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Auf Kosten der Gesundheit

Thema des Tages Auf Kosten der Gesundheit

Claudia Schlüter vom Rintelner Verein Aktiv-Pro-Gesundheit hat sich anfangs gefragt, ob das wohl etwas nütze, wenn eine Patientin mit Arthritis zweimal die Woche 30 Minuten Funktionstraining vom Arzt verordnet bekommt. Eine Stunde Bewegung pro Woche erschien ihr sehr wenig.

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Wohltat für den Rücken: Massagen mit dem Igelball gehören auch zum Reha-Programm. 

Quelle: tb

Bis ihr der für ihren Verein zuständige Arzt, der Orthopäde Wolfrid Lübke, erklärte, wie es sich mit solchen Verordnungen aus seiner Sicht verhalte: „Wenn ich jemandem Reha-Sport oder Funktionsgymnastik verschreibe, bedeutet das für diese Person, dass sie sich an diesem Tag waschen und anziehen muss. Sie muss den Weg zur Sportgruppe zurücklegen, sich dort wieder umziehen, sich bewegen, wieder anziehen und nach Hause zurückgehen. Das ist dann eine ganzheitliche Aktivierung von bis zu drei Stunden. Und glauben Sie mir, das stellt für viele meiner Patienten eine echte Herausforderung dar. Ganz nebenbei finden dann noch Begegnungen und Gespräche statt. Die sind sowieso für manche alte Menschen die beste Medizin.“Seit 1981 bieten Sportvereine Gesundheitskurse an, die für die Teilnehmer mit fünf Euro pro Übungseinheit von ihren Krankenkassen finanziert werden. Der Bedarf ist da und ständig gewachsen. 2005 gab beispielsweise der Verband der Ersatzkassen 59,5 Millionen Euro für diese Verordnungen aus, und im Jahre 2012 wurde dort die bisher höchste Ausgabe von 170,4 Millionen Euro verzeichnet, wie Robert Nicholls von der VdEK mitteilt. Im Laufe der Jahre hat sich ein System entwickelt, das für eine hohe Qualität der Angebote bürgt. Die Turnverbände der Länder haben Ausbildungsgänge für die Übungsleiter entwickelt, die auf eher grundsätzlichen Modulen aufbauen, und dann viele Möglichkeiten bieten, sich zu spezialisieren.
 Für die Sportvereine sind diese Angebote im Zeitalter des demografischen Wandels und der Zunahme von Ganztagsbeschulung ein wichtiges neues Standbein geworden. Doch geschenkt wird ihnen in diesem Bereich nichts. Übungsleiter müssen gefunden werden, die die zeitaufwendigen Fortbildungen auf sich nehmen. Diese Ausbildungen müssen finanziert werden. Für viele Rehasportgruppen gilt es, spezielle Trainingsgeräte anzuschaffen. Die Palette reicht vom Gymnastikball über Hocker und Stepper bis zu Schwimmnudeln. Jeder Verein muss einen Arzt als Ansprechpartner für die Kursteilnehmer zur Verfügung stellen. Bei den Herz-Sport-Gruppen muss sogar ein Arzt bei jedem Training anwesend sein.
 Finanziell müssen die Vereine in Vorleistung gehen. Hallengebühren, Übungsleiterhonorare, Anschaffungen müssen gezahlt werden und das Geld für den Gesundheitssport kommt erst im Nachhinein in die Vereinskassen. Die SG Hameln 74 hat sich schon vor Jahren aufgemacht, in diese Sparte zu investieren.
 Sparten- und Übungsleiter Jürgen Lilienthal hat sich seither mit viel Engagement, Zeit und Mühe um die Patienten und den Verein verdient gemacht. Die Anfangsinvestitionen lagen im mehrstelligen Tausenderbereich und haben sich erst nach einigen Jahren amortisiert.
 Außer den Investitionen ist es nicht zuletzt auch der bürokratische Aufwand, den die Vereine für den Reha-Sport leisten müssen. Da nur die Übungseinheiten finanziert werden, an denen die Versicherten auch wirklich teilgenommen haben, müssen Unterschriftslisten geführt werden. Bisher konnten die Vereine diese Listen einfach so bei den Kassen einreichen. Die elektronische Eingabe der Daten wurde dann von Kassenseite übernommen. Damit ist mit Beginn des Jahres 2015 jedoch Schluss.
 Für die Sportvereine kommt also Mehrarbeit hinzu. Was die Kassen durch diese Auslagerung einsparen, wollte die VdEK nicht verraten. Vereine, die diese zusätzliche Arbeit nicht leisten können oder wollen, müssen eine prozentuale Bearbeitungsgebühr an die Krankenkassen zahlen. Das aber können sich die Anbieter der Kurse nicht so einfach erlauben, denn die Finanzierung nur bei tatsächlicher Anwesenheit birgt für die Vereine große Unsicherheit.
 Anders als bei den festen Vereinsbeiträgen kann man sich auf diese Einnahmen nicht verlassen. Wenn die Teilnahme an einem Kurs bröckelt, bleiben die Vereine auf ihren Kosten sitzen. Erschwerend kommt beim neuen Verfahren hinzu, dass die Abrechnungssoftware erst wirtschaftlich wird, wenn mindestens 1800 Euro an Teilnehmergebühren zusammengekommen sind. Da kann ein kleiner Verein schon eine Weile drauf warten.
 Rundum zufrieden können Patienten mit dem Angebot der Vereine und der Krankenkassen sein. Für sie sind die Kurse kostenlos. Sie dürfen jeden Arzt um eine Verordnung von Reha-Sport-Maßnahmen bitten. „Sogar Zahnärzte können eine solche Verordnung ausstellen“, erklärt Schlüter. „Wenn sie Patienten haben, die nachts mit den Zähnen knirschen, könnte das durchaus Verspannungen und Probleme in der Halswirbelsäule auslösen. Das wäre dann ein Fall für Gymnastik.“
