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Thema des Tages / Schausteller Auf Achse

Sie rösten Mandeln, drehen Zuckerwatte und lassen Gondeln fliegen, ihr Geschäft ist das ganz große Kirmesvergnügen. Das Leben als Schausteller ist bunt, abwechslungsreich –und hart. Denn die goldenen Zeiten des Rummelplatzes, auf dem sich die Menschenmassen drängen, sind vorbei. Trotzdem: Für die meisten ist es der schönste Beruf der Welt.

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Seit sieben Generationen dreht sich alles um den Rummel: Gino Kröker und Tochter Anni kommen aus einer Schaustellerdynastie. 

Quelle: kcg

Von Katharina Grimpe

Stadthagen. Silvia Stanges Welt ist bunt und plüschig. Aus jedem Winkel ihres Schießwagens leuchten die Stofftiere in Pink, Neongelb und Grün – ein krasser Kontrast zum trüben Oktoberhimmel über dem Festplatz in Stadthagen. Wer an den kommenden Tagen eine ruhige Hand am Luftgewehr hat, wird mit einem der pelzigen Kleinmädchenträume für sein Schützenglück belohnt. Oder mit einer der zahlreichen Rosen, die ebenfalls zum Abschuss freigegeben sind.

Seit mehr als 30 Jahren kommt die 55-Jährige mit ihrem Schießwagen auf den Krammarkt, Schaustellerin ist sie schon viel länger. „Eigentlich seit meiner Geburt“, erklärt die resolute Frau lachend und hängt Teddybären neben puschelige Vögel und „Hello Kitty“-Puppen. Ihr Vater Wilhelm war es, der als erster in der Familie sein Glück als Schausteller suchte. Mit einer vier Meter langen Schießbude und einem „Flieger“ – ein Kettenkarussell – tingelte er gemeinsam mit Ehefrau Edith seit Mitte der fünfziger Jahre von Jahrmarkt zu Jahrmarkt.

„Ich war immer mit dabei, das liegt mir im Blut“, erklärt Stange und meint damit ihr Leben auf Achse. Denn zu Hause ist die gebürtige Hannoveranerin nur selten. Der alte Bauernhof in Enzen dient lediglich als Winterquartier und als festes Domizil, wenn mal längere Zeit kein Jahrmarkt ansteht. Den größten Teil des Jahres aber – immerhin von März bis Dezember – verbringt sie im Wohnwagen auf den Rummelplätzen in ganz Norddeutschland, von Minden bis Vechta.

„Wir sind Reisende“, erklärt die 55-Jährige und blickt zu ihrem Neffen Mark Lorenz. Stange hat keine eigenen Kinder, denen sie ihr Unternehmen vererben könnte. Eines Tages wird der 28-Jährige in ihre Fußstapfen treten, bis dahin betreiben sie Schießwagen und Mandelbude gemeinsam. „Wir sind ein Familienbetrieb“, sagt Lorenz – wie viele andere Schaustellerunternehmen auch.

Einer echten Schaustellerdynasie entstammt auch Gino Kröker. Sein Kinderautoscooter steht nur wenige Schritte von Stanges Schießwagen entfernt. Seit sieben Generation dreht sich in seiner Familie alles um die Kirmes. „Wir hatten schon sämtliche Fahrgeschäfte, vom Pferdekarussell bis zum Riesenrad“, berichtet der 29-Jährige, der ursprünglich aus Nienburg kommt.
Den Autoscooter managt er gemeinsam mit Ehefrau Mandy und zwei Mitarbeitern, Vater Dieter hat dem Sohn nach und nach den Chefposten überlassen.

„Als Schaustellerkind wächst man automatisch in den Job rein und kann sich nichts anderes als Beruf vorstellen“, meint Kröker. Jeden Tag ins Büro oder in die Fabrik gehen und immer das gleiche machen – für den Familienvater unvorstellbar. Auch wenn die Kindheit zwischen bunten Blinklichtern, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln Schattenseiten hatte. „In der Schule war es hart“, erinnert sich der 29-Jährige. Jede Woche eine neue Schule, neue Lehrer und neue Klassenkameraden, da werde man schnell zum Außenseiter, könne keine echten Freundschaften schließen. „Aber man wächst daran, wird selbstständiger und lernt, sich durchzusetzen.“

Umso wichtiger ist für Kröker die Familie. Seine Eltern stehen ihm mit Rat und Tat zur, Ehefrau Mandy unterstütze ihn, wo sie nur kann. „Mandy ist selbst Schaustellerkind, das macht vieles leichter“, sagt Kröker. Sein ganzer Stolz ist seine 15 Monate alte Tochter Anni, die, so hofft der Jungunternehmer, einmal selbst in seine Fußstapfen tritt und sich für ein Leben zwischen Fahrgeschäft und Losbude entscheidet.

„Unser Beruf ist ehrenhaft“, meint auch Silvia Stange. Für sie ist kein Job abwechslungsreicher. Kein Markt gleiche dem anderen, immer begegne sie neuen Menschen, und könne sich doch auf den Zusammenhalt unter den Schaustellern verlassen.

Aber: „Der Job kann auch verdammt hart sein“, betont Stange mit Nachdruck. Denn trotz der Hilfsbereitschaft unter den Kollegen ist der Konkurrenzdruck groß. „Für jeden Markt muss man sich jedes Jahr neu bewerben“, erklärt die 55-Jährige. Dann beginnt der Wettbewerb um die besten Standplätze auf den Märkten. „Der Standort entscheidet über das wirtschaftliche Überleben.“

Wichtig seien Zuverlässigkeit und Ordnung, um bei den Marktmeistern einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und auch für die nächsten Märkte auf der Liste für einen Standplatz zu landen. Auch Werbung ist wichtig. Mit einem Hochglanzprospekt über ihren Schießwagen bewirbt sich Stange für Märkte, Messen und Veranstaltungen. Und um bei den Marktbesuchern gut anzukommen, hat sie viel Geld in die Modernisierung ihres Wagens gesteckt. Dass die Wild-West-Motive auf der Fassade des Zwölf-Meter-Kolosses so frisch glänzen, ist allerdings einem Unfall geschuldet, der beinahe Stanges Existenz aufs Spiel gesetzt hat.

„Das war ein echter Schock, einfach furchtbar“, erinnert sich die Hannoveranerin an den Augusttag im vergangenen Jahr. Damals raste nur eine Stunde vor Eröffnung eines Stadtfestes ein Lieferfahrzeug in ihren Schießwagen und zerstörte große Teile des Vordaches und der Fassade. „Beinahe hätte ich den Wagen aufgeben müssen.“ Nur mit Hilfe ihrer Familie, guter Freunde und zuverlässiger Handwerksbetriebe habe er wieder aufgebaut werden können.

Aber trotz Werbung, guter Kontakte und Investitionen: „Es ist schwerer geworden“, meint Stange. Die Zeiten hätten sich geändert, die Menschen würden nicht mehr so leicht Geld auf dem Rummelplatz ausgeben. „Der Job ist unsicher. Es ist jedes Jahr aufs Neue offen, auf wievielen Märkten man ist“, erklärt Stange. In manchen Jahren müsse sie den Gürtel auch mal enger schnallen, im nächsten Jahr laufe es dann wieder besser. Auf staatliche Unterstützung könne sie sich in schlechten Jahren nicht verlassen. Trotzdem mache sie weiter. „Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

Das hier ist mein Leben. Und aufhören werde ich erst, wenn man mich mit den Füßen voran aus dem Wagen tragen muss.“
Der Krammarkt auf dem Festplatz in Stadthagen öffnet heute um 14 Uhr für Besucher.

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