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Thema des Tages / Mit dem selbst gebauten U-Boot auf Tauchgang Abgetaucht

Anstatt es beim Anklicken von Videos auf Youtube zu belassen und sich von den Taten anderer berieseln zu lassen, gehen zwei Freunde aus dem Weserbergland einen Schritt weiter. Sie haben sich inspirieren lassen und selbst ein U-Boot gebaut. Am Doktorsee in Rinteln sind sie zum ersten Mal auf Tauchgang gegangen.

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Bietet Platz für zwei Personen: das 1,4 Tonnen schwere Mini-U-Boot. Die sechs Zentimeter dicke Frontscheibe eröffnet den Blick auf die Technik, die das Schiff tauchen und die Besatzung überleben lässt.

Quelle: jch

Von Jobst Christian Höche

 Vor gut 30 Jahren hatten zwei Jungs einen Plan. Stephan Torster und Kai Wienckowski planten in den achtziger Jahren den Bau einer mächtigen Unterwasserstation.Geld war für sie kein Thema und die Beschaffung der nötigen Baumaterialien stellte rückblickend kein Problem dar. Die Umsetzung scheiterte damals nur an einem Mann. Dem Vater von Stephan Torster, der das Projekt in seinem Gartenteich mit einem strikten „Nein“ in letzter Sekunde verhinderte. Schade!

 Da das Leben nach schweren Enttäuschungen ja aber irgendwie weitergehen muss, sind die Freunde aus Kindheitstagen drangeblieben. Als die heute 41-Jährigen im vergangenen Winter eher zufällig auf ein Youtube-Video stießen, das den Bau und die Taufe eines selbst gebauten U-Bootes zeigte, rückte der alte Traum vom Abtauchen wieder in greifbarere Nähe. „Wir haben uns gedacht, dass wir das auch hinkriegen“, sagt Kai Wienckowski. Auf verschiedenen Seiten im Internet haben sie sich darauf hin nach Plänen, Tipps und Hilfestellungen für den Bau eines Unterseebootes umgesehen. „Die Teile für unseren ersten Versuch hatten wir schnell zusammen“, erklärt Wienckowski. Zum Einsatz kamen Schläuche aus dem Baumarkt, Salatschüsseln von Ikea und andere leicht zu beschaffende Haushaltsgegenstände. Ein alter Druckwassertank bildete das Cockpit. Der Rest wurde mehr oder minder professionell zusammengeschweißt und so hingebastelt, dass das Tauchgerät „Keto“ im April 2013 einsatzbereit war. „Es hat alles funktioniert. Aber wir wollten mehr, vor allem tiefer tauchen können.“ Die maximale Tauchtiefe des ersten Prototyps lag bei maximal 40 Metern, nicht genug für die Bastler, die im professionellen Leben ihr Geld als Unternehmensberater und Industriemechaniker verdienen.

 Ein neues Boot sollte her, das bis in eine Tiefe von 400 Metern tauchen kann. Außerdem soll es internationalen Sicherheitsanforderungen genügen, um es gewerblich nutzen zu können.

 Bereits im Sommer begannen die Vorbereitungen für den Bau der „Comet“. Hierfür bestellten Wienckowski und Torster zwei zentimeterdicke Stahlhalbkugeln bei einem Spezialhersteller, Durchmesser rund eineinhalb Meter. Mit der Hilfe eines U-Boot-Bauers in Berlin bauten sie außerdem die Frontscheibe des neuen Bootes selbst, in dem sie eine sechs Zentimeter dicke Scheibe auf 170 Grad erhitzten, um sie mit einer hydraulischen Presse in Form zu bringen. Kugel und Scheibe bilden zusammen die Kabine des U-Bootes für eine Zwei-Mann-Besatzung.

 Rund 2000 Arbeitsstunden

 Den eigentlichen Baustart des 1,4 Tonnen schweren Fahrzeugs datiert Wienckowski, der als gelernter Industriemechaniker viel handwerkliche Erfahrung hat, auf Anfang August. Seitdem baut er stark auf das Verständnis seiner Frau, denn: rund 2000 Arbeitsstunden wurden bisher in den Bau der „Comet“ investiert. Die Arbeitstage hätten nicht selten bis zu 16 Stunden gedauert, erzählt der Erbauer. Oftmals kurz vor dem Aufgeben, weil irgendetwas einfach nicht so passen wollte, wie es hätte müssen, konnten die zwei Freunde vor einigen Wochen erstmals die Schwimmfähigkeit des Gerätes im Mittellandkanal testen. „Da haben wir aber nur getestet, ob das Teil überhaupt schwimmt“, so Wienckowski. Außerdem sollte überprüft werden, ob das Boot stabil im Wasser liegt, gut austariert ist. Mit Gewichten wurde nachjustiert, um die Lage zu stabilisieren.

