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Bestattungskultur im Wandel Asche zu Asche

Immer mehr Menschen wünschen sich eine letzte Ruhestätte jenseits des konventionellen Reihenerdgrabes.
Die Bestattungskultur verändert sich. Ein Friedhofsrundgang.

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Naturnah bestattet: Auf dem Stadthäger St.-Martini-Friedhof können Urnen unter einem Baum beigesetzt werden.

Quelle: rg

Landkreis. Was in Niedersachsen noch undenkbar ist, gehört in Bremen seit Januar zur Realität: Die Asche von Verstorbenen darf in der Hansestadt auf privaten Grundstücken verstreut werden. Das Bestattungsrecht in Niedersachsen ist bei Weitem nicht so liberal. Es herrscht Friedhofszwang. Die physischen Reste eines Menschen dürfen nur an einem für diesen Zweck bestimmten Ort bestattet werden. Möglich ist trotzdem Vieles. Zum Beispiel, sich mitten im Wald beerdigen zu lassen. In Schaumburg gibt es dafür den Ruhe-Forst am Harrl.
Die Bestattungskultur verändert sich. Studien haben ergeben, dass nur noch 30 Prozent der Deutschen im Sarg unter die Erde wollen. Stattdessen steigt die Zahl der Einäscherungen. Auch auf dem St.-Martini-Friedhof in Stadthagen werden mittlerweile mehr Tote in Urnen beigesetzt als traditionell im Sarg. Von 217 Beerdigungen im Jahr 2014 wurden 117 Urnen bestattet, das sind 54 Prozent. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor betrug der Anteil der Urnenbeisetzungen noch 35 Prozent.
Gerd Giesendorf, seit einem Jahr Friedhofsmeister der St.-Martini-Gemeinde, benennt eine weitere Veränderung der Bestattungskultur: Während in der Vergangenheit vor allem konventionelle Erdgräber mit üppiger Bepflanzung auf den Friedhöfen dominierten, erleben Rasengräber einen regelrechten Trend. Denn die machen vor allem eines: wenig Arbeit. Egal ob die Bestattung im Grab oder in der Urne gewählt wird: „Die Nachfrage nach pflegefreien Gräbern steigt“, erklärt Giesendorf.
Die Gründe seien nicht nur wirtschaftlicher Art, meint der 46-Jährige. Vor allem der demografische Wandel und die Mobilität in der Gesellschaft sind Giesendorf zufolge ursächlich für den Trend. Oft geht es schlicht nicht anders: Leben die Angehörigen eines Verstorbenen weit entfernt, wird es mit der aufwendigen Pflege eines Rabattengrabes schwierig. Schließlich beträgt die Laufzeit meist 30 Jahre. Viele Menschen wollen diese Arbeit den eigenen Kindern oder Enkelkindern nicht aufbürden, geben die Grabpflege in die Hände der Friedhofsmitarbeiter oder entscheiden sich für eine Grabvariante, die keiner Pflege bedarf.
Von diesen gibt es auf den Schaumburger Friedhöfen immer mehr. Die Träger der Ruhestätten passen sich den veränderten Bedürfnissen an und bieten außer Rasengräbern zum Beispiel Gemeinschaftsurnengräber und naturnahe Bestattungen unter Bäumen an. Statt eines Grabsteines erinnert dann meist –{FSPACE}wie auf dem St.-Martini-Friedhof – eine Namensplakette an den Verstorbenen.
Weder Plakette noch Stein gibt es hingegen bei anonymen Bestattungen, die in der Kreisstadt auf dem Friedhof „Kleine Eichen“ angeboten werden. Auch bei anonymen Begräbnissen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, steigt die Nachfrage, sagt Giesendorf. Der Friedhofsmeister sieht das mit gemischten Gefühlen. Die Tatsache, dass die Angehörigen nicht wissen, wo genau das Grab des Verstorbenen liegt, habe Konsequenzen für die Trauerbewältigung. „Es gibt immer Bekannte, Freunde oder Arbeitskollegen, die einen Platz zum Trauern suchen, einen Ort, an dem sie sich an den Toten erinnern können.“
Wie essentiell wichtig ein Grab mit Namen des Verstorbenen für die Trauernden ist, betont auch Irmhild Möller-Lindenberg. Die 54-Jährige hat fast 20 Jahre Erfahrung als Totenfrau und vor neun Jahren ihr eigenes Bestattungsinstitut in Meerbeck eröffnet. Immer wieder würden sich Menschen mit dem Wunsch nach einer anonymen Bestattung an sie wenden –{FSPACE}aus Kostengründen, und um die Angehörigen nicht mit der Grabpflege zu belasten. Möller-Lindenberg regt dann noch einmal zum Nachdenken an. Das Bedürfnis der Hinterbliebenen nach einem festen Ort für die Trauer um den geliebten Menschen dürfe bei der Wahl der eigenen Grabstätte nicht außer Acht gelassen werden.
Der Wandel der Bestattungskultur hin zu pflegefreien Grabarten hat für die Meerbeckerin grundlegende Folgen für die Trauerbewältigung. Die Pflege eines Reihenerdgrabes brachte die Angehörigen von Verstorbenen schon direkt auf dem Friedhof zusammen. „Sie konnten am Grab über den Verlust sprechen und ihn so verarbeiten. Heute müssen Gräber nicht mehr gepflegt werden. Die Trauernden kommen deshalb auch nicht mehr so häufig auf den Friedhof“, sagt Möller-Lindenberg. Der Austauch finde stattdessen in institutionalisierten Trauergruppen statt.
Konkret sichtbare Konsequenzen hat die Abkehr vom klassischen Reihenerdgrab mit Bodendeckern, Blumenbepflanzung und Grabstein für das Erscheinungsbild der Friedhöfe. „Einerseits verarmen die Friedhöfe“, beklagt Friedhofsmeister Giesendorf den Verlust an Individualität. Auf der anderen Seite würden Friedhöfe parkähnlich gestaltet, mit Rasenflächen, Bäumen und gewundenen Wegen. „Dadurch gewinnt er an Erholungswert und strahlt eine große Ruhe aus.“
Für Giesendorf muss ein Friedhof beides bieten: Tradition mit alten Grabsteinen, Kriegsgräbern und Generationsgräbern. Und den Wandel der Zeit, den der Friedhofsmeister mit neuen Grabarten begleiten will. kcg

