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Aschenputtel – Von wegen unterdrückt

Ein Mädchen, das sich zu helfen weiß Aschenputtel – Von wegen unterdrückt

Aschenputtel steckt in jedem von uns. Egal, ob Mann oder Frau. Darin sind sich die Psychoanalytiker einig. Und dass das tugendhafte Mädchen, erniedrigt von der Stiefmutter und garstigen Schwestern, gar nicht so unschuldig ist, wie es glauben machen möchte, mag manchen erschüttern.

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Das Aschenputtel: Ist es wirklich so unschuldig, wie es den Anschein hat?

Quelle: Foto: Christian Manthey

Folgt man den Deutungen der Psychoanalytiker Eugen Drewermann und Bruno Bettelheim („Kinder brauchen Märchen“), tritt Überraschendes zutage. Unabhängig voneinander attestieren sie dem Mädchen ödipale Komplexe und ein angekratztes Selbstwertgefühl.

Kein Wunder – die Ausgangslage für Aschenputtel ist denkbar schlecht: Ein Kind, das seine Mutter verloren hat und von der Stiefmutter und den Stiefschwestern abgelehnt wird. Der Vater hält sich vornehm raus, von dem konfliktscheuen Mann ist keine Hilfe zu erwarten. In dieser Situation bleibt dem Mädchen nur übrig, sich auf sich selbst zu verlassen. Aber wirklich retten kann es nur die Liebe – so weit die Version der Brüder Grimm.

„Aschenputtel ist jedermanns Geschichte“, sagt Drewermann, „denn jeder hat Bereiche, in denen er sich abgelehnt fühlt, keine Anerkennung bekommt.“ Oft handele es sich um ausgeblendetes Leben, das darauf warte entdeckt zu werden.

Und so gilt Aschenputtel auch als das beliebteste aller Grimm-Märchen. Als Archetypus hat es zudem eine lange Geschichte hinter sich: Die ersten Spuren finden sich im China des neunten Jahrhunderts, was möglicherweise die Vorliebe für den zierlichen Fuß im ebenso zierlichen Pantoffel erklärt. Die Geschichte, die eine unglaubliche Fülle an Symbolen aufweist, deren Deutung ganze Bücher füllt, hält zudem ein Versprechen bereit, das die Unsicheren dieser Welt versöhnt: du bist etwas wert, du musst nur Vertrauen in dich selbst haben.

Die Botschaft klingt einfach, doch der Weg dorthin ist „aschig“. So bedarf es beim Thema Geschwisterrivalität einiger Einsicht, denn aus psychologischer Sicht entspringen die Demütigungen, die das Aschenputtel erleiden muss, vor allem der egozentrischen, kindlichen Perspektive, die nur selten die Realität spiegelt. Kinder mögen sie verständlicherweise sehr – weil sie sich selbst oft ungerecht behandelt und nicht ausreichend geschätzt fühlen. Aschenputtels Triumph ist ein gutes Gegenmittel für den Kummer, der nur in der Phantasie besiegt werden kann.

Die negativen Geschwistergefühle sind aus Bettelheims Sicht eigentlich gegen die Eltern gerichtet, so wie die böse Stiefmutter zugleich die eigene Mutter ist. Sie bekommt in dieser Phase des Lebens keinen Stich bei Aschenputtel, und die Tatsache, dass die Schwestern das Mädchen als Prinzessin titulieren, verweise darauf, dass sich Aschenputtel moralisch für etwas Besseres hält. Ihre Demut ist nur eine scheinbare, ihre Überlegenheit gegenüber den Stiefschwestern blitzt an allen Ecken hervor – außer in Charles Perraults „Cendrillon ou la petite pantoufle de verre“. Um es hoffähig zu machen, veränderte Perrault den Charakter der Figur nachhaltig. Seine Cendrilllon ist zuckersüß und langweilig brav. Kein Wunder, dass sich Walt Disney bei Cinderella auf diese Version stützte. Bei Perrault setzt sich Aschenputtel nicht nur freiwillig in die Asche, es geht ihm auch jegliche Initiative ab: Es braucht erst eine Feen-Patin, die ihm sagt, dass es doch wohl auch auf den Ball gehen möchte.

Ganz anders geht da die Figur in dem tschechischen Kult-Film „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ vor (wie bei dem deutschen Märchensammler Ludwig Bechstein heißt es auch im Film „Aschenbrödel“). Nie wirkt die Figur unterlegen, und aus der Verachtung für Mutter und Schwester macht sie keinen großen Hehl. Außerdem ist sie ziemlich tough: Während die Schwester sich nur für Glanz und Glamour interessiert, zieht es Aschenbrödel in die Natur: Auf ihrem Pferd galoppiert sie durch den verschneiten Winterwald, hat eine tiefe Verbindung zu dort beheimateten Pflanzen und Tieren und beeindruckt den Prinzen, den sie dort erstmals zufällig trifft, durch ihre Treffsicherheit mit Pfeil und Bogen – für eine Märchenfigur ziemlich emanzipiert.

