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„Abitur auf Teufel komm raus“

Thema des Tages „Abitur auf Teufel komm raus“

Raus aus der Schule, rein ins Leben: für viele junge Menschen ein Schritt, der Jahr um Jahr hinausgezögert wird. Sie verharren lieber im vertrauten Schulsystem und träumen auch als mittelmäßige Schüler vom Studieren. Wenn sie sich doch
bewerben, dann konzentrieren sie sich auf die überlaufenen „Top Ten“ unter den 500 Ausbildungsberufen. Woher kommt diese Angst vor einer echten Entscheidung?

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Für viele Schüler ist die Berufswahl die schwierigste Entscheidung, die sie je zu treffen haben.

Quelle: dpa

Jedes Jahr organisieren die Arbeitsagenturen von Hameln und Schaumburg sogenannte „Ausbildungsmessen“ für junge Leute. Zahllose Unternehmen aus den Landkreisen präsentieren sich dort und werben aufwendig um interessierte Schulabgänger, die eine Lehr- oder Ausbildungsstelle suchen. Doch auch bei diesen Veranstaltungen zeigt sich, was seit Jahren Trend ist im Land: Obwohl so viele junge Leute eigentlich arbeitssuchend sind, und obwohl mit Informationsblättern und Plakaten auf die Veranstaltungen aufmerksam gemacht wird, nimmt doch nur ein relativ kleiner Teil an diesen Ausbildungsmessen teil. „Früher haben die Eltern ihren Kindern Ansagen in Sachen Berufsausbildung gemacht“, sagt Christina Rasokat von der Pressestelle der Hamelner Arbeitsagentur. „Doch das ist nicht mehr so. Viel zu viele Schüler wollen auf Teufel komm raus das Abitur machen – und scheitern daran.“
Cornelia Kurth, Leiterin der Arbeitsagenturen im Landkreis Schaumburg und langjährig erfahren in der Berufsberatung, sieht das ganz genau so. „Die Gesellschaft sagt: ,Du musst studieren!‘“, meint sie. Tatsächlich sei das Schulsystem ausgesprochen durchlässig, um auch Haupt- und Realschüler Richtung Abitur zu führen. Das Problem dabei: Viele fliegen schon vor der 12. Klasse wieder raus. „Von denjenigen, die es schaffen und ein Studium beginnen, brechen 30 Prozent vorzeitig ab“, so Cornelia Kurth. „Statt spätestens dann eine Lehre in Betracht zu ziehen, heißt es: ,Was könnte ich denn noch studieren‘.“
Was auf den beiden diesjährigen Ausbildungsmessen wieder zu beobachten war: Dass die jungen Leute oft etwas ratlos zwischen den Ständen herumgingen, um mal hier, mal da eher zufällig stehen zu bleiben. Nicht selten waren es die Ausbilder, die die Schüler ansprachen und ihnen Mut machten, sich zu informieren. „Viele Schüler und Schulabgänger sind besorgt, weil sie denken, ihre Zensuren seien nicht gut genug“, sagt Christina Rasokat. „Andere glauben, dass sie sich mit einer Ausbildungsentscheidung für die nächsten vierzig Jahre festlegen. Dann geben sie der Angst vor einer Entscheidung nach, halten sich aus allem raus, und was soll ihnen auch schon passieren: Ihre Familien und das soziale Netz fangen sie ja noch ein paar Jahre auf.“
