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Alles Versager?

Schulabbrecher Alles Versager?

Hunderttausende Schüler haben am Mittwoch die Schule ohne Schulabschluss verlassen. Die Bundesregierung wollte die Zahl dieser „Schulversager“ bis 2015 auf vier Prozent drücken. Von diesem Ziel ist man deutlich entfernt. Auch der Landkreis Hameln-Pyrmont kann mit einer Quote von 6,24 Prozent nicht zufrieden sein. Anders sieht es in Schaumburg aus. Worin liegt der Unterschied?

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Großes Grübeln bei den Prüfungen – noch immer erreichen mehr als fünf Prozent der Schüler nicht einmal einen Hauptschulabschluss.

Quelle: dpa

Von Jakob Gokl und Werner Herpell

Von acht auf vier Prozent soll die Zahl der Schulabbrecher, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss bekommen, gesenkt werden. Bis 2015 sollte dieses Ziel, formuliert während des Bildungsgipfels 2008, in Deutschland erreicht werden. Doch während die niedersächsischen Schüler gestern in die Sommerferien starteten, ist dieser Meilenstein bundesweit nicht erreicht worden. Hunderttausende Jugendliche bleiben wieder ohne Schulabschluss auf der Strecke.
Nicht so im Landkreis Schaumburg. Dort wird die von Bund und Ländern beschlossene Vier-Prozent-Regel sogar noch unterboten. 2013 (aktuellere Zahlen sind noch nicht veröffentlicht worden) lag der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss bei 3,58 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr ist er um 0,68 Prozentpunkte gesunken. „Wir widmen uns dieser Situation schon lange“, erklärt die beim Landkreis zuständige Dezernatsleiterin Katharina Augath sichtlich stolz über das Erreichte.
Auch 2014 habe sich der Positivtrend der vergangenen Jahre in Schaumburg fortgesetzt, sagt Augath mit Blick auf die noch nicht veröffentlichten Zahlen. Grund sei vor allem das jahrelange Engagement des Landkreises, welches weit über das geforderte Maß hinausgehe. „Bei der Sozialarbeit ist eigentlich das Land zuständig. Aber wir finanzieren auf freiwilliger Basis die Hälfte der Kosten.“ So könne man heute an allen Oberschulen und den Integrierten Gesamtschulen Sozialarbeiter für die Schüler anbieten.
Dazu komme das schulische Beratungszentrum in Obernkirchen, auch dieses je zur Hälfte von Kreis und Land finanziert. Mit Sozialpädagogen und Förderschullehrern biete man dort einerseits eine Anlaufstelle, um Schulen im Unterricht durch zusätzliche Kräfte zu unterstützen. Aber es gebe auch die Möglichkeit, einzelne Schüler für eine Zeit aus dem Unterricht herauszunehmen und sie in Obernkirchen insbesondere im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung zu fördern. Ein weiterer Faktor sei, dass in Schaumburg sehr früh integrativ beschult worden sei. Und – ebenso wichtig – die Zusammenarbeit in den unterschiedlichen Institutionen funktioniere im Landkreis „wirklich perfekt“. „Dadurch können wir die Ressourcen optimal nutzen.“
Anders gestaltet sich die Situation im Landkreis Hameln-Pyrmont. Im Jahr 2013 stieg der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss um 0,7 Prozentpunkte auf 6,24 Prozent. Das liegt deutlich über dem Landesschnitt von 4,78 Prozent. Für die zuständige Dezernentin Petra Broistedt liegt das in erster Linie an den schlechteren Sozialstrukturen. „Wir haben eine sehr hohe Quote von Kindern, die in Armut leben. Bundesweit lebt jedes sechste Kind unter 15 Jahren von Hartz IV. Bei uns ist es jedes fünfte Kind. Außerdem lebt jedes vierte Kind unter drei Jahren und jedes zweite Kind mit einem ausländischen Pass in Armut.“
Kinder, die in Armut aufwachsen, sind vielfach benachteiligt, erklärt die Dezernentin. Unter anderem erhalten sie weniger und späteren Zugang zu Bildung. „Aber wir haben das Thema erkannt und tun bereits eine ganze Menge.“ Zehn Stellen für Schulsozialarbeiter, die ursprünglich vom Bildungs- und Teilhabeprojekt des Landes finanziert wurden, werden seit dem vergangenen Jahr vom Kreis weiter bezahlt.
