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Am 1. August 2015 kehrt Niedersachsen als einziges Bundesland vom Abitur nach acht Jahren (G8) komplett zurück zum Reifezeugnis nach neun Jahren (G9). Die Verkürzung der Schulzeit wurde damals von Eltern, Schülern und Wirtschaft größtenteils gefeiert, mittlerweile sieht das nur noch die Wirtschaft so. Bevor aber ab dem Schuljahr 2015/2016 alles wieder auf Anfang gestellt wird, ist noch viel zu tun – ein Überblick.

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G8 oder G9? Diese Frage stellen sich immer mehr Bundesländer. Einige halten am sogenannten Turbo-Abi fest, andere wollen zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren, wie zum Beispiel Niedersachsen. Wieder andere lassen Eltern und Schüler zwischen zwölf oder 13 Jahren Schule bis zum Abitur wählen.

Quelle: dpa

Von Christoph Boßmeyer

Am 1. August ist es so weit, die niedersächsischen Gymnasien kehren zu G9 zurück. Was heißt das? Das sogenannte Turbo-Abi nach acht Jahren gehört der Vergangenheit an, es war nur ein kurzer Ausflug. Bei seiner Einführung waren alle dafür. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit „wurde von Eltern und Schülern gleichermaßen gefordert“, erinnert sich der Schulleiter des Hamelner Viktoria-Luise-Gymnasiums, Rainer Starke. Aber auch die Wirtschaft war eine entscheidende Triebfeder der Entwicklung. Deutsche Schüler hatten gerade in den Pisa-Tests desaströse Leistungen abgeliefert – es müsse sich was ändern, war im Allgemeinen die Meinung. Kaum zehn Jahre später kehrt mit Niedersachsen ein Bundesland komplett auf die neunjährige Schulzeit am Gymnasium zurück. Die Schüler werden wieder eine 13. Klasse durchlaufen und erst dann ihre letzten Prüfungen ablegen, um endlich das Reifezeugnis in den Händen halten zu können.
 Und das findet Starke im Grunde auch gut so. Denn in der 13. Klasse gebe es noch mal einen Leistungsschub, die Schüler seien älter, die Lehrkräfte könnten mit ihnen Probleme eher auf Augenhöhe diskutieren, so der Schulleiter. Er muss es wissen, hat er doch viele Generationen von Pennälern unterrichtet, die 13 Jahre zur Schule gegangen sind. Die auf acht Jahre verkürzte Zeit auf dem Gymnasium hat nur dazu geführt, dass die Schüler immer früher den vergleichsweise sicheren Hort der Schule verlassen und ihren Weg in der Gesellschaft finden müssen. Sie sind dabei teilweise so jung, dass sie noch nicht einmal einen Bibliotheksausweis beantragen dürfen, ohne dass die Erziehungsberechtigten zustimmen müssen. Davon, dass sie ein Reifezeugnis erhalten haben, zeugt das wahrlich nicht.
 Für die Abkehr von G8 ist die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen verantwortlich. Im Koalitionsvertrag heißt es dazu: „Die rot-grüne Koalition nimmt den Wunsch zahlreicher Eltern ernst, auch an den Gymnasien wieder das Abitur nach neun Jahren anzubieten, und sie berücksichtigt dabei die hohe Belastung der Schülerinnen und Schüler.“ Konkret werden ab dem Schuljahr 2015/2016 die neuen fünften Klassen sowie die Klassen sechs, sieben und acht an Gymnasien wieder insgesamt 13 Jahre zur Schule gehen, erklärt Starke den Fahrplan für das kommende Schuljahr. Wer nach den Sommerferien 2015 in die neunte Klasse kommt, macht sein Reifezeugnis noch mit eingeschaltetem Turbo. Wer bei der Einführung von G8 schon gegen die Verkürzung und damit einhergehende Verdichtung des Lehrstoffs war, das waren die Lehrer. Und müssten die es nicht eigentlich wissen? Schließlich stehen sie Tag für Tag im Klassenzimmer und arbeiten mit den Schülern. Und tatsächlich berichtet Starke von vergleichenden Untersuchungen der Abiturleistungen aus beiden Schulmodellen, die besagten, dass die Schüler nahezu identisch abschneiden würden. Es hätte also mittels G8 keine Verbesserung der Schüler stattgefunden, was ursprünglich mal das Ziel davon gewesen sei. Die Schüler sind jedoch auch nicht schlechter geworden.
 Was sorgt also für den Schwenk von Eltern und Schülern auf die Linie derer, die G9 favorisieren? Es ist die Verdichtung des Unterrichtsstoffs. Bloß weil es nur noch acht Jahre sind, ist der Stoff, den die Schüler lernen müssen, ja nicht weniger geworden. „Es gibt mehr Nachmittagsunterricht, teilweise sind es 34 oder sogar 38 Stunden, die die Schüler in der Schule zubringen“, nennt Starke den Grund, der vielen Sorge bereitet. Und in den Stunden sind die Hausaufgaben noch nicht mal eingerechnet. Es bliebe kaum Freizeit für die Jugendlichen. „Sportvereine, Jugendfeuerwehren und Musikschulen leiden unter der hohen zeitlichen Beanspruchung der Schüler. Für seine Schule hebt Starke noch hervor, dass „durch den schuleigenen Musikzweig zumindest die Musik nicht zu kurz kommt“. Allem anderen stimmt er zu. Wer es dennoch eilig hat und es nicht mehr in der Schule aushält, der kann ab dem kommenden Schuljahr nur noch zu einem Mittel greifen: Eine Klasse überspringen. So sei quasi ein individuelles G8 möglic. Das allerdings ist keine Neuerung. Eine Klasse zu überspringen, war immer schon möglich. Turboklassen oder die Wahl zwischen G8 und G9 wird es in Niedersachsen nicht geben.
Und was sagt die Wirtschaft dazu? Die ist an sich immer noch ein Fan der verkürzten Schulzeit. Bemängelt wurde aus der Wirtschaft an G9 damals, dass Deutschland im europäischen Vergleich die ältesten Schüler, die ältesten Studenten und so die ältesten Absolventen auf den Arbeitsmarkt entließ.
Mit dem Beschluss der Rückkehr zu G9 ist jedoch nicht alles getan. Im Niedersächsischen Schulgesetz sei die Zahl schnell von zwölf auf 13 Jahre geändert, sagt Starke. Das sei jedoch die einfachste Änderung, da hänge aber eine Menge mehr dran. „Viele andere, für die Planungen in der Schule wichtige Dinge sind noch nicht geklärt“, so der Schulleiter. Am gravierendsten sei, dass die Stundentafel für die Jahrgänge fünf bis zehn noch nicht da ist. Sie wird vom Kultusministerium erarbeitet und legt fest, wie viele Stunden pro Woche in den Fächern jeweils unterrichtet werden – zum Beispiel vier Stunden in einem Hauptfach wie Deutsch oder zwei Stunden in einem Nebenfach wie Geschichte. Danach richtet eine Kommission die Kerncurricula aus, die festlegen, in welcher Klasse welcher Stoff in welchem Umfang von den Lehrkräften vermittelt werden muss. Ursprünglich sei den Schulen eine Vorlaufzeit von einem Jahr zugesichert worden, in der sie sich auf die Wiedereinführung von G9 hätten vorbereiten können. „Danach sieht es momentan nicht aus“, so Starke. Ohne die endgültigen Kerncurricula fehlt auch Schulbuchverlagen die Grundlage für ihre Schulbücher, die sie ab dem Schuljahr 2015/16 wieder für G9 anbieten sollen.
Die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren ist in Niedersachsen sicher. Andere Bundesländer streben andere Modelle an. Die einen bleiben beim Turbo-Abi nach zwölf Jahren, andere lassen die Schüler wählen, wieder andere sind noch auf der Ebene, wo die Eltern Volksbegehren anstrengen, um die längere Schulzeit für ihre Kinder zurückzubekommen.

