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Alle Hürden gemeinsam beseitigt

Berufseinstieg für Schwerbehinderte Alle Hürden gemeinsam beseitigt

Menschen mit Handicaps haben es schwer, einen Job zu bekommen. Trotz Fachkräftemangels zahlen Arbeitgeber meist lieber eine Abgabe, statt Schwerbehinderte einzustellen. Das merken Schulabgänger mit Behinderungen schon beim Einstieg ins Berufsleben, wenn sie überdurchschnittlich lange nach einem Ausbildungsplatz suchen. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Svenja Wahlmann.

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Gemeinsam mit Assistentin Ayline (links) meistert Svenja Wahlmann ihren Arbeitsalltag bei der AOK in Stadthagen.

Quelle: kcg

Von Katharina Grimpe

Klar braucht sie dann und wann Hilfe. Zum Beispiel, wenn sie das kiloschwere Sozialgesetzbuch zur Hand nimmt. Oder wenn sie etwas in Akten nachschlagen will, die auf den oberen Regalbrettern stehen. Ihren Job aber, den macht sie ganz allein – trotz Rollstuhl.

Svenja Wahlmann ist 19 Jahre alt und hat das erste Jahr ihrer Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellte bei der AOK hinter sich. Eigentlich alles ganz normal. Was die Meerbeckerin jedoch vom Großteil ihrer Altersgenossen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie auf ihren Rollstuhl angewiesen ist. Svenja ist mit einem Gendefekt zur Welt gekommen. Sie hat die Glasknochenkrankheit und ist kleiner als andere Menschen. Und sie ist bestes Beispiel dafür, dass die Eingliederung von Menschen mit Handicaps in den Arbeitsmarkt gelingen kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Wer behindert ist, hat es schwer, in Deutschland einen Job zu finden. Das zeigt ein Blick in die Statistik. Mit 14 Prozent im Jahr 2013 ist die Arbeitslosenquote von Menschen mit schweren Behinderungen fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Insgesamt 176357 Schwerbehinderte waren im Oktober 2013 nach Angaben der Bundesarbeitsagentur deutschlandweit ohne Arbeit. Die Gründe sind vielschichtig. Zwar sind Unternehmen mit mehr als 20 Arbeitsplätzen gesetzlich dazu verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Viele Arbeitgeber zahlen aber lieber eine Ausgleichsabgabe.

Ob sie nach dem Abi einen Ausbildungsplatz findet? Darüber habe sie sich eigentlich nie Gedanken gemacht, erzählt Svenja. Erstmal die Schule schaffen, sei ihr oberstes Motto gewesen. Und dann? „In der 10. oder 11. Klasse habe ich angefangen, mich das zu fragen.“ Dabei sei ihr stets klar gewesen, dass die Möglichkeiten wegen ihrer Behinderung nur begrenzt sein werden. „Es gibt Jobs, die ich einfach nicht machen kann“, sagt die 19-Jährige sachlich. Klar war für die Meerbeckerin auch, dass ein Studium für sie nicht in Frage kommt, sondern dass sie sich nach zwölf Jahren in der Schule lieber gleich ins Arbeitsleben stürzen will.

Svenja machte sich nicht allein auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz. „Ich und meine Familie hatten ja überhaupt keine Idee, was es für Möglichkeiten gibt und ob es leicht oder schwer wird, eine Zusage zu bekommen.“ Deshalb wendete sie sich schon ein Jahr vor ihrem Schulabschluss am Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen an die Agentur für Arbeit in Hameln – mit Erfolg. Denn gemeinsam mit Sabine Stemme, die sich in der Arbeitsagentur um die Vermittlung junger Menschen mit Behinderungen kümmert, fand sie den passenden Ausbildungsberuf, stellte alle notwendigen Bewerbungsunterlagen zusammen und wurde schließlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

„Ich wusste nicht, dass Svenja im Rollstuhl sitzt“, erinnert sich Petra Hungerland an die erste Begegnung mit der Schülerin. Die Ausbildungsleiterin der AOK Niedersachsen betont: „Aber das hätte auch keine Rolle gespielt.“ Dass sich Svenja im Eignungstest und beim ganztägigen Assessment-Center gegen ihre – nicht behinderte – Konkurrenz durchsetzte, habe sie ihren Fähigkeiten, ihrer Leistungsbereitschaft und ihrer Persönlichkeit zu verdanken. „Svenja ist keine Quoten-Behinderte. Wir haben sie ausgewählt, weil wir überzeugt sind, dass sie zu uns passt.“

Erst im zweiten Schritt, nach der Zusage, habe sich die AOK mit der Frage auseinandergesetzt, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit die Meerbeckerin alle Stationen ihrer Ausbildung barrierefrei absolvieren kann. Wie kommt Svenja ins Büro oder zur Berufsschule? Sind Büro und Schule rollstuhlgerecht zu erreichen? Braucht sie eine Arbeitsassiszenz? In vielen Gesprächen mit AOK, Arbeitsagentur und Integrationsamt und bei zahlreichen Ortsterminen wurden diese und weitere Fragen geklärt.

