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Auf der Suche nach dem guten Ton

Dem Orgelbauer über die Schulter geschaut Auf der Suche nach dem guten Ton

Sie ist die Königin der Instrumente, doch ihre Blütezeit ist vorbei. Im Barock waren alle wichtigen Musiker jener Epoche vor allem Organisten.

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Uwe Behrens gibt der Orgelpfeife ihren unverwechselbaren Klang.

Quelle: kcg

Prominentestes Beispiel ist Johann Sebastian Bach. Noch heute sind Orgeln aus dem Leben einer Kirchengemeinde nicht wegzudenken, doch oft fristen sie – verschimmelt und verstimmt – ein eher glanzloses Dasein. Orgelbauer Jörg Bente kümmert sich um marode Instrumente und hat in seiner Werkstatt in Helsinghausen schon so manches Schmuckstück aufgemöbelt.

Es riecht nach Holz. Eine Säge kreischt. Irgendwo hämmert jemand rhythmisch auf Metall. Dann verirrt sich ein tiefer warmer Ton in den Raum, als hätte jemand in eine Alt-Flöte geblasen. Die Klangvielfalt in der Werkstatt von Jörg Bente ist so facettenreich wie die seiner Instrumente. Bente ist Orgelbauer. Seit mehr als 20 Jahren repariert, restauriert, stimmt, reinigt und baut der 56-Jährige gemeinsam mit sieben Mitarbeitern in Helsinghausen Orgeln und hat sich durch sein handwerkliches und musikalisches Können in ganz Norddeutschland einen Namen gemacht.

Spricht er über seinen Beruf, kommt Bente ins Schwärmen. Jeder Schritt im Orgelbau sei Handarbeit, nichts könne automatisiert gefertigt werden, erklärt er. Und jede Orgel sei einzigartig, ein Unikat. „Das ist der Unterschied zum Bau anderer Instrumente.“ Baue man ein Klavier, würden sich viele Arbeitsschritte wiederholen, „wie bei VW am Band“. Im Orgelbau hingegen müsse er sich für jedes Instrument auf andere Problemstellungen, auf unterschiedliche räumliche, stilistische und klangliche Gegebenheiten einstellen. „Manchmal hat man in einer Kirche nur eine sehr kleine Grundfläche und muss sehen, wie man da alles drauf bekommt. Mit viel Raum und Höhe kann man dann wieder ganz anders arbeiten. Das ist es, was den Beruf so vielfältig und interessant macht.“

Zahlreiche Pfeifen aus Holz und Metall werden aktuell in der Orgelbau-Werkstatt gereinigt und klanglich neu eingestellt. Sie stammen aus der Kirche in Bokeloh, die kleinste misst nur wenige Zentimeter, die größte mehrere Meter. 13 Register sind es insgesamt. Dazu kommt die komplexe Technik aus Tasten, Ventilen und den filigranen Metallverbindungen zwischen beidem, die die Pfeifen mit Wind versorgt. Register? Wind?

„Eine Orgel ist ein Blasinstrument und braucht Wind, um zu klingen. Im Prinzip kann man sie sich vorstellen wie eine Blockflöte“, erklärt der Fachmann. Aber während man bei der Flöte die Möglichkeit hat, durch das Abdecken der einzelnen Löcher unterschiedliche Töne zu erzeugen, braucht man bei der Orgel für jede Tonhöhe eine einzelne Pfeife. Um alle Tonhöhen und Klangfarben zu ermöglichen, hat eine Orgel eine Vielzahl von Pfeifen unterschiedlicher Größe und Bauart. Pfeifen einer Klangfarbe – von der größten bis zur kleinsten – werden in Registern zusammengefasst. Im Durchschnitt sind es 56 Pfeifen in einer Reihe. Über Tasten und Pedale kann der Organist dann den elektrisch im großen Blasebalg erzeugten Wind so lenken, dass bestimmte Pfeifen erklingen.

