren die Lebensbedingungen. In Röcke stellten die Bückeburger Kreis-Kontrolleure extreme Schimmelbildung fest, in der Notunterkunft Evesen wimmelte es von Ungeziefer, und in Warber stand den 50 Insassen nur ein einziger Abort zur Verfügung. Kein Wunder, dass immer wieder Fälle von Tuberkulose und Typhus auftraten.
Auch vonseiten der privat Untergebrachten gab es reichlich Anlass zu Klagen. Dabei war die Zuweisung – trotz der amtlich vorgegeben vier Quadratmeter pro Person – einigermaßen erfolgreich verlaufen. Das Gros der Alteingesessenen zeigte Solidarität und Mitgefühl. Dorf- und Straßennachbarschaften kurbelten Möbel-, Kleider- und Lebensmittelsammlungen an. Doch dann, als deutlich wurde, dass die neuen Nachbarn Dauergäste bleiben würden, wendete sich das Blatt. Die im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten sind voll von Klagen und Beschwerden. Hausbesitzer verlangten Wuchermieten. Des Öfteren wurde das Zimmer der Fremden für den aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Sohn oder Bruder beansprucht. Wohnungseigentümer verweigerten die Mitnutzung von Küche und/oder Toilette. Andere regten sich über die vor der Haustür spielenden Kinder auf. Nicht selten kam es auch vor, dass die Frau des Hauses abends um zehn den Strom abstellte oder eigenhändig die Glühbirne aus der Fassung drehte. Das unfassbare Leid, das die Landsleute aus dem Osten durchgemacht hatten, schien verdrängt, vergessen – oder beides.
Manch einem der Vertriebenen wurde aufgrund der Schikanen bewusst, dass er von einem Großteil der Einheimischen als Bürger zweiter Klasse betrachtet wurde. „Wir fragen die Landesregierung, haben wir Flüchtlinge, Evakuierte, Ausgewiesene und Ausgebombte diesen Krieg allein verloren und zu bezahlen?“, wandten sich im Februar 1948 die 22 in einem Massenquartier in Stadthagen untergebrachten Flüchtlingsfamilien an den niedersächsischen Innenminister. „Das Wenige, was man uns ließ, ist unser Leben – und dieses macht man uns zur Qual.“
Es sollte noch viele Jahre dauern, bis sich die Zustände normalisiert hatten und sich Alteingesessene und Neubürger als „ein Volk“ verstanden. Dass das schließlich gelang, darf – auch angesichts der heutigen Diskussionen – als eine Mut machende Leistung unserer (Ur-)Großmütter- und (Ur-)Großväter-Generation gelten.

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