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Arm in Arm zusammenleben

Theater-Projekt Akademie Loccum Arm in Arm zusammenleben

In Dresden oder Hannover gehen die Anhänger der Pegida-Bewegung aus Angst vor Überfremdung auf die Straße. In Loccum treffen sich Jugendliche aus Deutschland, aus Syrien, Afghanistan und aus den Balkan-Staaten, um gemeinsam eine große Wohngemeinschaft zu gründen. Das Theater-Projekt der Akademie Loccum zeigt, dass eine Annäherung der Kulturen – ganz ohne Angst und Vorurteile – gar nicht schwer ist. Ein WG-Besuch.

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"Auch wenn es manchmal Konfrontationen gäbe, würden wir gut miteinander klarkommen", meinen die Jugendlichen.

Quelle: ade

Sieben sitzen in der Runde auf der Galerie der Akademie: Kevin, Reshad, Nora, Janina, Kamal, Wasiullah und Sibela. 16, 17 Jahre alt sind sie alle und erzählen, wo sie herkommen. Göttingen, Celle, Neuss und Wuppertal sind darunter. Weshalb sie nach Loccum gekommen sind? „Um Spaß zu haben“, sagt Sibela. Rundum wird gelacht, werden Faxen gemacht – Spaß haben sie ganz offensichtlich an diesem Wochenende und erzählen begeistert von dem Theater-Projekt, das sie zusammen gebracht hat.

Reshad und Nora kuscheln sich aneinander. Tags zuvor, sagen sie lachend, hätten sie geheiratet. Liebe auf den ersten Blick. Ihnen gegenüber würden ihre beiden Kinder sitzen, woraufhin Wasiullah und Sibela sofort auf sich selbst deuten. Alles Theater. Und vielleicht auch ein kleiner wahrer Kern. Denn Reshad und Nora mochten sich wirklich vom ersten Augenblick an. Und auch alle andere verstehen sich gut.

Spaß haben steht also im Vordergrund. Und das unter dem Motto „Zimmer frei“. Das ist der Titel der Akademietagung, zu der Simone Schad-Smith eingeladen hat und die sie gemeinsam mit dem Göttinger „boat people projekt“ – einem freien Theater, das sich hauptsächlich mit Projekten zum Thema Flucht und Migration beschäftigt – vorbereitet hat. Eigentlich sollte es eine Tagung werden mit zehn jugendlichen Roma und weiteren zehn Jugendlichen, die schon andere Schülertagungen in Loccum besucht haben. Aber dann ist alles ganz anders gekommen.

Nahezu doppelt so viele Jugendliche sind da. Solche aus Schülertagungen. Und etliche Roma. Manche aus Afrika. Und andere aus anderen Ländern. Viele Flüchtlinge.
Eigentlich, sagt Schad-Smith, wollte sie mit der Tagung Begegnungen mit Roma schaffen. Solche, die helfen, mit Vorurteilen aufzuräumen. Über die Mittel Theater und Performance und Spaß. Dann hat sich mit den Flüchtlingen ein neuer Schwerpunkt ergeben. Und nun seien es eben so viele und solch eine bunte Mischung.

Die fröhliche Atmosphäre in der Runde, das Erzählen von Hochzeiten und anderen Loccumer Erlebnissen, bekommt allerdings eine andere Note als die Frage auftaucht, woher die Jugendlichen denn ursprünglich stammen und auch, weshalb und wie sie nach Deutschland gelangt sind. Reshad und Wasiullah kommen aus Afghanistan, Kamal aus Syrien. Janinas und Sibelas ursprüngliche Heimat ist Mazedonien und Kevin und Nora – nun die stammen aus Deutschland.

Bei der Frage, wie und weshalb sie nach Deutschland gekommen sind, ergreift Wasiullah plötzlich bereitwillig das Wort. Sehr ruhig sitzt er da und erzählt, dass sein Onkel in Afghanistan bei den Internationalen Truppen arbeitet. Den Taliban, sagt er, habe das nicht gepasst. Wasiullahs Vater sollte den Onkel davon überzeugen, damit aufzuhören. Als er sich weigerte, hätten die Taliban ihn umgebracht. Wasiullah war damals 15 Jahre alt.

Sein Onkel, erzählt er weiter, habe Schleuser bezahlt, damit sie ihn aus dem Land brächten. Vermutlich war er als ältester Sohn am stärksten gefährdet. Pakistan, die Türkei und Griechenland nennt er als Stationen seiner Flucht. Im Alter von 15 Jahren angetreten und ganz allein. Vor einem Jahr, oder genauer am 22. Januar 2014, sei er in Deutschland angekommen. Jetzt lebt er in einer WG, geht zur Schule.

Was mit seinem Onkel geschehen ist, wie es seiner Mutter und seinen Geschwistern geht – darüber hat er nichts in Erfahrung bringen können. Betroffenheit ringsum. Sibela beginnt zu weinen, Wasiullah nimmt sie tröstend in den Arm. „Das wussten wir nicht“, sagt Janina, ebenfalls weinend, „wir sind auch Flüchtlinge, aber wir haben wenigstens unsere Familien bei uns.“

Nein, gewusst haben sie das alle nicht. Haben sich auch nicht nach ihren Lebensgeschichten gefragt an diesen Tagen in Loccum. „Und das ist auch gut so“, meint Simone Schad-Smith. So seien alle aufeinander zugegangen. Nicht diese hier und jene dort, sondern von Anfang an als Gemeinschaft.

Das Gespräch wird bald wieder in andere Bahnen gelenkt, dreht sich um die Versuche der Jugendlichen, sich mit Theater-Mitteln gegenseitig auf WG-Tauglichkeit zu testen. Die Erlebnisse verbinden, sind ihre gemeinsame Geschichte. Kevin meldet sich plötzlich zu Wort: „Wie wäre es eigentlich, wenn wir wirklich eine große WG gründen? Auch wenn es manchmal Konfrontationen gäbe, glaube ich, dass wir gut miteinander klar kommen.“ Rundum folgt spontane Zustimmung. „Ja, lasst uns hier bleiben!“, ruft Sibela. „Vielleicht ein gemeinsamer Urlaub?“, wirft Schad-Smith ein. Wer weiß, was daraus wird?

Wenig später treffen sich alle ein letztes Mal im großen Kreis. Drei Gruppen haben kleine Präsentationen zum Abschied vorbereitet. Die eine singt das „Danke“-Lied und hat für jeden Teilnehmer eine Zeile gereimt. Die nächste Gruppe hat ein riesiges Plakat vorbereitet. Eindrücke und Meinungen haben sie zuvor darauf gepint – wie etwa „Aus anfangs Fremden wurden Freunde und mit mehr Zeit würden aus ihnen Geschwister werden.“

Dann darf jeder die Umrisse seiner Hand auf das Plakat malen. Die dritte Gruppe bittet darum, dass alle aufstehen. So einfach wie eindrucksvoll ist ihre Performance: Jeder von ihnen nimmt jeden im Raum einmal fest in den Arm.

Für Simone Schad-Smith ist dieses nicht die einzige Tagung in diesem Jahr, die sie zum Thema Flüchtlinge anbietet. Dass solche Tagungen etwas bewirken können und dass sie genau das sind, was Kirche anbieten sollte, davon ist sie nach der Erfahrung von „Zimmer frei“ überzeugt.
Wer zu weiteren Tagungen Informationen haben möchte, sieht sich die Website www.loccum.de an oder wählt die Nummer (0 57 66) 8 10. ade

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