„Wie viele Register eine Orgel hat, ist ganz unterschiedlich“, sagt Bente. Es gebe kleine Orgeln mit nur drei Registern und sehr große mit 100 Registern. „Sie zu spielen, ist eine echte Herausforderung für den Organisten.“

43 Register hatte die größte Orgel, die von Bente und seinem Team restauriert wurde. „Das war für uns schon eine große Nummer“, erinnert sich der Orgelbaumeister an seine Arbeit mit dem Instrument aus der Alfelder St.-Nicolaikirche, das Pfingsten eingeweiht wurde. Fast zwei Jahre wurde in der Werkstatt die Technik erneuert, Register repariert und neu gebaut. Das Ziel: Keiner der Kirchgänger soll hören, dass im Bauch der Orgel alte und neue Bauteile zusammenwirken. Das Geheimnis dieser Kunst liegt in der Intonation, der Klanggebung, also in jenem Arbeitsschritt, der der Orgel ihr klangliches Gepräge, ihre unverwechselbare Stimme verleiht.

Dabei bearbeiten Bente und sein Kollege Uwe Behrens das sogenannte Labium einer Pfeife – ihre schlitzförmige Öffnung – mit Spezialwerkzeugen. Schon kleine Veränderungen oder Schnitte haben großen Einfluss auf den Klang, lassen ihn – statt scharf und hell – weich und voll ertönen. „Das ist eine sehr aufwendige und zeitintensive Arbeit, die ein gutes Gehör erfordert.“ Und viel Erfahrung. Schließlich kann kein Messgerät die Schönheit eines Klanges beurteilen.

Der künstlerische Aspekt des Orgelbaus ist anstrengend. „Nach zehn bis zwölf Stunden in der Kirche ist man ganz schön ausgelaugt“, schildert Bente. Und dennoch: Die Intonation gehört für ihn zu den faszinierendsten Facetten seiner Arbeit.

Bente hat in seiner Laufbahn am Klang vieler Orgeln getüftelt, war mit seinen Mitarbeitern von Hamburg bis Kassel und von Dortmund bis Berlin tätig. Auch zahlreiche Orgeln in der Region – in Bad Nenndorf, Wunstorf, Neustadt und Hannover – wurden in Helsinghausen sorgfältig gepflegt und erneuert.

Dem Experten fällt immer wieder auf: Viele Instrumente schimmeln. „Was vor 20 Jahren noch kein Thema war, ist heute ein großes Problem und nimmt immer mehr zu.“ Einen einzigen Grund gebe es nicht, generell sei aber die Klimaänderung mit feuchten Sommern und milden Wintern problematisch. Und das geänderte Heizverhalten in den Kirchen. „In den Siebzigern und Achtzigern wurde viel geheizt, weil es nicht viel kostete. Heute achten die Gemeinden darauf, möglichst wenig zu heizen.“ All das seien perfekte Bedingungen für Schimmelpilze, die den Orgelpfeifen extrem schaden. Ihre Reinigung und Aufarbeitung sei entsprechend aufwendig.

Seine Liebe zum Orgelbau hat der vierfache Familienvater gleich nach dem Abitur während eines Praktikums entdeckt. Nach Stationen in Gießen und Hannover machte er sich vor mehr als 20 Jahren selbstständig und gründete seine Werkstatt in einem alten Kuhstall an der Helsinghäuser Hauptstraße. Durchschnittlich ein Jahr benötigen Bente und seine Mitarbeiter für eine Orgel, seine Auftraggeber sind meist Kirchengemeinden, aber auch Privatpersonen. Und wie viel kostet eine Orgel? „Man rechnet etwa 15 000 bis 20 000 Euro pro Register“, sagt der Fachmann und fügt hinzu: „Das hört sich erst mal viel an, aber wenn man bedenkt, wie viele Leute daran handwerklich und künstlerisch arbeiten, ist der Preis vergleichsweise gering.“ Schließlich sei jede Orgel ein Unikat. Und könne Jahrzehnte schadlos überstehen.

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