G8 oder G9 – manchmal beides!

Bildung ist in Deutschland Sache der Bundesländer, weshalb es auch unterschiedliche Regelungen die Dauer der gymnasialen Schulzeit betreffend gibt. Nachfolgend ein Überblick über den Stand der Dinge und was die Länder planen:

  • Niedersachsen : Rückkehr zu G9 ab Schuljahr 2015/2016. Leistungsstarke Schüler können Klassen überspringen.
  • Hessen : Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. Eltern entscheiden in einem Votum, ob Rückkehr zu G9.
  • Baden-Württemberg : Modellversuch bietet Rückkehr zu G9. Diese Schulen müssen auch G8 anbieten.
  • Bayern : Freie Wähler wollten in einem Volksbegehren Rückkehr zu G9 – der Versuch scheiterte.
  • Sachsen : In den ostdeutschen Bundesländern gibt es traditionell G8. Soll auch so bleiben.
  • Sachsen-Anhalt : In den ostdeutschen Bundesländern gibt es traditionell G8. Soll auch so bleiben.
  • Mecklenburg-Vorpommern : In den ostdeutschen Bundesländern gibt es traditionell G8. Soll auch so bleiben.
  • Schleswig-Holstein : Ab 2015/2016 haben Schüler bis zur achten Klasse die Wahl zwischen G8 oder G9.
  • Brandenburg : In den ostdeutschen Bundesländern gibt es traditionell G8. Soll auch so bleiben.
  • Berlin : Seit dem vergangenen Jahr gibt es nur noch G8. Ein Volksbegehren pro G9 läuft.
  • Hamburg : Volksinitiative zur Rückkehr zu G9. Parallel soll auch ein Abitur nach acht Jahren möglich sein.
  • Bremen : Derzeit gibt es keine Bestrebungen, das G9 an den 32 Gymnasien wiedereinzuführen.
  • Nordrhein-Westfalen : Derzeit wird über einen Ausbau der G9-Angebote nachgedacht. Mehrheitlich sonst G8.
  • Rheinland-Pfalz : War das einzige Bundesland, das bei G9 blieb, als G8 eingeführt wurde.
  • Saarland : Derzeit gibt es keine Bestrebungen, das G9 an den Gymnasien wiedereinzuführen.
  • Thüringen : In den ostdeutschen Bundesländern gibt es traditionell G8. Soll auch so bleiben.
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