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Auch in Kabul gilt rechts vor links

Thema des Tages Auch in Kabul gilt rechts vor links

Ein Jahr lang war der Bückeburger Polizeirat Björn Brocks, 47, als Stabsleiter des „German Police Project Teams“ in Afghanistan, hat Anschläge erlebt und einen hohen Respekt vor den Menschen gewonnen, die trotzdem ihren Alltag weiterleben, die mutig sind, fleißig und zuversichtlich.

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Quelle: pr.

Thema des Tages. Kann man einem Menschen die Erleichterung ansehen, eine schwierige und gefährliche Aufgabe erfolgreich abgeschlossen zu haben und wieder zu Hause zu sein? Björn Brocks schon. Der Polizeirat beantwortete gestern sichtlich entspannt im Kreishaus in Minden die Fragen von Journalisten. Brocks, 47 Jahre alt, lebt mit seiner Familie in Bückeburg und arbeitet als Polizeirat und Leiter der Direktion Verkehr bei der Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke.

Ein Jahr lang, nur von kurzen Urlauben unterbrochen, war Brocks als Stabsleiter im Rahmen des „German Police Project Teams“ (GPPT) in Kabul, um dort die Ausbildung von Polizeioffizieren zu organisieren, war zuständig für Personal, Finanzen und Logistik. Ein Aufgabenfeld, das man international „backoffice“ nennt.

Wie man aus Meldungen fast im Wochentakt weiß, ist jeder, der Uniform trägt, insbesondere in Afghanistan, ein bevorzugtes Ziel für Anschläge. Erst Dienstag dieser Woche sind 20 Polizeibeamte in der afghanischen Provinz Logar durch Bomben von Selbstmordattentätern gestorben.

Naheliegende Frage an Brocks: Ist jungen Leuten, die sich in Afghanistan als Polizisten ausbilden lassen, dieses Risiko nicht bewusst? „Doch, die wissen, worauf sie sich einlassen“, sagt Brocks. Nationalstolz und Berufsethos seien aber stärker als die Angst. Und dann sei selbstverständlich da auch noch der materielle Aspekt: Die jungen Leute kriegen eine Ausbildung und werden regelmäßig bezahlt. „Meistens, manchmal müssen sie auch zwei Monate auf ihr Gehalt warten. Aber die arbeiten trotzdem weiter. Bei uns unvorstellbar“.

Der Polizeigeneral sei sicher einer der gefährdetsten Männer in Kabul. „Aber er tritt öffentlich auf, wohnt in der Stadt und lässt sich von den Anschlägen nicht einschüchtern“.
Er habe selbst Anschläge in der Ferne erlebt, schildert Brocks. „Man hört den Lärm und spürt die Druckwelle.“ Gewöhnt man sich daran? „Nein, daran gewöhnt man sich nie.“

Anschläge gebe es sogar häufiger als in westlichen Medien berichtet. „Doch die Afghanen gehen anders damit um, das bringt sie nicht aus ihrem Alltag heraus. Das normale Leben geht weiter. Die gehen einkaufen, fahren Auto, Kinder spielen am Straßenrand. Ich habe einen großen Respekt davor bekommen, wie die Afghanen ihren Alltag gestalten, wie mutig die Menschen sind, wie fleißig, wie zuversichtlich“.

Vor dem Kreis von Journalisten spielt Brocks bewusst vor diesem Hintergrund die Risiken für seine Person herunter: Ja, auch die Anlage, in der er gewohnt habe, sei überfallen worden, aber das Wachpersonal gut ausgebildet, habe die Situation schnell unter Kontrolle gebracht. Ja, er habe immer eine Waffe bei sich gehabt. Ja, er sei in einem gepanzerten Fahrzeug von seiner Wohnung zur Dienststelle gefahren, sieben Kilometer.

Aber alles sei eine Frage der Perspektive. So würden in Kabul fast genauso viele Menschen bei Verkehrsunfällen umkommen wie bei Anschlägen. Geschätzt, denn genaue Zahlen gibt es nicht.

Und die Journalisten wollen wissen, was war die kritischste Situation, die Sie erlebt haben? Brocks lacht. Er habe das Endspiel der Weltmeisterschaft bei einer Zwischenlandung in Istanbul in einem Café am Flughafen gesehen: „Ich war der einzige Deutsche. Alle anderen waren für Argentinien“.

Er sei für den Einsatz bestens vorbereitet worden, schildert Brocks, doch trotz aller Informationen sei die Realität in den ersten Tagen überwältigend gewesen: Der Smog im Winter wie im Sommer, die Höhenlage von 1800 Metern, „da merkt man jede Treppe. Dann wie modern Kabul ist, der Bauboom, die vielen modernen Häuser und die Gegensätze. Westlich gekleidete Geschäftsleute, daneben Kinder, die im Müll nach Verwertbarem suchen.

Als Fachmann für den Verkehr habe ihn überrascht, schildert Brocks, dass zwar die meisten ohne angelegten Sicherheitsgurt fahren, sich bis zu zwölf Personen in einen Wagen quetschen, doch rechts vor links, das funktioniere: „Das haben sie von uns gelernt.“ Auch den Kreisverkehr. Und dank deutscher Ausbildung werde jeder Unfall von Polizeibeamten aufgenommen.

Wie verbringt man seine Freizeit in einer Millionenstadt, in der man sich nicht frei bewegen kann, vor allem nicht nachts? Brocks lacht, bei seiner Sechstage-Woche und den vielen Dienststunden habe sich diese Frage eigentlich nie gestellt: „Aber ein Highlight waren die Gottesdienste bei der Bundeswehr und das gemeinsame Grillen.“

Eine letzte Frage: Was würde er als Fazit ziehen, nach einem Jahr? Brocks sagt, Afghanistan auf die Anschläge zu reduzieren, „wird diesem Land nicht gerecht“. Die Menschen dort wollen Ruhe und Frieden, denn Sicherheit sei nun ein mal die Grundlage für alles. „Welcher Investor geht nach Afghanistan, wenn er um das Leben seiner Mitarbeiter, sein Eigentum fürchten muss?“ Doch es gebe sichtbare Fortschritte in Kabul. Er habe auf einem Verkehrskreisel ein riesiges Plakat eines deutschen Unternehmens entdeckt, das für seine Produkte wirbt. Auch deshalb sei er optimistisch, dass Afghanistan „nicht in die Steinzeit zurück fällt“.

Viele Menschen kennen Brocks als Autor von zwei sehr erfolgreichen Krimis in der regionalen Krimireihe des CW Niemeyer Buchverlages in Hameln. Die Krimis („Abnorm“ und „Grob“) spielen in Hannover und ihr Held ist ein LKA-Ermittler mit irakischen Wurzeln. Deshalb beim Hinausgehen eine allerletzte Frage an den Krimiautoren: „Werden Sie Ihre Erfahrungen in Afghanistan in einem Buch verarbeiten?“ Brocks denkt sehr, sehr lange nach. „Vielleicht.“ Hans Weimann

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