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Als es Bad Nenndorf zu bunt wurde

Kulturfest erlebt zehnte Auflage Als es Bad Nenndorf zu bunt wurde

Im Jahr 2006 entstand in der Kurstadt Bad Nenndorf mit den Neonazi-Aufmärschen auch eine Gegenbewegung. Aus diesem bürgerlichen Protestlager entstand ein Netzwerk, das es ohne die Nazis nie gegeben hätte – und ein ganz neuer Veranstaltungshöhepunkt. Am Sonnabend erlebt das Kulturfest „Bad Nenndorf ist bunt“ seine 10. Auflage. Ein Rückblick.

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Das Kulturfest lockt mittlerweile mehrere Hundert Besucher an. Dort geht es deutlich ruhiger zu als gewöhnlich am Tag des Neonazi-Aufmarsches.

Quelle: Archiv

Bad Nenndorf. Zum zehnten Mal feiert Bad Nenndorf am heutigen Sonnabend sein internationales Kulturfest „Bad Nenndorf ist bunt“. So unwillkommen der Anlass für die erste Feier dieser Art gewesen ist, so stolz sind die Mitwirkenden heute auf das, was sie auf die Beine gestellt haben. Zu Recht.

Als im Jahr 2006 Neonazis begannen, das Winckler-Bad, wo nach dem Zweiten Weltkrieg ein Verhörlager der Alliierten betrieben worden war, für ihre Propaganda zu missbrauchen, verharrten die Einwohner der Kurstadt nur kurze Zeit in Schockstarre. Nach der ersten Mahnwache von Neonazis am Winckler-Bad im Mai 2006 und einer weiteren Demonstration von Rechten zwei Wochen danach, wurde das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ (BNiB) gegründet. Die darin zusammengeschlossenen Bürger wollten den Protest der Kurstadt gegen die unliebsamen Besucher organisieren.

Dann meldeten die Neonazis den ersten sogenannten Trauermarsch für den 29. Juli 2006 an, und bei den Bürgern kam die Idee auf, zeitgleich ein Fest des kulturellen Miteinanders zu feiern – um unmissverständlich zu zeigen, dass Bad Nenndorf keineswegs braun sondern bunt ist, sprich: Menschen mehrerer Kulturen beherbergt. Veranstaltungsort war die Esplanade im Kurpark.

Die Premiere war allerdings noch kein durchschlagender Erfolg, wie BNiB-Vorsitzender Jürgen Uebel rückblickend sagt. Der Plan, zur selben Zeit zu feiern, zu der die Nazis durch die Straßen zogen, erwies sich als nicht optimal. Erstens war die Stadt voller Polizisten, was organisatorische Schwierigkeiten mit sich brachte, außerdem mischten sich auch Autonome unter das Festpublikum, was zahlreiche Bürger abschreckte oder zumindest skeptisch machte. Zudem band die Feier mögliche Demonstranten, die sonst an der Straße Flagge gegen Rechts zeigen konnten, im Kurpark.

Das wichtigste Argument für eine zeitliche Trennung war aber ein ganz anderes: Weil das Bündnis sich die Teilnahme von Vereinen und Schulen wünschte, musste ein Termin vor den Sommerferien her. Und die Neonazis hatten sich ihrerseits zunächst auf das letzte Juli-Wochenende, später dann auf das erste August-Wochenende festgelegt.

Bereits 2007 wurde das Kulturfest vom Aufmarsch der Rechten abgekoppelt und ging am 7. Juli im Kurpark über die Bühne. Die Neonazis marschierten am 28. Juli am Winckler-Bad auf. Die Bad Nenndorfer standen mit den Jahren immer zahlreicher an der Straße und protestierten gegen Rechts. Bei dieser zeitlichen Trennung von Kulturfest und Demonstrationen blieb es – der Abstand wurde mit Kulturfest-Terminen im Juni sogar noch vergrößert.

Und nicht nur Bad Nenndorf zeigte sich weltoffen. Uebel betont, dass der Ansatz von vornherein war, Vereine und Institutionen aus dem gesamten Landkreis einzuladen, schließlich existierte auch der Slogan „Schaumburg ist bunt“. So kamen unter anderem der Alevitische Kulturverein, der Türkisch-islamische Kulturverein, die Alte Polizei und der Jugendverein „Tu Wat“ aus Stadthagen zum Fest.

Darüber hinaus beteiligten sich Vereine aus der Kurstadt, allen voran BNiB und die Jüdische Gemeinde, aber auch der VfL Bad Nenndorf. Mit den Jahren etablierte sich das Fest als Bühne für eben jene Vereine. Tanz und Gesang wurden an der Musikmuschel vorgeführt, dazu gab es Leckerbissen aus unterschiedlichen Kulturen. Wichtig war den Organisatoren stets, dass die Protagonisten des Festes aus der unmittelbaren Umgebung stammten.

Ein Stück weit will BNiB dieses Jahr aber wieder zurück zu den Wurzeln gehen. Zusätzlich zum heutigen Kulturfest wird es am Tag des Neonazi-Aufmarsches ein Fest der Demokratie geben. Damit gibt das Bündnis jenen Nenndorfern die Möglichkeit, ihren Protest gegen Rechts zu verdeutlichen, die nicht an Polizeigittern stehen mögen.

Die Besucherzahlen des Kulturfestes stiegen stetig an. „Bad Nenndorf ist bunt“ gilt längst als etabliert im Terminkalender der Stadt. Niemand, so Uebel, würde ernsthaft darüber nachdenken, es ausfallen zu lassen, sollten die Neonazis eines Tages nicht mehr nach Bad Nenndorf kommen. Wenn deren Aufmärsche überhaupt etwas Gutes hatten, so ist es der Effekt, dass Bad Nenndorf ein kulturelles Netzwerk geknüpft hat, das es sonst nicht gäbe. „Dafür müssten wir den Nazis fast dankbar sein“, so Uebel. Aber nur fast. gus

Fest und Kurparklauf gemeinsam

In diesem Jahr wird das Kulturfest gemeinsam mit dem Bad Nenndorfer Kurparklauf gefeiert. Die Sportveranstaltung hat seit einigen Jahren das Motto „Lauf gegen Rassismus“. Um 14 Uhr beginnt das 10. Kulturfest mit dem Pannonia-Kurorchester. Ab 14.30 Uhr tanzen Kinder und Jugendliche des VfL Bad Nenndorf und der Tanzschule Mark Rudi. Die Saz-Gruppe des Alevitischen Kulturzentrums Schaumburg, ein Chor der CJD-Schule Schlaffhorst-Andersen sowie die Sängerin Cora Bromund gestalten den Nachmittag bis 15.45 Uhr. Ab 16 Uhr kommt es zur Kinder-Siegerehrung des Kurparklaufs. Um 16.45 Uhr tritt Heiko Kamann mit seiner Band auf, und nach einem Auftritt der Cheerleader des VfL Bad Nenndorf um 17.15 Uhr folgt ab 17.25 Uhr die Band „Die Räte“. Nach der Siegerehrung der erwachsenen Läufer ab 18 Uhr sind um 18.30 Uhr die „Bad Nenndorf Boys“ an der Reihe. Ab 20.15 Uhr heizt das Salsa-Orchester „Havana“ den Besuchern ein, bis um 22 Uhr der Vorhang fällt.  gus

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