Die AOK-Geschäftsstelle in Stadthagen und das Schulungs-Center in Sarstedt sind barrierefrei. In der Berufsschule in Hannover allerdings mussten ein Treppenlift und eine behindertengerechte Toilette nachgerüstet werden. Für die Fahrt zur Arbeit, in die Schule und zurück nach Meerbeck wurde ein Taxiunternehmen engagiert. Und weil sie im Arbeitsalltag schon allein wegen ihrer Körpergröße immer wieder auf Unterstützung angewiesen ist, bewilligte das Integrationsamt eine Arbeitsassistenz. „Für uns war das eine neue, ungewohnte Situation“, sagt Hungerland rückblickend. „Wie kommen Kollegen und Kunden damit klar, dass Svenja immer in Begleitung unterwegs ist? Fragen, auf die wir zunächst keine Antwort hatten, nur die Bereitschaft, es anzugehen.“

Jetzt, mehr als ein Jahr später, steht fest: Das Engagement hat sich gelohnt. „Es ist alles gut“, schwärmt Svenja. Die junge Frau sitzt am Schreibtisch, neben ihr Assistentin Ayline Hinsch. „Ich habe bisher keine einzige schlechte Erfahrung gemacht, weder mit Kollegen oder Mitschülern, noch mit Kunden.“ Auch die AOK ist beeindruckt von der Kommunikationsstärke ihrer Auszubildenden. „Wenn sich alles so weiterentwickelt, werden wir ihr ein Übernahmeangebot machen“, betont Hungerland.

Die Integration von Svenja bezeichnet Berufsberaterin Stemme als „ganz besonderes Highlight“. Zum einen sei Svenja mit ihrer positiven Einstellung und Ausstrahlung ein ganz besonderer Mensch. Zum anderen sei das Engagement und die Kooperationsbereitschaft von AOK und Berufsschule vorbildlich. „Es waren einige Hürden zu nehmen, aber gemeinsam ist alles machbar.“

Zahlen & Fakten

Private und öffentliche Arbeitgeber sind in Deutschland verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Diese Beschäftigungspflicht ist allerdings an die Größe der Unternehmen gebunden und gilt nur für Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen.
Wenn Arbeitgeber die ihnen vorgeschriebene Zahl von schwerbehinderten Menschen nicht beschäftigen, müssen sie für jeden unbesetzten Pflichtplatz eine Ausgleichsabgabe zahlen. Sie wird von den jeweiligen Integrationsämtern erhoben. Die Höhe der Ausgleichsabgabe ist gestaffelt und beträgt zwischen 115 und 290 Euro pro Pflichtplatz. Sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber sind zur Zahlung der Ausgleichsabgabe verpflichtet. Sie soll Arbeitgeber finanziell entlasten, die schwerbehinderte Menschen beschäftigen und denen daraus erhöhte Kosten entstehen – zum Beispiel durch den gesetzlichen Zusatzurlaub und die barrierefreie Ausstattung des Arbeitsplatzes.
In Schaumburg waren im Jahr 2013 insgesamt 223 Arbeitgeber beschäftigungspflichtig, darunter 198 aus dem privaten und 25 aus dem öffentlichen Sektor. 164 Unternehmen hatten Menschen mit schweren Behinderungen beschäftigt, 59 nicht. Eine Ausgleichsabgabe haben 129 Arbeitgeber gezahlt.
Arbeitgeber und Menschen mit Behinderungen werden in der Agentur für Arbeit von einem kompletten Team beraten. Die Arbeitsagentur fördert Arbeitgeber zum Beispiel mit Ausbildungs- und Eingliederungszuschüssen, ermöglicht Probebeschäftigungen und beseitigt eventuelle technische Hürden im Betrieb. Gerade bei der erstmaligen Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen will die Agentur beratend zur Seite stehen und vermittelt den Kontakt zu weiteren Ansprechpartnern. Zu nennen ist dabei auch das Inklusionsnetzwerk Schaumburg, das am 1. September in Stadthagen seine Arbeit aufgenommen hat.

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