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Abgerückt vom Schmusekurs

Thema des Tages Abgerückt vom Schmusekurs

Bei Jürgen Kruska und seiner „Hirschkuppe“ in Steinbergen haben sich Politiker aller Parteien zeitweise die Klinke in die Hand gegeben. Denn Kruska stand immer an der vordersten Front der Sozialpädagogik. Ein überzeugter 68er, der längst vom „Kuschelkurs“ abgerückt ist und heute sagt: Jugendliche brauchen klare Regeln.

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Jürgen Kruska zeigt ein neues Schulbuch für sein Tuareg-Projekt in Afrika. 

Quelle: wn

Kruska zog jetzt Bilanz:40 Jahre Hirschkuppe.

Mit verhaltensauffälligen und kriminell gewordenen Jugendlichen durch die Sahara fahren, oder durch die USA? Außer Jürgen Kruska, Heimleiter der Hirschkuppe in Steinbergen, wäre damals – vor 30 Jahren – wohl kein anderer Pädagoge auf diese verrückte Idee gekommen.
Haben die Fahrten das gewünschte Ergebnis gebracht? Ja und nein, sagt Kruska heute. „Wir waren begeistert von den Ideen der 68er-Generation, wollten weg von der Rohrstock-Pädagogik der Adenauer-Ära. Vielen haben die Reisen geholfen, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Es sind aber auch viele gescheitert.“
Sozialpädagogik ist wie jede Wissenschaft immer im Wandel. Auch sie hat ihre Erfolge und Irrtümer. Kruska hat das Auf und Ab miterlebt und aus seinen Erfahrungen ein eigenes Konzept entwickelt. Kruska sagt heute, manche Hoffnung der liberalen Pädagogik hätte sich nicht erfüllt. Er ist abgerückt vom „Schmusekurs“ und setzt als Erfahrung von 40 Jahren als Heimleiter auf Struktur, klare Regeln, Grenzen aufzeigen, gleichzeitig Talente fördern, Mut machen.
Es waren teilweise schockierende Erlebnisse, die Kruska zu dieser Erkenntnis gebracht haben. Reportern der Tageszeitung „Die Welt“ hat er Fotos von Erzieherinnen gezeigt, die von Jugendlichen angegriffen und verletzt worden sind. Jüngst lief die Geschichte der Berliner Richterin Kirsten Heisig im Fernsehen, die vergeblich für einen konsequenteren Vollzug bei Jugendlichen gekämpft hatte und an der Trägheit der Behörden gescheitert war.
Kruska weiß, wovon diese Frau gesprochen hat. „Es geht nicht an, dass Jugendrichter, die häufig mit falschen pädagogischen Idealen ihren Beruf antreten, rückfälligen Jugendlichen vier oder fünf Mal die gelbe Karte zeigen und bloße Verwarnungen aussprechen.“ Bewährungsstrafen würden von den jungen Straftätern fast immer als Freispruch missdeutet. „Man muss bestrafen, um ihnen zu zeigen: bis hierhin und nicht weiter. Alles andere ist ein Freifahrtschein in immer mehr Kriminalität“, sagt Kruska.
Zum Glück habe er in schwierigen Zeiten bei der heimischen Polizei immer Partner gefunden. Mit dem damaligen Rintelner Polizeichef Gerhard Bogorinsky hat Kruska 1998 den Präventionsrat gegründet und mit der „Vereinigten Turnerschaft“ die Boxstaffel. Als Ventil für Jugendliche aus dem Ausland, die sich vorher auf der Straße geprügelt hatten. Und seine Jugendlichen mussten zu einem „polizeilichen Erziehungsgespräch“, wenn sie Mist gebaut hatten.
Das ist die eine Seite. Die andere, dass Kruska in der Heimpädagogik immer wieder neue Wege erprobt hat. Da ist die Sache mit der Einrichtung eigener Schulklassen in der Hirschkuppe. So etwas ist im Schulgesetz eigentlich nicht vorgesehen. Es ist Kruska gelungen, die zuständigen Mitarbeiter im Kultusministerium von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass verwahrloste und psychisch auffällige Kinder erst einmal Selbstkontrolle lernen müssen, bevor man sie auf Kinder und Lehrer einer normalen Schule loslassen kann. Diese Schule im Heim gibt es noch heute.
