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Diabetes Alles auf Zucker

Jeden Tag erkranken in Deutschland rund 750 Menschen an Diabetes, insgesamt leiden mehr als sechs Millionen unter der Stoffwechselerkrankung. Tendenz steigend. Wie leben die Betroffenen mit ihrer Krankheit? Und wo in Schaumburg gibt es Hilfe? Fakt ist: Diabetiker können Beruf und Freizeit fast genauso gestalten wie Gesunde. Morgen ist Weltdiabetestag.

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Quelle: haz/kcg

Mattis Gerberding ist 14 Jahre alt – und ein ausgewiesener Experte in Sachen Stoffwechsel. Die komplizierten Bezeichnungen seiner Medikamente gehen dem Schüler aus Loccum ebenso flüssig über die Lippen wie der Name seiner Lieblingsband. Er weiß, wie Insulin seine Körperzellen mit Zucker versorgt und welche Auswirkungen es hat, wenn der Körper kein Insulin bilden kann. Genau das ist Mattis’ Problem. Er ist Diabetiker. Und führt trotz seiner Krankheit ein – fast – ganz normales Leben.
Weltweit leiden immer mehr Menschen an Diabetes – vor allem in den Industrieländern. Auch in Deutschland steigen die Zahlen seit Jahren. Rund sechs Millionen Menschen sind hierzulande erkrankt, ein Drittel mehr als noch vor 15 Jahren. „Diabetes ist eine Volkskrankheit“, sagt Thomas Danne, Chefarzt am Kinder- und Jugendkrankenhaus auf der Bult in Hannover und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe. Als Ursache sehen Experten vor allem die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen.
Etwa 95 Prozent der Betroffenen leiden an Diabetes Typ II, früher Altersdiabetes genannt. Typ I, eine meist im Kindesalter beginnende Form der Zuckerkrankheit, die nichts mit Übergewicht zu tun hat, ist deutlich seltener. Allerdings steigen die Zahlen auch hier.
Diabetes Typ I – der Tag, an dem Mattis die Diagnose erhielt, ist seiner Mutter Petra noch lebhaft in Erinnerung. „Das war der 22. Februar 2004, Mattis war gerade vier Jahre alt.“ Für sie und Ehemann Arne war die Tatsache, dass ihr kleiner Sohn an der unheilbaren Autoimmunerkrankung leidet, wie ein Schock. „Die ersten Tage waren hart“, sagt Mattis’ Vater. „Machen sie mal einem Vierjährigen begreiflich, dass ihm mehrmals am Tag in den Finger gestochen und dass er gespritzt werden muss.“ Wie andere Kinder nach Herzenslust naschen –  daran war nicht mehr zu denken.
Dass sich Mattis’ Alltag heute fast nicht von dem seiner Klassenkameraden unterscheidet, das liegt zum Großteil an einem kleinen schwarzen Gerät an seinem Gürtel. Die Pumpe, die seinen Körper über einen Katheter im Bauch ständig mit schnell wirkendem Insulin versorgt, ermöglicht, dass Mattis essen kann, wann und was er will, dass er Sport treibt, schwimmen geht und sich mit seinen Freunden trifft.
Ob er auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten muss? „Nee“, sagt der 14-Jährige. Aber er muss alles, was er isst, in Broteinheiten umrechnen, und sich anschließend die entsprechende Menge Insulin über die Pumpe zufügen. Und er muss mehrmals am Tag seinen Blutzuckerwert überprüfen. Wie das funktioniert? „Ganz einfach“, betont der Schüler, zückt einen länglichen Gegenstand in Form eines Stiftes und piekst sich damit in den Mittelfinger. Den Tropfen Blut ans Messgerät halten, fertig.
Diabetes, das heißt, seinen Blutzuckerwert immer im Auge zu behalten. Normalerweise steuert die Bauchspeicheldrüse über das Hormon Insulin, dass Zucker aus der Nahrung vom Blut in die Zellen gelangt. Bei Diabetikern ist dieser Vorgang gestört. Der Zucker bleibt im Blut, was schwerwiegende Langzeitfolgen für den Organismus haben kann. Umso wichtiger ist es, dass der Blutzuckerwert bei Diabetikern gut eingestellt ist. Zu hohe Werte sind schädlich, zu niedrige aber auch. Die Ursachen für Unterzuckerungen –{FSPACE}sogenannte Hypoglykämien – sind vielfältig. Sie kommen vor, wenn ein Diabetiker Insulin spritzt, aber dann vergisst, ausreichend zu essen. Auch zu viel Bewegung kann eine Unterzuckerung auslösen.
Die Symptome wie Zittern, Schwitzen und Konzentrationsstörungen kennt Werner Schulze gut. „Wenn der Zucker ganz weit unten ist, fängt man an zu lallen“, erklärt der 67-Jährige aus Steinbergen. Schulze ist Typ-II-Diabetiker, seine Diagnose bekam er vor mehr als 30 Jahren. Um auf eine Unterzuckerung schnell zu reagieren, hat Schulze genau wie viele andere Diabetiker immer eine Schachtel Traubenzucker griffbereit.
Schulze hat keine Insulinpumpe wie Mattis, er muss sich das Hormon mit einem sogenannten Pen spritzen. Und zwar vor jedem Essen. Dafür muss er wissen, wie hoch sein Blutzuckerwert ist und wie viele Broteinheiten die jeweilige Mahlzeit hat. Alle drei Monate kontrolliert ein Facharzt, ob seine Langzeitwerte im Normbereich sind.
Angst vor Folgeerkrankungen an Nieren, Augen, am Herzen oder den Nerven, hat Schulze nicht. „Ich hab den Diabetes ganz gut im Griff“, erklärt der Rentner. Damit das so bleibt, bemüht er sich, möglichst gesund zu leben. Tipps zu Ernährung und Sport, Infos über neue Medikamente und Therapien tauscht er mit den Mitgliedern seiner Diabetes-selbsthilfegruppe aus. In Schaumburg haben sich vier dieser Gruppen unter dem Dach des Deutschen Diabetiker Bundes (DDB) gegründet. „In den Gruppen können alle Fragen über die komplexe Krankheit geklärt werden, es gibt Beratung zu sozialen und rechtlichen Problemen und einfach geselliges Zusammensein“, erklärt Heide Slawitschek-Mulle, Vorsitzende des DDB-Bezirksverbandes Schaumburg.
Vor allem für Menschen, bei denen Diabetes gerade erst diagnostiziert wurde, seien die Selbsthilfegruppen, aber auch der „Info-Punkt-Diabetes“ in Stadthagen wichtige Anlaufpunkte und gute Ergänzung zur Betreuung durch den Facharzt. Denn wer Diabetes hat, muss viel über seinen Körper lernen und auf seinen Körper achten. „Diabetes ist keine Krankheit, bei der man einfach eine Tablette nimmt, und alles ist gut“, sagt Slawitschek-Mulle. Blutzucker messen, Broteinheiten berechnen und das Insulin richtig dosieren: Die Betroffenen müssen viel im Blick haben, um gut mit der Krankheit leben zu können. dpa, kcg
Kontakt zu Selbsthilfegruppen:

  • Bad Nenndorf: Treffen am zweiten Donnerstag im Monat, 19 Uhr, Curanum-Residenz, Rudolf-Albrecht-Straße 44 a, (0 57 23) 34 26
  • Bückeburg: Treffen am ersten Donnerstag im Monat, 19.30 Uhr, Begegnungsstätte, Herderstraße 35, (0 57 22) 8 47 59
  • Rinteln: Treffen am ersten Mittwoch im Monat, 19 Uhr, Stadtwerke, Bahnhofsweg 6, (0 57 22) 8 48 20
  • Pumpentreff: Treffen vierteljährlich nach Vereinbarung, Begegnungsstätte, Herderstraße 35, Bückeburg, (0 57 22) 7 75 11
  • Info-Punkt Diabetes: Einzelberatung für Erkrankte an jedem ersten Dienstag im Monat, 10 bis 12 Uhr, Alte Polizei, Obernstraße 29, Stadthagen, (01 70) 3 84 62 31. kcg

Die Stoffwechselerkrankung Diabetes

Unsere Zellen brauchen Zucker als Treibstoff. Das Hormon Insulin sorgt dafür, dass Zucker, den wir mit der Nahrung aufnehmen, aus dem Blut in die Zellen geschleust wird. Insulin wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Bei Diabetes-Patienten sind Insulinproduktion oder -wirkung gestört. Zucker gelangt nicht ausreichend in die Zellen, der Blutzuckerspiegel ist erhöht.
Wer von Diabetes spricht, meint meist Diabetes Typ II. Diese Form wurde früher Altersdiabetes genannt, weil sie häufig bei älteren Menschen auftritt. Die Bauchspeicheldrüse kann Insulin zwar noch produzieren, es wirkt im Körper aber nicht richtig. Typ II ist die mit Abstand am meisten verbreitete Diabetesart. Ursachen können Fettleibigkeit, mangelnde Bewegung und schlechte Ernährung sein. Die Erkrankung entwickelt sich schleichend und wird meist erst erkannt, wenn es bereits zu einer Folge-Erkrankung gekommen ist. Dazu gehören Erkrankungen an Herz und Gefäßen, an Nieren, Augen und Nerven. Umso wichtiger ist Prävention: Typ-II-Diabetes lässt sich durch einen gesunden Lebensstil, mit viel Bewegung und mit Vermeiden von Übergewicht oft um viele Jahre verzögern oder auch ganz verhindern, betonen Mediziner.
Beim Typ-I-Diabetes kann die Bauchspeicheldrüse gar kein Insulin bilden. Antikörper des Immunsystems richten sich gegen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse und zerstören sie. Die Autoimmunerkrankung tritt häufig im Kindesalter auf.
Diabetes tut nicht weh und wird daher meist spät diagnostiziert. Trotzdem gibt es Symptome: Wer bemerkt, dass er oft müde und schlapp ist, unter Hautjucken leidet oder häufiger als sonst Infekte hat, Blasenentzündungen und viel Wasser lassen muss, viel Durst hat, sollte einen Zucker-Check machen lassen, empfehlen Experten. dpa

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