Perraults Cendrillon hingegen verbiegt sich sogar am Ende: Während Aschenputtel bei den Brüdern Grimm dem Prinzen bei der Schuhprobe in Lumpen gegenübertritt, wird Cendrillon von der Fee mit schönen Kleidern ausgestattet. Dadurch geht ein wichtiges Detail verloren: Der Prinz nimmt nämlich überhaupt keinen Anstoß an Aschenputtels Lumpen – er erkennt ihren inneren Wert. Genau darum geht es: Die Gedemütigte wird belohnt, der kostbare Kern sichtbar und das Böse bestraft.

Und was ist nun mit dem ödipalen Konflikt? Dass Aschenputtels Lage Folge einer ödipalen Beziehung ist, wird in vielen früheren Märchen-Versionen deutlich. Dort stechen zwei besonders hervor: In einer flieht Aschenputtel vor dem Vater, weil der sie heiraten will. Ein Motiv, das man auch im Grimm-Märchen Allerleirau findet. In der anderen Gruppe wird sie vom Vater verstoßen, weil sie ihn nicht so liebt, wie er es fordert. Viele frühere Versionen des Themas kommen ohne Stiefmutter aus, und auch die Geschwisterrivalität spielt eine untergeordnete Rolle.

Töchter, die vor heiratswütigen Vätern fliehen, Väter, die Töchter verstoßen, weil ihre Liebe nicht erwidert wird, und (Stief-)Mütter, die ihre Töchter verstoßen, weil ihr Ehemann diese zu sehr liebt, oder wie in der Version vom italienischen Märchenerzähler Giambattista Basile Töchter, die die Stiefmutter durch eine Frau ihrer Wahl ersetzen möchten: Bruno Bettelheim vermutet hinter diesen Geschichten ödipale Komplexe, also den Wunsch, das gleichgeschlechtliche Elternteil zu ersetzen und die dazugehörigen Elternteile. Was folgt, ist die Degradierung der Heldin.

Bei den Grimms wird der ödipale Aspekt zurückgedrängt, besonders aber bei Cinderella. Über das Warum kann man rätseln. Vielleicht, weil es schwere Kost ist, dass das Mädchen seine Situation selbst verschuldet haben soll. Doch selbst in den „Light-Versionen“ weckt Aschenputtel noch Emotionen, die ein tiefes Verstehen ermöglichen. Oder wie die Schriftstellerin Djuna Barnes es scharfsinnig ausdrückte: „Das Kind weiß etwas darüber, was es nicht sagen kann.“ Auch Bettelheim glaubt, dass das Kind sich irgendwie mit seiner ödipalen Angst befasst.

Und: Das Märchen hält eine Lösung bereit. In der Pubertät, also Aschenputtels Jahre in der Asche, findet das Kind zur Mutter zurück. Zu der Frau, die ihm Urvertrauen eingepflanzt hat. Die Rückkehr ist verbunden mit Veränderung: Aschenputtel durchläuft einen Prozess innerer Reifung, bevor es am Grab der Mutter mit Silber und Gold überschüttet wird. Die Zeit, in der es (aus eigener Sicht) schwere Arbeiten verrichten muss, ist auch eine Zeit, in der es seine Autonomie festigt. Danach ergreift das Mädchen die Initiative.

Eine echte Prüfung ist der Ball beim Königssohn, der auf der Suche nach der „Richtigen“ ist. Den Richtigen sucht Aschenputtel selbst. Die innere Zerrissenheit des Mädchens – bin ich gut genug? Mag er mich so, wie ich bin? – ist wieder da. Dreimal flieht sie, bevor der Prinz sie in ihren Lumpen findet, also ihre andere Seite kennenlernt. Das „Sich zeigen“ ist übrigens keine einseitige Geschichte: Auch der Königssohn muss aus seiner Welt heraus, um das Aschenputtel zu finden.

Sehr schön wird das bei „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ herausgestellt: Beide müssen das Wesen des anderen erkennen. Dafür stehen drei Fragen, die Aschenbrödel dem Prinzen über sich selbst stellt. Um die Antworten zu finden, muss er in sich hineinhören und einen inneren Wandel vollziehen. Und er muss in ihr Schattenreich eintauchen, damit sie gemeinsam eine Zukunft haben. Hier offenbart sich ein uraltes Mysterium.

Dass der Königssohn das Aschenputtel mit all seinen Schwächen liebt, ist eine märchenhafte Aufforderung, an sich selbst zu glauben, den Mut zu finden, Gefühle zu zeigen. Und es ist ein Signal, Äußerlichkeiten hinter sich zu lassen, sagt Eugen Drewermann. Die Warnung aus dem Jahr 1812 sei 2016 genauso aktuell wie vor 204 Jahren, findet er, denn: „Wenn Du weiter der Äußerlichkeit folgst, dem Ehrgeiz, der Eitelkeit, nur der Frage: ‚wie komme ich an?, wie setze ich mich durch, wie ist meine Performance?‘, dann wirst Du am Ende keine Augen mehr haben für das, was an Dir schön ist – es wird Dir weggenommen.

Von Dorothee Balzereit

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