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Als „Wolfskind“ an den Königshof

Thema des Tages Als „Wolfskind“ an den Königshof

1724 wurde in Hameln ein verwilderter Junge aufgegriffen, nackt, der biss und knurrte wie ein Tier. Als „wilder Peter von Hameln“ sorgte der Zwölfjährige in ganz Europa für Aufsehen. Georg I. holte ihn an den englischen Hof. Die Schriftstellerin Bettina Szrama hat jetzt ein Buch über das „Wolfskind“ aus Hameln geschrieben.

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„Der wilde Peter“: Kupferstich von Bartolozzi aus dem Jahr 1782.

Die Akteure von Bettina Szramas anderen historischen Romanen sind Henker, eine Giftmischerin, eine Serienmörderin. Menschen, die tatsächlich gelebt haben. Die Geschichte vom wilden Peter aus Hameln bewegte auch deshalb ganz Europa, weil der Junge ein Geheimnis hatte: Er war zwar ganz offensichtlich verwildert, konnte keinen verständlichen Laut artikulieren, doch er trug auch einen Fetzen von einem Seidenhemd um den Hals geschlungen, eingestickt ein Wappen. Wohl deshalb zeigten auch ein englischer Lord und eine hannoversche Prinzessin auffälliges Interesse für den Wilden. Szrama hat in Archiven und Büchereien geforscht und sich Zeitungsausschnitte aus dem 18. Jahrhundert in Kopien besorgt: „Ja, auch damals gab es eine Klatschpresse, die sich in wilden Spekulationen darüber erging, woher der Junge stammen könnte“. Sogar Jonathan Swift, der berühmte irische Autor von „Gullivers Reisen“ habe sich mit dem Hamelner Peter befasst. Und sie habe gestaunt, dass bisher noch niemand aus der irren Geschichte einen Roman gemacht habe. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Kaspar Hauser, der in der Biedermeierzeit 1828 in Nürnberg auftauchte, später das Interesse auf sich gezogen hat und den wilden Peter von Hameln vergessen ließ.
Der wilde Peter wurde zunächst zum kurfürstlichen Hof nach Hannover gebracht, wo man den Knaben auch Georg Ludwig, George I. von England, vorführte. Wenige Monate später saß der Knabe bereits auf einem Schiff mit Kurs nach England zum Königshof. Naheliegende Frage: Warum holt der König von England ein „Wolfskind“ an seinen Hof?
Szrama versucht, diese Frage in ihrem Buch schlüssig zu beantworten. Es ist aber beileibe kein historischer Wälzer, sondern ein historischer Kriminalroman, der sich zwar an die Fakten hält, soweit bekannt, aber eben auch unterhaltsam erzählen will. Hauptfigur ist hier der Kommissar Aristide Burchardy, der in der mysteriösen Angelegenheit ermittelt.
Bettina Szrama hat schon eine Idee, wo sie auf alle Fälle eine Lesung halten will: In der Justizanstalt Celle, denn das war früher ein Tollhaus und zeitweise auch der Aufenthaltsort des „wilden Peter“. Einen anderen festen Termin hat sie sogar schon: Am Dienstag, 22. September, liest sie ab 19 Uhr in der Stadtbücherei Hameln. Szrama sagt, das sei ihr bisher bestes Buch geworden, auch humoristisch, komisch, denn am Hof sei es keineswegs nur „königlich“ zugegangen. Vater und Sohn prügelten sich schon mal in aller Öffentlichkeit und der König ging gern mit seinen Mätressen ins Theater.
„Peter the wild boy“ aus Hameln starb 1785 in Hertfordshire, er wurde vermutlich 70 oder gar 75 Jahre alt. Das denkmalgeschützte Grab ist in Northchurch zu finden, auf dem Friedhof der Kirche St Mary’s.
Szrama ist eigentlich diplomierte Agraringenieurin, Fachgebiet Pferde. Ein Beruf, in dem sie lange Jahre gearbeitet hat. Doch dann ist die DDR untergegangen und der Job war weg. Da habe sie angefangen zu schreiben, es sei eine Leidenschaft geworden. Und wie kommt man auf historische Romane? Durch Zufall, sagt sie. Sie habe in Lemgo vor einem prächtigen Haus gestanden und erfahren, dort habe der Scharfrichter gewohnt. „Und ich habe mich gefragt, wie kommt ein Henker, im Mittelalter eigentlich ein verfemter Beruf, zu so einem prächtigen Haus? Und das mitten in der Stadt?“ Die Antwort auf diese Frage wurde ihr erstes Buchmanuskript. Da geht es um die Hexenverfolgung in Lemgo in den Jahren 1665 bis 1667. Auf fast jeder der 300 Seiten spritzt das Blut.
Das Manuskript landete bei einem Schweizer Verlag. Der versprach zwar, das Buch zu drucken, legte es dann aber auf Eis. So machte sich Szrama an ihre nächste Geschichte, die der Giftmischerin Gesche Gottfried aus Bremen, die 15 Menschen umgebracht hat. Es ist ihr bisher erfolgreichstes Buch und erscheint in fünfter Auflage. Dabei habe es zunächst nicht so ausgesehen: Als sie in Bremen recherchieren wollte, habe man ihr gesagt, das sei kein Thema mehr. Dann habe sie die Totenmaske der Frau in einem Museum entdeckt und die Geschichte ließ sie nicht mehr los.