 Patienten sollten keine Scheu haben, ihren Arzt anzusprechen, erklärt Schlüter, denn Reha-Sport-Verordnungen liefen nicht über das oftmals knappe Budget der Praxen. Ärzte wären zudem oft froh, wenn Patienten selbst Initiative zeigten und begännen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.
 Reha-Sport, der über einen Zeitraum von anderthalb oder drei Jahren verordnet werden kann, dient zur Unterstützung bei chronischen, schweren Erkrankungen oder auch bei Behinderungen. Funktionsgymnastik, meist für ein Jahr verordnet, in Ausnahmefällen auch für zwei, soll bei Problemen und Schmerzen des Bewegungsapparates helfen.
 Die Klientel in den Kursen ist bunt gemischt. Rückenprobleme, Verspannungen, Entzündungen und Gelenkschmerzen sind nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Trotzdem überwiegen die älteren Semester. Man muss sich die nötige Zeit für das Training nehmen, und das fällt Berufstätigen manchmal schwerer. Übrigens wird nicht nur Turnen im Trockenen gefördert, sondern auch die gelenkschonende Variante, die Wassergymnastik. Im Reha-Bereich ist das sportliche Angebot noch breiter gefächert. Es reicht von Bewegungsspielen über Schwimmen, Gymnastik und Leichtathletik bis zum Selbstbewusstseinstraining für behinderte Frauen und Mädchen.
 Eine besondere Sparte des Reha-Sportes ist das Angebot für Kinder. Christel Struckmann leitet seit vielen Jahren in Krankenhagen Kurse für Kinder mit Defiziten im Bewegungsbereich. „Kinder, die zu uns kommen, leiden oft an einem grundsätzlichen Mangel an Bewegungserfahrungen“, erzählt Struckmann. „Und das ist heute wirklich sehr verbreitet. Es fehlt an Gleichgewichtssinn, Koordination, Körperspannung. Wir arbeiten an der Beweglichkeit, an der Kraft und auch am Mut.“
 In den Kinder-Reha-Gruppen zeigen sich die Übungsleiterinnen besonders kreativ. Da werden anregende, fantasievolle Parcours aufgebaut, Turngeräte umgewidmet und zweckentfremdet und es kommt keine Langeweile auf. Der Aufbau kostet viel Zeit, und es gilt auch immer wieder, neue Ideen zu finden. Doch Struckmann und ihre Mitstreiterinnen sind engagiert und von der Wichtigkeit ihrer Arbeit überzeugt. Bei den Kindern ginge es nicht nur um Sportlichkeit. Man wisse doch, wie wichtig Bewegung auch für die Entwicklung des kindlichen Gehirns sei, erläutert Struckmann. Sie könne nur allen Eltern ans Herz legen, ihren Kindern sportliche Aktivitäten zu ermöglichen.
 Nach ihrer Einschätzung von dem Nutzen ihrer Gesundheitskurse gefragt, zeigt sich Claudia Schlüter sehr zufrieden. Sie könne bei ihren Teilnehmern deutliche Fortschritte wahrnehmen. Balance, Beweglichkeit, Ausdauer und Kraft würden verbessert. Viele Kursteilnehmer würden auch bestätigen, dass ihre chronischen Schmerzen nachließen. Gerade in den Reha-Sport-Kursen, die ja über eine längere Zeit liefen, könnten die Teilnehmer die Auswirkung von regelmäßiger Bewegung auf ihr Wohlbefinden erfahren. „Wenn ein Teilnehmer urlaubsbedingt eine Pause gemacht hat, und dann feststellt, dass ihm das Training gefehlt hat und dass er sich mit dem Training wieder deutlich besser fühlt, dann ist das eine gute Motivation zum Weitermachen“, weiß Schlüter zu berichten.
 So ist es zum Beispiel Ursel Becker ergangen. Sie will vom Sport nicht mehr lassen. Schon zum zweiten Mal hat sie eine Verordnung für Reha-Sport bekommen, die sie bei „Aktiv-pro-Gesundheit“ einlöst. „In der Zeit dazwischen habe ich aber auch auf eigene Kosten weitergemacht, weil ich gemerkt habe, wie gut mir das tut. Ich muss fit bleiben für die Enkelkinder. Ich werde noch gebraucht. Ohne meinen Sport klappt das nicht.“
 Wie Ursel Becker bleibt dann auch mancher nach Ablauf der Verordnung aktiv und tritt als Mitglied in den Sportverein ein. So wünschen es sich die Vereine und so erfüllt das Angebot des kostenlosen Gesundheitssportes auch seinen tieferen Zweck: Es stärkt die Eigenverantwortung und dient der Prophylaxe. Es wäre zu wünschen, heißt es vonseiten der Vereine, dass auch die Krankenkassen die Arbeit der Sportvereine in diesem Bereich wertschätzend behandeln und den Kursanbietern keine unnötigen bürokratischen Steine in den Weg legen. Die Kosten für die Reha-Sport-Verordnungen sind in der Ausgabenstatistik der Kassen naturgemäß deutlicher abzulesen als die Einsparungen, die durch mehr Bewegung und Gesundheitsbewusstsein bei den Versicherten stattfinden.
 Dass Reha-Sport langfristig der Gesunderhaltung dient, davon sind Claudia Schlüter und Christel Struckmann fest überzeugt. Und auch ihre Kursteilnehmer bestätigen diesen Eindruck.

von Claudia Masthoff

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