Außerdem habe sich im Landkreis ein Aktionskreis gegen Kinderarmut gebildet. Speziell Schulverweigerer, also notorische Schulschwänzer, hat Broistedt im Visier, nicht zuletzt durch die Initiative „Pik Ass“. Sie möchte möglichst früh ansetzen und mit einem strukturierten Vorgehen aller Schulträger das Fernbleiben im Unterricht schon am Anfang unterbinden. Durch das Hinzuziehen von Schulsozialarbeitern, Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern solle früh gegengewirkt werden.
Für Broistedt ärgerlich: Während das Land Niedersachsen bisher 300 zusätzliche Plätze an Jugendwerkstätten speziell für Schulschwänzer gefördert habe, sei das Programm auf 200 Plätze gekürzt worden. In Hameln seien dadurch vier der fünf Plätze weggefallen.
Bundesweit lag die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss im Jahr 2013 bei 5,55 Prozent. Deutlich über den von der Politik vor sieben Jahren beim Dresdner Spitzentreffen von Kanzlerin Angela Merkel mit den Länder-Ministerpräsidenten eingeplanten vier Prozent. Eine Stagnation statt die 2008 angepeilten Halbierung der Quote bis 2015 – gewiss kein Ruhmesblatt. Besondere Probleme weist die Statistik für den Osten aus, mit Werten zwischen 6,9 (Thüringen) und 9,6 Prozent (Mecklenburg-Vorpommern).
Woran liegt es, dass Deutschland hier nicht so recht vorankommt? Die CDU-Politikerin Brunhild Kurth, derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), spricht von einer dringenden Frage der Bildungsgerechtigkeit, „aber wir müssen da sehr viel Geduld haben“. Alle 16 Länder hätten sinnvolle Programme entwickelt, etwa mit Berufseinstiegsbegleitern oder Praxisberatern an Schulen und Praktika zum Reinschnuppern in potenziell passende Berufe. „So wollen wir bei diesen jungen Menschen überhaupt erst wieder die Motivation zum Lernen wecken“, sagt Kurth.
Die KMK-Chefin weiß, dass der hohe Ost-Anteil junger Leute ohne Schulabschluss teilweise systembedingt ist. Der Knackpunkt: die Förder- oder Sonderschulen, die in den neuen Ländern recht weit verbreitet sind, während im Westen verstärkt versucht wird, Schüler mit Handicaps und „sonderpädagogischem Förderbedarf“ in Regelklassen unterzubringen. Etwa drei Viertel der knapp 500 000 Sonderschüler in Deutschland haben am Ende keinen Hauptschulabschluss.
Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm ist ein Gegner des Sonderschulsystems. Er plädiert dafür, „dass Kinder und Jugendliche nicht länger in Förderschulen separiert, sondern gemeinsam mit allen Schülern in den allgemeinen Schulen unterrichtet werden“. Seine Begründung: „Wenn ich Kinder in Lernmilieus schicke, in denen es kaum leistungsstärkere Schüler gibt, dann fördere ich sie schlechter. Deswegen ist es gut, dass viele Länder auf dem Weg zum inklusiven Unterricht Fortschritte machen, dass sich etwas bewegt, auch weil Eltern darauf drängen.“
Klemm warnt zugleich davor, von Inklusion nun gleich zu viele Wunderdinge zu erwarten. „Eines muss man klar sagen: Schüler, die keinen Schulabschluss erreichen, wird es immer geben, egal, wie gut die pädagogische Arbeit ist.“ Doch Schulen in Deutschland müssten sich „viel stärker darauf einstellen, dass vor den Lehrern Schüler sitzen, die sich im Lerntempo, in ihren Fähigkeiten und Interessen stark unterscheiden. Unterricht muss individueller werden. Und Lehrkräfte müssen bei ihrer Arbeit durch Schulsozialarbeiter unterstützt werden.“
Auf diesem Weg hat die 2008 von Merkel ausgerufene „Bildungsrepublik Deutschland“ erst die halbe Strecke hinter sich. Aber von Kurth bis zur Kanzlerin erkennen längst alle an, was Bildungsforscher Klemm der Politik ins Stammbuch schreibt: „Auch angesichts der demografischen Entwicklung kann es sich Deutschland nicht leisten, viele Jugendliche ohne Schul- und Berufsbildung zu lassen. Wir brauchen alle, um die Arbeitsplätze von morgen gut zu besetzen.“

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