Schreiben, sagt Szrama, ist harte Arbeit. Und man lerne immer dazu. Beispielsweise, dass Liebesszenen dazugehören, weil das die Auflage steigert, dass Leser sich für die Helden eines Buches ein Happy End wünschen. Was nicht so einfach ist, wenn die Historie das eigentlich nicht hergibt. Dann muss eben eine Figur eingefügt werden, ohne deshalb die historischen Fakten zu verfälschen. Wie in ihrem gerade erschienenen Buch „Die Magnatin“. Hier geht es um die Blutgräfin Elisabeth Bathory, die 600 Mädchen getötet haben soll. Eine mörderische Leistung, die die Gräfin sogar ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht hat. Wer Bathory googelt, findet 266 000 Einträge zu diesem Thema, es gibt unzählige Bücher und zwei Filme. Warum sie ein weiteres Buch dieser Liste beigefügt hat? Szrama sagt: „Weil ich die Frau nicht als Monster, sondern als menschliches Wesen begreifen wollte, verstehen, warum sie das getan hat.“ Szrama schildert das Leben am Hof der Bathorys, damals eines der reichsten in ganz Europa aus der Sicht einer sächsischen Adeligen, die beobachtet, wie die intelligente Gräfin, die mehrere Sprachen spricht, allmählich verrückt wird. Warum, dafür hat Szrama eine Erklärung: ein frühkindliches Trauma, so musste das Mädchen Folterungen mit ansehen, entscheidend war aber wohl Inzucht für ihre Geistesverwirrung. Ihr Onkel war Satanist, ihre Tante Klara hatte absonderliche sexuelle Gelüste, ihr Bruder war ein Wüstling. Manche Geschichte über die Blutgräfin hält Szrama nach ihren Recherchen für Unsinn: etwa, dass sie sich die Wanne mit dem Blut junger Mädchen hat auffüllen lassen, um darin zu baden, als Perversion eines Jungbrunnens.
„Sieben Bücher hast du schon geschrieben“, fragen sie manchmal Bekannte, „dann bist du doch reich“. Bettina kann darüber nur schallend lachen. Kein Autor, es sei denn, er hat einen Bestseller gelandet, könne allein vom Schreiben leben. „Wer Schriftsteller werden will, dem empfehle ich, sich einen finanzstarken Partner zu suchen.“ Seit zehn Jahren schreibe sie und das sei eine harte Schule gewesen: „Ich hatte am Anfang keine Ahnung davon, wie man sich in der Verlagswelt behauptet, diesem Haifischbecken. Keine Vorstellung, dass die meisten Manuskripte ungelesen im Papierkorb landen, es sei denn, man hat schon einen Namen.“ Hier habe als Einstieg geholfen, dass sie in einem Schriftstellerwettbewerb den zweiten Preis gewonnen hatte.
Erst im Laufe der Zeit habe sie verstanden, dass die eigentliche Arbeit nach der Veröffentlichung des Buches beginnt. „Will man Auflage erzielen, muss man für sein Buch selbst werben, mit Lesungen, im Internet.“ So ist sie auf vielen Blogs präsent. Und was verdient man tatsächlich? Szrama rechnet vor: 12,90 Euro kostet heute ein Taschenbuch im Buchhandel, 6,90 Euro ist der Einkaufspreis und davon bekommt der Autor zehn Prozent, das heißt pro Buch 69 Cent.
Sie erzählt, während des Schreibens habe sie sich immer mit verschiedenen Jobs über Wasser gehalten. Als Verkäuferin, als Servicekraft in der Gastronomie. Ja, geputzt habe sie auch schon. Sie sagt: „Du schreibst Bücher und merkst darüber gar nicht, dass du 60 Jahre alt geworden bist. Und noch schlimmer: dass die langjährige Partnerschaft gescheitert ist. Mit allen Konsequenzen, auch finanziell“. So habe sie plötzlich vor dem Nichts gestanden, das sei die schlimmste Krise ihres Lebens gewesen. „Ich habe nicht mehr arbeiten können, auch nicht für meine Bücher.“ Das Wort Depression erwähnt sie nicht. „Ich musste mir Hilfe suchen, es ging nicht mehr“. Ein Weg, der sie zwangläufig zum Jobcenter geführt habe. Dort habe man sie zuerst fragend angeschaut: Schriftstellerin sind Sie? Fünf Bücher haben Sie veröffentlicht, dann müssen Sie doch viel Geld haben? Szrama sagt: „Die haben nichts verstanden.“ Zu ihrem Recht verholfen habe ihr erst ein Rintelner Rechtsanwalt.
Weiß sie, wer ihre Leser sind? „Ja“, sagt sie, „über das Internet, die Homepage, die Lesungen und es hat mich selbst überrascht, das sind viele junge Frauen so um die 20.“
Inzwischen hat sie eine neue Wohnung in Uchtdorf bezogen, einen kleinen Nebenjob und sie schreibt wieder. Der „wilde Peter von Hameln“ ist das Buch, auf das sie jetzt große Hoffnungen setzt. Es gibt ein Gemälde von Peter als alten Mann, da sieht er ganz zufrieden aus mit sich und der Welt. Ein Happy End, wenn man so will. Das wünscht man der Schriftstellerin auch: Einmal einen Bestseller landen.

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