Was ist da nur los? „Na ja“, sagt Cornelia Kurth. „Es gibt genug Schüler, die bekommen 300 Euro Taschengeld, und Mama geht dafür putzen. Sie haben ihr All-inclusive-Paket: Kostenfreies Wohnen, Taxiservice zur Party, ein voller Kühlschrank, Klamotten – es entsteht einfach kein Leidensdruck, der dazu drängt, Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen.“ Die Vorstellung, auszuziehen, acht Stunden am Tag zu arbeiten, den Alltag zu organisieren, das mache oft Angst. „Dann lieber weiter zur Schule gehen, wo man auch mal fehlen kann, wo es Ferien gibt und alles immer weiter so ist, wie es zuvor schon war.“
Dazu käme, dass häufig ganz unrealistische Ansprüche an sich selbst gestellt würden. Mal abgesehen von denjenigen, die als Profis im Online-Spielen oder mit einem Modeblog Karriere machen wollen, soll es in jedem Fall eine ganz besondere, ja spektakuläre Sache für die Zukunft sein: „Irgendwas mit Leichen“, wie in gewissen Fernsehserien, oder, wenn es ums Studieren geht, die Wahl abseitiger Fächer, etwa Japanologie und Kunstwissenschaft. „Das Schlimme ist: Jeder dieser Misserfolge schwächt, und über Jahre hin immer wieder von vorn zu beginnen, macht von Mal zu Mal hoffnungsloser“, so die Beobachtung von der Leiterin der Arbeitsagentur Schaumburg.
Dabei, das betonen Kurth und Rasokat einhellig, gäbe es doch so viele spannende Möglichkeiten auch für diejenigen, die mit weiterführenden Schulen und einem Studium in Wirklichkeit gar nicht viel anfangen können. „Wenn junge Leute daran verzweifeln, dass sie nur Absagen bekommen, wenn sie sich doch irgendwo bewerben, dann liegt das meistens an Folgendem: Sie wetteifern um die zehn, zwölf bekanntesten Ausbildungsrichtungen und sehen nicht, dass sie die Wahl unter fast 500 ganz unterschiedlichen Ausbildungsberufen hätten“, sagt Cornelia Kurth. „Es hat einfach keinen Sinn, abzuwarten, was wie von selbst auf einen zukommen könnte, bis man aus der Schule rausgeprüft ist. Eine Ausbildung kann Spaß machen. Sich in der Praxis zwischen anderen Menschen, die ebenfalls arbeiten, auszuprobieren, sein eigenes Geld zu verdienen und endlich Anerkennung zu bekommen, das ist eine wichtige Erfahrung, die das ganze Lebensgefühl verändern kann.“
Am liebsten würde sie auch einen Appell an die Eltern so unsicherer Jugendlicher richten. Statt dem dritten Anlauf zum Fachabitur zuzustimmen oder zuzulassen, dass 18-Jährige ohne zu arbeiten ein halbes Jahr und noch ein Jahr zu Hause vor dem PC sitzen und sich übers Internet ihre Bestätigung holen, sollten sie Forderungen stellen. „Man darf keine Angst davor haben, es sich mit dem Kind zu verscherzen und auch mal als Feindbild dazustehen. Auf der einen Seite sollte man seinen Kindern immer wieder sagen, was sie gut können. Andererseits aber muss man von ihnen auch verlangen, dass sie ihren Teil zum gemeinsamen Leben beitragen. Ach, das müsste schon in der Kindheit beginnen.“
Wie viele Jugendliche hätten noch niemals in ihrem Leben Wäsche gewaschen, ein Essen für die Familie gekocht oder auch nur den Tisch abgeräumt. „Von den Kindern erwarten wir, dass sie von allein erkennen, wo sie Verantwortung übernehmen können, aber wir Eltern scheuen uns davor, ihnen die Richtung zu weisen und auch mal Streit zu riskieren.“