In Bremen darf seit Januar die Asche eines jeden Verstorbenen auf privaten Grundstücken verstreut werden. Möglich macht das eine Lockerung des Bestattungsrechtes, die im vergangenen Jahr von der Bremischen Bürgerschaft beschlossen wurde. Der Friedhofszwang kann aber nur dann außer Kraft gesetzt werden, wenn der Verstorbene schriftlich den Verstreuungsort und eine Person zur Totenfürsorge bestimmt. Außerdem ist die Zustimmung des Grundstückeigentümers notwendig.

Trauerfeier wird individueller

Ein Bild des Verstorbenen steht am mit bunten Sommerblumen geschmückten Sarg, statt Orgelmusik dröhnen Gitarrenklänge aus den Lautsprechern der Friedhofskapelle. Dass das, was da zu hören ist, das Lieblingslied des Verstorbenen war, erklärt kein Pastor in schwarzem Talar, sondern ein Trauerredner in dunklem Anzug. Die kirchliche Liturgie spielt bei Trauerfeiern eine immer kleinere Rolle. Die Hinterbliebenen wollen Einfluss nehmen und losgelöst vom christlichen Zeremoniell Abschied nehmen.
Nicht nur die Bestattungskultur verändert sich. Auch das Trauerritual ist im Wandel, Trauerfeiern werden individueller, bestätigt Rose-Marie Brühl, freie Trauerrednerin aus Stadthagen. Vor allem jüngere Menschen würden mit der Liturgie eines christlichen Begräbnisses „nicht mehr viel anfangen“ können. Statt die Auferstehungsbotschaft wollen sie den Verstorbenen als Person in den Mittelpunkt der Trauerfeier stellen. Statt klassischer Kirchenlieder erklingen dann Popsongs, die Ansprache konzentriert sich ganz auf die Biografie des Toten. Angehörige lesen eigene Texte oder Gedichte, um sich öffentlich zu verabschieden.
Auch die Orte der Trauerfeier werden immer individueller gewählt, erklärt Brühl – zum Beispiel am offenen Grab oder gar im Veranstaltungssaal einer Gaststätte.