Und Kruska hat als Erster gemischte Gruppen für Mädchen und Jungen eingeführt und weibliche Erzieherinnen eingestellt. Ein Tabubruch und erwartungsgemäß gab es damals einen Aufschrei in der Heimszene. Heute ist das längst ein unstrittiges Konzept für Kinder und Jugendliche, einen familiennahen Alltag aufzubauen, in dem sie sich einbringen können, Verantwortung lernen, auch die Konsequenzen ihres eigenen Handels erfahren. Und Kruska hat die Institution der „Gruppen-Oma“ eingeführt, die sich, „ohne auf die Uhr zu schauen“, der Sorgen und Nöte der Kinder annimmt, ganz praktisch da ist, auch mal Kuchen backt.
Kruska hat noch heute ein Domizil für die ganz schwierigen Fälle: In Schweden gibt es mitten in den Wäldern eine Holzhütte, wo die Jugendlichen ihre Lebensmittel nach einem Fußmarsch durch den Wald mit dem Rucksack aus dem nächsten Dorf holen müssen. Hier wird Teamwork zur Überlebenstechnik.
Und eine Überraschung wurde auch die Sache mit der Babypuppe. Ein Baby, sagt Kruska, ist für Teenies das Sinnbild einer heilen Familie. Doch was ein Baby im Alltag bedeutet, wissen sie nicht. „Dass dann nichts mehr ist mit Chillen, das wird völlig ausgeblendet.“ Daher erhalten Teenager 14 Tage lang eine lebensechte Babypuppe, die entsprechend programmiert ist. Der erste Schock lässt nicht lange auf sich warten: Das Baby schläft nicht durch, es weint, obwohl die Windeln trocken sind. Und morgens, wenn der Teenager in die Schule muss, was dann? Dann muss Pflege organisiert werden, was bedeutet, eine Erzieherin muss sich bereit erklären, auf das „Kind“ aufzupassen.
Kruska war noch Student, gerade vor dem Abschluss, als er in Steinbergen das Gelände an der Hirschkuppe mit drei Häusern des ehemaligen Schwesternheims vom Friederikenstift Hannover gekauft und saniert hat. Den Mut muss man erst mal haben und felsenfest von seinem Konzept überzeugt sein. Und man muss eine Bank finden, die bereit ist, dieses Abenteuer mitzumachen und eine Millionensumme für Kauf und Sanierung bereitzustellen.
So ganz freiwillig hatte sich Kruska allerdings auf den Deal nicht eingelassen. Denn ursprünglich sollten die Häuser nur gepachtet werden, ein Verein die Trägerschaft für das Kinder- und Jugendheim übernehmen, Kruska lediglich als Heimleiter fungieren.
Doch die Herren kniffen, als es zum Treueschwur kam. So standen im Jahr 1975 die Manager des Friederikenstifts bei Kruska vor der Tür und stellten den Studenten vor die Alternative: kaufen oder ausziehen. Da waren im Haus aber bereits 15 Kinder und mehrere Erzieher tätig. Kruska sagt heute: „Wir wollten nicht aufgeben, der Standort in Steinbergen mit dem 20 000 Quadratmeter großen Grundstück direkt am Wald war einfach ideal für Kinder und Jugendliche.“
Heute würde man Kruskas Konzept als unternehmerische Weitsicht begreifen. Heute, nach 40 Jahren, weiß Kruska, es war die richtige Entscheidung. Kruska sagt, er habe zum Glück nicht nur bei der Sparkasse, sondern auch beim Landesjugendamt in den ersten schwierigen Jahren immer Ansprechpartner gefunden, die mitgezogen, ihn unterstützt haben.