„Irgendwie kam was dazwischen ...“

Alex Rinne (Name von der Redaktion geändert) aus Rinteln ist 20 Jahre alt und arbeitslos. Eigentlich wollte er an der Volkshochschule einer benachbarten Stadt sein Abitur nachmachen, doch der Kurs kommt wegen einer zu geringen Teilnehmerzahl wohl nicht zustande, wie er gerade erfahren hat. Jetzt muss er bis zum Februar abwarten und hoffen. Er weiß, was die Leiterin der Schaumburger Arbeitsagenturen, Cornelia Kurth, über junge Leute in seiner Situation geäußert hat. „Ich muss sagen, dass ich mich und viele meiner Freunde darin wiedererkenne“, meint er dazu.
Mit 16, kurz vor seinem Realschulabschluss, hatte er den Plan, aufs Gymnasium zu wechseln, Abitur zu machen und dann vielleicht Lehrer zu werden – Sportlehrer und noch zwei andere Fächer. „Ich dachte, das könnte doch ganz chillig sein, mit den ganzen Ferien und so“, sagt Alex mit seinem gewinnenden Lächeln. Die Schule allerdings war eigentlich nie recht sein Ding gewesen, nicht nur wegen einer Rechtschreibschwäche. Wenn es irgendwie ging, schwänzte er, tat immer nur das Nötigste, und schließlich wurde knapp nichts aus dem erweiterten Realschulabschluss. Was nun? Auf die Idee, sich nach einem Ausbildungsberuf umzusehen, kam er gar nicht erst. „Ich hätte absolut nicht gewusst, was für mich in Frage kommen könnte. Drei Jahre Lehre für etwas, das ich gar nicht will?“ Auch während seiner Realschulzeit wurde Werbung gemacht für den „Ausbildungstag“ in Rinteln. „Ich hab’ schon gedacht, da könnte ich ja mal hingehen, aber irgendwie kam was dazwischen ...“
So entschloss er sich, an die Kreishandelslehranstalt zu gehen. „Aber da wurde es nur noch schlimmer“, erzählt er. „Lauter Inhalte, die mich nicht interessierten. Ich wollte ja eigentlich das Fachabi haben. Es war verschwendete Zeit.“ Nach außen hin sah es so aus, als käme er weiterhin mit sich selbst klar, auch dann noch, als er wegen zu vieler Fehlzeiten von der Schule gehen musste.
Eine Freundin überzeugte ihn davon, es nochmals mit dem Fachabitur zu versuchen, an den Berufsbildenden Schulen. Das ging ebenfalls schief. Natürlich gab es Ärger zu Hause, aber alles, was seine Mutter ihm vorschlug, traf nicht, was er sich vage vorstellte. „Ich träumte von Abitur und Studium und hing diesen Träumen mit meinen Freunden beim Kiffen nach – ’ne Zeit lang war ich richtig verpeilt, ich wusste eigentlich gar nicht mehr weiter.“
Was ihn aus seiner inneren Hoffnungslosigkeit wieder hervorholte, war seine ältere Schwester, die sich schließlich, nach langer Schulabquälerei, für eine kaufmännische Lehre bewarb und durch einen glücklichen Zufall eine Lehrstelle bekam. „Es war toll zu sehen, wie stark sie dadurch wurde. Sie hat einen sehr guten Abschluss gemacht und ist weggezogen, um jetzt doch zu studieren. Sie hat gesagt: Du musst raus aus Rinteln, weg von Deiner Clique.“ Ähnliches riet ihm auch der Psychologe, der ihn darin unterstützt, zu erkennen, was er wirklich will. Er folgte der Schwester in die Universitätsstadt, und endlich holte er sich den erweiterten Realschulabschluss an der VHS, mit einer richtig guten Note. Mit dem lähmenden Kiffen hat er längst aufgehört.
„Ich verstehe erst so nach und nach, dass es ein echter Erfolg war, für mich, dieser Abschluss“, sagt er. „Ich hatte immer das Gefühl, was ist das schon, vier Jahre Zeit für den erweiterten Abschluss.“ Dass der Abi-Kurs an der VHS mit größter Wahrscheinlichkeit ausfallen wird, wirft ihn nicht mehr aus der Bahn. „Ich war bei der Arbeitsagentur und habe mich auf vier Vollzeitstellen beworben, um die Monate zu überbrücken“, sagt er. Studieren will er immer noch. „Aber wer weiß, vielleicht komme ich durch die Jobs ja noch auf eine andere Idee.“

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