Vier Fragen an Gerold Eppler, stellvertretender Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (AFD) und des Museums für Sepulkralkultur in Kassel:

Die Bestattungskultur in Deutschland verändert sich. Wie sieht dieser Wandel aus?

Die Palette, wie man sich in Deutschland bestatten lassen kann, hat sich in den letzten 20 Jahren enorm erweitert. Insbesondere bei der Wahl der Grabstätte ist die Angebotsvielfalt für Nichtfachleute kaum noch überschaubar. Vom anonymen Urnengrab über Gräber in Gemeinschaftsgrabfelder, die nach Themengebieten geordnet sind, bis hin zu Ewigkeitsgräbern wird auf innerstädtischen Friedhöfen heute schon vieles bereitgestellt, das noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar erschien.
Ausgelöst wurde die Dynamik vor allem durch die Einrichtung von Bestattungswäldern, die seit 2001 kirchlichen und kommunalen Friedhöfen Konkurrenz machen. Die Diversifizierung wird sicherlich noch zunehmen, wenn weitere Bundesländer dem Beispiel Bremens folgen und die Beisetzungspflicht von Urnen auf Friedhöfen lockern.
Der Trend geht zu pflegefreien Gräbern und anonymen Bestattungen. Gleichzeitig werden die Trauerfeiern immer individueller. Ist das nicht ein Widerspruch?
Die Gründe, weshalb sich viele Menschen pflegereduzierte Grabarten wünschen sind vielfältig. Die geografische Mobilität, die für Menschen, die sich beruflich weiterentwickeln wollen, selbstverständlich ist, lässt es heute beispielsweise kaum mehr zu, dass man die Gräber seiner Angehörigen selbst pflegen kann.
Auch die demografische Entwicklung kann bei der Entscheidung für ein pflegereduziertes Grab eine Rolle spielen. Wenn Menschen heute hochbetagt sterben, stellen ihre Kinder möglicherweise fest, dass sie aufgrund des eigenen Alters körperlich gar nicht mehr in der Lage sind, die Grabpflege durchzuführen.
Schon allein diese beiden Gründe erklären, weshalb individuelle Trauerfeiern durchaus nicht im Widerspruch zur Wahl der Grabstätte stehen müssen. Wenn es offensichtlich ist, dass Grabbesuche nur sporadisch möglich sein werden, und dass es langfristig nicht möglich ist, das Grab selbst zu pflegen, gewinnt der Moment und die Inszenierung des Abschiednehmens an Bedeutung.
Bei vielen kostengünstigen Grabvarianten erinnert kein Kreuz mit Inschrift an den Toten. Bestatter und Kirchenvertreter warnen vor Problemen bei der Trauerbewältigung. Sie auch?
Das lateinische Kreuz gilt im Christentum als Zeichen der Auferstehungshoffnung. Und noch immer finden Trauernde in der Vorstellung vom Ewigen Leben Trost. Doch spätestens seit der Postmoderne hat sich die symbolische Bedeutung dieses Motivs verändert, wenn nicht sogar aufgelöst. Für einige Menschen ist das Kreuz nur ein dekoratives Schmuckstück. Andere sehen in ihm nur noch ein Zeichen für den Tod.
Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wie alle Religionen beantwortet auch das Christentum explizit die Frage nach dem Sinn des Todes. Nun kursieren in einer pluralistischen Gesellschaft neben religiösen Sinnstiftungskonzepten verständlicherweise noch andere Erklärungen, welche Bedeutung der Tod für den Menschen haben kann. Und das schlägt sich auch in der Grabmalgestaltung nieder.
Neue Grabarten verändern das Erscheinungsbild vieler Friedhöfe. Wie sieht der Friedhof der Zukunft aus?
Die Friedhöfe werden vermutlich noch vielfältiger werden. Wir werden mit der Frage konfrontiert werden, wie wir mit der historischen Substanz und bewährten Traditionen, die sich auf Friedhöfen zeigen, umgehen. Das heißt, was ist man bereit, in Zukunft an anspruchsvoller, gewachsener Gestaltung für möglicherweise kurzfristige Moden zu opfern? Und wie wird man zu der Frage der sozialen Entmischung stehen, die sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen bereits abzeichnet und die sich auch im Erscheinungsbild der Friedhöfe niederschlagen könnte? kcg

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