 Am Mittwoch, 6. November, ging es nach weiteren langen Tagen in der Werkstatt dann zum zweiten Mal ins Wasser. Diesmal zum Doktorsee bei Rinteln. Als Tauchrevier wegen der begrenzten Tiefe und der schlechten Sicht eigentlich eher ungeeignet, bietet der See für den Test optimale Bedingungen, denn: „Wenn wir absaufen, sinken wir nicht gleich 40 Meter in die Tiefe“, sagt Kapitän Wienckowski, der die drei verschiedenen Antriebe des Schiffes mit einer Fernbedienung steuert. Bei etwas mehr als zweieinhalb Metern ist im Jachthafen am Doktorsee Schluss mit den dunklen Tiefen.

 Drei Versuche braucht es, bis das eiförmige Boot endgültig unter der Oberfläche verschwindet. „Wir mussten vorher zwei Mal zurück, um mehr Blei an Bord zu nehmen“, erklärt Co-Pilot Torster nach der geglückten Tauchfahrt. Kein Wasser eingebrochen, alle Systeme haben funktioniert, wie geplant. Es sei ein ganz besonderes Gefühl gewesen, plötzlich die Sicht nach draußen zu verlieren, und sicher unter Wasser manövrieren zu können. Dank 3-D-Echolot an Bord der Comet, war auch die schlechte Sicht kein Problem für die beiden Freunde. Bald soll der Härtetest folgen: „Wir wollen das Boot in einer Druckkammer offiziell abnehmen und zertifizieren lassen.“ Nur so ist es später möglich, das Boot auch gewerblich zu nutzen.

 Auch wenn er seinem Freund blind vertraut, kann sich Torster auch auf die Sicherheitstechnik an Bord verlassen. Alles ist doppelt gesichert. Jedes Ventil hat ein weiteres Sperrventil, die Versorgung mit Sauerstoff und die Regler für den Auftrieb immer paarweise vorhanden. Sollte es trotzdem zu einem Ausfall kommen, bleiben der Crew eine Vielzahl von Möglichkeiten, um sicher an die Oberfläche zu gelangen, erklärt Wienckowski: „Eine Totmannschaltung sorgt für sofortigen Aufstieg, sollte im Schiff niemand mehr reagieren. Ansonsten können wir die Tanks einzeln mit Pressluft ausblasen, eine Notboje zur Bergung aufsteigen lassen oder das Boot aufgeben und mit Sauerstoffmasken an die Oberfläche tauchen. „Eine Option, die wir hoffentlich nie in Erwägung ziehen müssen, denn allein die Materialkosten der Comet betragen rund 30000 Euro“, erklärt Wienckowski. Rechnet man die Arbeitsstunden mit hinein, werden daraus schnell mehr als 150000 Euro.

 Für die kommenden Wochen planen die U-Boot-Fahrer nach der geglückten Jungfernfahrt nun ein Treffen mit Kollegen in der Nähe von Leipzig. Dort soll es dann in einem alten, gefluteten Tagebaugebiet deutlich tiefer hinab gehen. Wenn ihre Träume in Erfüllung gehen, wollen sie ihr Boot und ihre Dienste irgendwann Bergungsunternehmen, Archäologen oder Firmen anbieten, die Hilfe bei der Kontrolle von Pipelines oder Off-Shore-Windparks benötigen.

 Anstatt es beim Anklicken von Videos auf Youtube zu belassen und sich von den Taten anderer berieseln zu lassen, gehen zwei Freunde aus dem Weserbergland einen Schritt weiter. Sie haben sich inspirieren lassen und selbst ein U-Boot gebaut. Am Doktorsee in Rinteln sind sie zum ersten Mal auf Tauchgang gegangen.

 Warum braucht ein U-Boot dicke Wände?

Jedes Schiff braucht einen stabilen Rumpf, damit es sicher im Wasser unterwegs sein kann. Der Rumpf eines U-Bootes muss noch deutlich dicker sein als der eines normalen Schiffes, weil unter Wasser der Druck auf das Schiff steigt. In zehn Metern Tiefe ist der Druck bereits doppelt so hoch wie an der Oberfläche, in hundert Metern zehn Mal so groß. Ein Schiffsrumpf aus zu dünnem Stahl würde in dieser Tiefe wie eine Getränkedose zerdrückt werden.

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