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Thema des Tages Am Ende

Der Tod des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter ist das jüngste prominente Beispiel: Suizid im Alter ist ein großes, weitgehend verdrängtes Problem. Fast jeder zweite Mensch, der sich in Deutschland das Leben nimmt, ist älter als 60 Jahre. Es wird oft übersehen, dass auch im Alter Therapie und Leidensminderung möglich sind.

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Quelle: dpa

Der Tag im August 2011 ist eigentlich ein Tag wie jeder andere. Der 90-Jährige besorgt noch Einkäufe, bereitet für sich und seine Frau das Abendessen und wartet, bis sie schlafen geht. Dann steigt er auf den Dachboden seiner Wohnung in einem Bückeburger Seniorenheim und erhängt sich.
Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10 000 Menschen das Leben. Fast jeder zweite von ihnen ist älter als 60 Jahre. Rein rechnerisch begeht alle zwei Stunden ein Mensch über 60 Selbstmord. Auch in Schaumburg bestätigt sich dieser Trend. Zehn der bisher 14 im Jahr 2014 von der Polizei gezählten Suizide im Landkreis wurden von Menschen über 60 begangen. Hinzu kommen bundesweit die vielen Fälle, in denen alte Menschen aufhören, ihre lebenswichtigen Medikamente zu nehmen, sich weigern zu essen oder zu trinken. – Fälle, die in keiner Statistik auftauchen. Je älter Menschen werden, desto höher ist das Risiko, dass sie sich selbst töten, folgert die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
„Ich will keinem zur Last fallen. Ich mag nicht mehr. Ich will nicht mehr leben.“ Es sind Sätze wie diese, die bei Petra Ottensmeyer die Alarmglocken schrillen lassen. Die Pastorin arbeitet bei der Telefonseelsorge Ostwestfalen, die auch für das Schaumburger Land zuständig ist, und registriert eine steigende Zahl alter Menschen, die nicht mehr weiter wissen. Die Ursachen, die dazu führen, dass Senioren mit dem Gedanken an Selbstmord spielen, seien Ottensmeyer zufolge vielfältig. Oft würden psychische und körperliche Erkrankungen eine Rolle spielen, die Angst, in naher Zukunft pflegebedürftig zu werden, einsam zu sein.
Für Christina Bärwolf, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Stadthagen, sind es Verlusterfahrungen, die alte Menschen verzweifeln lassen. „Je älter ein Mensch wird, desto mehr Verluste muss er hinnehmen. Der Verlust von sozialen Kontakten, der Verlust der Gesundheit, der Verlust der Mobilität und Eigenständigkeit“, sagt die Gesprächstherapeutin.
Im Fall des 90-jährigen Bückeburgers war es wohl die Angst vor einer beginnenden psychischen Krankheit verbunden mit der Sorge, seine auf den Rollstuhl angewiesene Ehefrau nicht mehr versorgen zu können, die ihn zum Entschluss getrieben haben, nicht mehr Leben zu wollen. Das vermutet jedenfalls seine Enkelin, denn mit seinen Angehörigen hat er nie über seine Selbstmordabsichten gesprochen. „Es hat ihm keiner etwas angemerkt“, sagt die junge Frau.
Ein typisches Verhalten, wie der Berliner Soziologe Peter Klostermann herausgefunden hat. 2004 untersuchte er mehr als 170 Suizide von über 60-Jährigen und kam zum Ergebnis, dass ältere Suizidenten ihren Tod länger planen und entschlossener sind, sich zu töten. Im Vergleich zu Jüngeren, bei denen es oft beim Suizidversuch als Hilferuf bleibt, würden alte Menschen nicht gefunden und gerettet werden wollen. Die Motive der von Klostermann erforschten Suizide: Einsamkeit, zunehmende Immobilität, Depressionen, Krankheit, Angst vor dem Altersheim und eingeschränkter Lebensqualität.
