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Am Schweineberg wächs Europas nördlichster Edelkastanien-Wald

Am Schweineberg wächs Europas nördlichster Edelkastanien-Wald

Maroni! Heiße Maroni!“ Viele Kinder haben von „Maronis“, also den Esskastanien, zum ersten Mal erfahren, als sie Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ lasen. Da gibt es den erkälteten Maroni-Mann, der geröstete Kastanien verkauft und den jungen Lesern, die nicht aus dem Süden Deutschlands stammen, das Rätsel aufgibt, ob man denn Kastanien wirklich essen kann. So manches Kind hat wohl daraufhin mal eine unserer Rosskastanien angeknabbert, pfui, die sind bitter und ungenießbar für Menschen.

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Die Esskastanie wächst eigentlich eher im Süden – doch am Schweineberg zwischen Holtensen und Hameln liegt Europas nördlichstes Edelkastanien-Wäldchen.

Quelle: dpa

Thema des Tages. Die Hamelner allerdings konnten über den Unterschied zwischen Rosskastanien und Esskastanien Bescheid wissen. Am Schweineberg wächst seit 180 Jahren Europas nördlichster Edelkastanien-Wald. Stadtforstamtsleiter Ottmar Heise liebt diese mächtigen Bäume schon von Jugend an, und Imker Thomas Hülsen träumt davon, dass seine Bienen irgendwann einen richtig echten Edelkastanien-Honig produzieren.
 Das Edelkastanien-Wäldchen am Waldlehr-Pfad im Naturschutzgebiet des Hamelner Stadtwaldes ist ein kleines Wunder. Die „edlen“ Bäume können normalerweise eigentlich nur da überleben, wo Klima und Boden auch einen guten Wein heranwachsen lassen. Die Römer, das meint Forstamtsleiter Heise, lehrten die Süddeutschen das Maroni-Essen und zeigten ihnen, wie gut das leicht zu spaltende Esskastanienholz sich dafür eignet, um Rebpfähle herzustellen, an denen der Wein emporranken kann. Woher das Saatgut für die Hamelner Edelkastanien kam, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Tatsache ist: Am Schloss Schwöbber gab es einst eine exotische Edelkastanienallee, die von den adligen Münchhausens gepflanzt wurde. Vielleicht stammt das Saatgut, das Ottmar Heises Vorgänger damals in anderthalb Hektar Erde setzten, von dort. Es dauert übrigens 25 bis 30 Jahre, bis Edelkastanien zum ersten Mal Früchte tragen.
 Diese Früchte, die auf den ersten Blick wie die hiesig üblichen Rosskastanien aussehen, gehören zu den Nüssen. Man nennt sie auch „Plumpsfrüchte“, weil sie im Herbst, wenn sie reif sind, aus ihren stacheligen Schalen herausspringen und auf den Waldboden plumpsen. „Ich war vor ein paar Wochen am Schweineberg“, sagt Imker Hülsen, der immer zur Blütezeit dort seine Bienenstöcke aufstellt. „Ununterbrochen fielen da die Maroni runter, man musste richtig aufpassen, das tut echt weh.“
 Anders als manch andere Waldbesucher lässt er die Esskastanien liegen. Ihr süß-mehliger Nussgeschmack reizt ihn nicht. Trotzdem werden die Früchte nach und nach alle aufgesammelt. „Wir haben hier ja viele Leute aus dem Süden, auch Türken und Menschen vom Balkan“, sagt Forstamtsleiter Heise. „Die kennen die Esskastanien von je her und wissen, wie man sie lecker zubereitet.“ Esskastanien einzusammeln ist erlaubt, jedenfalls für den Hausgebrauch und ohne dabei die Wege im Naturschutzgebiet all zu weit zu verlassen.
 Am besten schmecken sie, wenn man sie im Ofen backt. Dazu muss die feste braune Hülle zuvor kreuzweise mit dem Messer eingeschnitten werden. Es ist schon ein Kunststück, die heiße Fruchtwand dann abzupulen, ohne sich die Finger zu verbrennen. Doch dann tut man Butter auf den gelb-weißen Kern, steckt ihn in den Mund und ist ganz erfüllt von dem fast ein bisschen rätselhaften Geschmack. Ja, Nuss ist dabei, auch etwas Kartoffeliges, dazu die würzige Süße und insgesamt das Gefühl, etwas sehr Nahrhaftes zu essen.
 „Brot der armen Leute“, so wurden die Esskastanien früher genannt. Sie sind fettarm, dafür aber enthalten sie neben einer großen Portion Kohlehydrate mehr Proteine als Kartoffeln und jede Menge essenzieller Aminosäuren. Ach, neun Kastanien mit Butter, und man fühlt sich richtig satt. Hella Kleindieck, die in Rinteln einen  Bioladen  führt, in dem man – jetzt ist gerade die Saison – auch Esskastanien findet, kann ihren Kunden weitere Rezeptvorschläge machen, für Suppen oder als Beilage oder um mit ihnen einen Braten zu füllen. Sie weiß von drei verstreut stehenden Edelkastanienbäumen im Möllenbecker Wald. Und auch in Wendthagen stehen ewa zehn Bäume am Rand eines Weges, der vom Schaumburger Weg abzweigend in den Wald des Bückeberges führt. „Meine Ware kommt allerdings aus Frankreich“, sagt Kleindieck. „Es ist immer nur eine kleine Menge, die ich verkaufe. Die meisten Kunden nehmen die Esskastanien gar nicht wahr.“