Doch es gab auch Probleme, mit denen er nie gerechnet hatte: Die Zahlungsmoral ausgerechnet der Behörden war nicht die beste. Als der Landkreis Detmold nicht für einen Jugendlichen zahlen wollte, kündigte Kruska sich bei der Sekretärin des Landrates an. Er werde den Jugendlichen jetzt mitbringen und den Landrat bitten, ihn als Pflegekind aufzunehmen. Kruska: „Das Geld kam per Blitzüberweisung.“
Als ihn die Stadt Hannover monatelang hängen ließ, meldete er sich im Büro des damaligen Bürgermeisters Schmalstieg: „Hier RTL Hamburg. Von Herrn Kruska, Heimleiter vom Jugendhof Hirschkuppe, haben wir gehört, dass Sie seit Monaten die Unterbringungskosten für einen Jugendlichen nicht zahlen. Wir wollen darüber im Fernsehen berichten.“ Am nächsten Tag, sagt Kruska, war das Geld da.
Das Modell „Hirschkuppe“ kennt man unter den Sozialpädagogen und Heimbetreibern in ganz Niedersachsen. So gaben sich eine Zeit lang Minister und Politiker aller Parteien in der Hirschkuppe die Klinke in die Hand. Kruska war als Gesprächspartner in allen Fragen der Sozialpädagogik gefragt, wurde in Fachpublikationen, sogar der Gewerkschaft der Polizei zitiert.
Aus den meisten Jugendlichen, die die Hirschkuppe verlassen haben, sind gute Bürger geworden, Familienväter und Mütter mit gesicherter Existenz. Kruska bekommt von vielen Ehemaligen ein Feedback. Sie erzählen ihm, wie sie jetzt leben, was sie tun. Erst jüngst hat ihm eine ehemalige Bewohnerin ganz stolz eine Mail geschickt, sie sei stellvertretende Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes geworden.
Die Klientel heute, sagt Kruska, hat sich gegenüber dem vergangenen Jahrzehnt verändert. Damals waren es 14- bis 16-jährige Jugendliche, die ins Heim gekommen sind. Viele hatten bereits eine kriminelle Karriere hinter sich. Heute sind es achtjährige, psychisch auffällige Kinder aus zerrütteten Familien.
Kruska hat das Heim im Laufe der Jahrzehnte ausgebaut, verbessert, angebaut. Heute wohnen im Heim 47 Kinder, betreut von 16 Erziehern, einem Psychologen und einer Lehrerin. Mit dem technischen Personal und der Küche ist die Hirschkuppe mit 32 Mitarbeitern ein gestandenes mittelständisches Unternehmen.
Tochter Rabea, selbst Diplom-Sozialpädagogin, ist seit ein paar Jahren mit im Heimmanagement. Bis 70, scherzt Kruska, werde er wohl weiter mitmachen. Man kann es verstehen, das Heim ist schließlich sein „Kind“, das er groß gezogen hat, das jetzt erwachsen ist.
Und Kruska hat sich immer wieder dort engagiert, wo seine Fachkenntnisse als Sozialpädagoge und sein Know-how als Heimleiter gebraucht wurden. Er hat in Peru, in Lima, ein Heim für Straßenkinder mit aufgebaut, das von den SOS-Kinderdörfern übernommen worden ist und weiter geführt wird. In Argentinien gibt es das Projekt „La Carlota“, das zeitlich begrenzt Jugendliche aufnimmt, bis sie sich psychisch wieder stabilisiert haben.
Und in Afrika hat er gemeinsam mit Edgar Sommer ein Hilfsprogramm für Tuareg-Kinder gestartet. Es hat mit Schulbüchern angefangen, erzählt Kruska, die wurden in Riga gedruckt, um Kosten zu sparen. Es folgten Lebensmittelspenden, dann ist mithilfe einer großzügigen Spende eine richtige kleine Schule für die Nomadenkinder aufgebaut worden, sogar eine Computerklasse gibt es dort inzwischen. Jetzt soll ein Internat folgen. Kruska sagt, das muss man sich nicht vorstellen, wie bei uns. In Afrika ist das ein Lehmbau mit Strohdach. Die Schüler schlafen auf Matten.

von Hans Weimann

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