„Alterssuizid ist ein gravierendes Problem, das aber kaum gesellschaftliche Relevanz hat“, erklärt Christina Bärwolf. Zum einen, weil es mit Krankheit, Einsamkeit und Verfall verknüpft ist – Themen, die in einer nach Jugend und Leistung strebenden Gesellschaft weitgehend verdrängt werden. Zum anderen, weil der Suizid von Senioren eher gebilligt wird, als Selbstmord von jungen Menschen. „Die Selbsttötung eines ,verbrauchten‘ Lebens scheint vielen plausibler und akzeptabler zu sein als die Selbsttötung von jüngeren Menschen“, heißt es in einer Veröffentlichung des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland.
Tatsächlich rücken erst prominente Beispiele wie der Selbstmord von Fotgraf Gunter Sachs im Jahr 2011 und zuletzt der Suizid des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit.
Für Bärwolf wirft das die Frage auf, wie die Gesellschaft mit ihren Alten umgeht, welchen Wert sie ihnen beimisst. Das Zusammenleben habe sich gewandelt, ältere Menschen würden meist nicht mehr mit ihren Familien unter einem Dach leben, würden nicht mehr gebraucht und statt zu Hause in Altenheimen gepflegt werden. Zudem überwiege bei den meisten Menschen ein negatives Altersbild, das mit Schmerz und dem Verlust der Autonomie verbunden ist. „Wir haben ein ambivalentes Verhältnis zum Alter“, formuliert auch Petra Ottensmeyer. „Alle wollen alt werden, aber nicht alt sein“, sagt die Seelsorgerin. Umso wichtiger sei es, sich klar zu machen, dass „man auch im Alter, wenn man nicht mehr alles kann, einen Wert hat“.
Sowohl Ottensmeyer als auch Bärwolf wünschen sich mehr Offenheit für das Thema Alter und sehen in einem realistischen Altersbild eine nachhaltige Suizidprävention. „Alt zu werden, das bedeutet ein anderes Leben zu führen. Es bedeutet nicht, ein schlechteres Leben zu führen“, erklärt Bärwolf. Das Alter könne als Chance erlebt werden, wenn man sich schon früh auf diese Lebensphase vorbereitet. „Viele Menschen machen sich zu spät Gedanken, wie sie ihren Lebensabend verbringen wollen, wie an die Stelle ihrer Arbeit etwas Neues, Sinnhaftes rutscht.“ Die Therapeutin regt an, sich schon früh erfüllende Aufgaben für die Zeit nach dem Einstieg in die Rente zu suchen und ein soziales Netz zu knüpfen. Dazu gehöre aber auch, sich mit der durch die steigende Lebensertwartung einhergehende höherer Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu sein, auseinanderzusetzen und vorzubereiten.
Welche Möglichkeiten gibt es außerdem, um alte Menschen davor zu bewahren, sich selbst zu töten? „Es gibt viele Hilfen, die aber noch viel bekannter werden müssen“, sagt Karl-Heinz Hansing, Vorsitzender des Kreisseniorenrates Schaumburg. Der 75-Jährige wünscht sich, dass vor allem die Hausärzte besser geschult werden, bei Depressionen und Ängsten zu helfen. „Der Hausarzt ist unbedingt einzubinden, weil bei einem fremden Facharzt die Hemmschwelle oft zu groß ist.“ Die sogenannte Gotlandstudie gibt Hansing recht. Die schwedische Studie aus den achtziger Jahren ergab, dass speziell ausgebildete Hausärzte in der Lage sind, Selbstmordgedanken zu erkennen und Hilfe anzubieten. Das Ergebnis: Die Zahl der Suizide auf der Insel sank.
Für Ottensmeyer habe sich in Sachen Prävention, Krisenhilfe, Therapie und Leidensminderung schon viel getan: Von ehrenamtlichen Initiativen und neuen Modellen des Seniorenwohnens über die palliativ-medizinische Versorgung, bis zur Hospizarbeit und der Möglichkeit, mit Hilfe einer Patientenverfügung auch im Falle einer Schwersterkrankung selbstbestimmt entscheiden zu können. Allein: „Die Angebote müssen noch bekannter gemacht werden, um dort anzukommen, wo sie wirklich gebraucht werden.“ kcg

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