 Es sei ein bloßes Spiel der Natur, dass die Früchte von Rosskastanien und Edelkastanien sich so ähnlich sehen, meint Heise. Die beiden Baumarten sind botanisch nicht miteinander verwandt, auch wenn man das kaum glauben mag angesichts der in beiden Fällen braun glänzenden Früchte mit dem typischen weißlichen Fleck, die jeweils in einem Fruchtbecher stecken, der allerdings bei den Esskastanien so stachelig daherkommt wie ein Seeigel. Die Edelkastanie gehört zu den Buchengewächsen, so wie Eiche und Buche, während die Rosskastanie ein mit dem Ahorn verwandtes Seifenbaumgewächs ist. Walnussbäume, die am Schweineberg ursprünglich zusammen mit den Edelkastanien gepflanzt wurden, bilden eine eigene Kategorie der Nussfruchtbäume. Während die Hamelner Edelkastanien so lange Zeit überlebt haben, sind die Walnussbäume inzwischen alle verschwunden.
 Der Südhang am Schweineberg muss ungewöhnlich günstige Bedingungen für die 180 Jahre alten Edelkastanien bereithalten. Die Bäume können zwar um die 600 Jahre alt werden, doch in Mitteleuropa kommen sie selten über ein Alter von 200 Jahren hinaus, erst recht nicht im kühleren Norden, wo die lichthungrigen und kälteempfindlichen Edelkastanien so selten zu finden sind. Auf Internetseiten wie „Mundraub“ oder diejenige der „AG Edelkastanien“ gibt es Karten, auf denen die Fundorte eingegeben werden können. Meistens sind es Eichhörnchen, Siebenschläfer, Krähen und Häher, die durch ihre vergrabenen Wintervorräte zu einer Versamung beitragen, wenn es denn ein Same mal bis ans Tageslicht schafft.
 Ob die Bienen von Thomas Hülsen bei der Befruchtung der weiblichen Edelkastanienblüten eine Rolle spielen, ist fraglich. Man geht davon aus, dass der Wind der eigentliche Bestäuber der weiblichen Blüten ist, die auf den Pollen warten, der in den langen Schwänzen der weidenkätzchenähnlichen männlichen Blüten gebildet wird. Auf jeden Fall aber stürzen sie sich in die Frühsommer-Blütenpracht der Edelkastanien. „Wenn es doch nur einmal gelingen würde, einen reinen Edelkastanien-Honig zu gewinnen“, sagt der Imker. Der schmecke so besonders mit seiner zurückgenommenen Süße und der herb-bitteren Note „im Abgang“.
 Hülsen kommt aus Oberbayern, aus Rosenheim, der Stadt, in der auch Otfried Preußler lebte und in der „kleinen Hexe“ über den „Maroni-Mann“ schrieb. „Bei uns gibt es überall Edelkastanien und auch den entsprechenden Honig“, sagt er. Am Schweineberg aber sind die Wetterbedingungen meistens eher ungünstig für eine großzügige Nektarproduktion. „Die Bäume arbeiten auf Sparflamme. Sie blühen zwar, aber sie ‚honigen‘ nicht.“ Das bedeutet: Die Blattläuse finden weniger zu naschen und scheiden deshalb auch weniger vom „Honigtau“ aus, der einen Anteil des Edelkastanienhonigs bildet und für seinen herben Geschmack sorgt.
 So entsteht bei Hülsen ein Honig, den er selbst als „kurios“ bezeichnet, der aber offenbar seine Liebhaber gefunden hat, eine Mischung aus herber Edelkastanie und sehr süßer Linde, die zur selben Zeit wie die Kastanie blüht. Dieser Honig schmeckt jedes Jahr anders, je nach Zusammensetzung. „Mir ist er ja meistens noch zu süß, auch wenn man das leicht Bittere durchaus herausschmecken kann“, so der Imker. „Na ja, ich schleppe die Bienenstöcke trotzdem immer wieder in den Wald und gebe nicht auf. Irgendwann gelingt der für mich perfekte Edelkastanienhonig. Bestimmt!“  Es muss übrigens eine seltsame Geruchsmischung sein, die in der Luft liegt, wo Edelkastanien und Linden nebeneinander blühen, die Linde, mit ihrem starken süßen Duft und die Edelkastanie dagegen mit einer Duftnote, die, so sagt es Hülsen, eher an Schweißfußgeruch erinnert.
 Wie lange das Kastanienwäldchen in Hameln noch das nördlichste seiner Art bleiben wird, ist fraglich. „Man spricht ja im Zuge des Klimawandels davon, dass es in Zukunft auch Wein aus Dänemark geben könnte“, sagt Heise. Eigentlich lässt sich auch das sehr robuste Kastanienholz hervorragend nutzen, unter anderem im Möbelbau. So etwas aber kommt für Ottmar Heise in Bezug auf seine Kastanien nicht in Frage. „Unser Bestand ist etwas so Besonderes, da werden wir ganz gewiss nichts abholzen.“

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