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Auf ins Mittelalter

Thema des Tages Auf ins Mittelalter

„Zeitreisen“ liegen im Trend. Unzählige Computerspiele entwerfen mittelalterliche Welten, in denen man mit Schwert und Bogen kämpft und mit den fahrenden Händlern am Markt handelt. Tausende Besucher strömen jedes Jahr zu den Mittelalter-Spektakeln nach Bückeburg und Remeringhausen. Wie aber kämen wohl Neuzeitmenschen klar, wenn sie tatsächlich ins Mittelalter zurückversetzt würden? Eine Zeitreise.

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Quelle: Archiv

Thema des Tages. Auch etliche Touristen in Stadthagen, Rinteln, Bückeburg und Hameln lassen sich mitnehmen auf Zeitreisen, wenn sie auf Rundgängen mit Nachtwächter und Rattenfänger die historischen Altstädte erkunden. Würde man aber tatsächlich per Zeitmaschine in eine Zeit, sagen wir, zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert katapultiert, es wäre vermutlich eine Art Selbstmordkommando.

Das jedenfalls meint die Rintelner Stadtführerin und Theologin Karin Gerhardt, die sich seit Jahren mit dem Leben im Mittelalter beschäftigt. „Ich denke, man wäre nach kürzester Zeit entweder gesundheitlich am Ende oder sogar einfach totgeschlagen“, meint sie.

„Man käme ja als vollkommen Fremder dort an, als jemand, der weder dem Alltag angepasst ist, noch sonst in irgendeine Kategorie der ständischen Gesellschaft passt. In den Augen der Leute wäre man eine Art Marsmännchen. Und was würde man wohl hier und jetzt mit einem Alien machen? Nichts Gutes jedenfalls.“

Sie glaubt, dass ein modern gekleideter Mensch, mit seinem für die Leute unverständlichen heutigen Deutsch und unvertraut mit den Umgangsregeln vor Ort ganz einfach vogelfrei wäre, ein rechtloses Opfer für Gauner oder für eine aufgewühlte Menschenmenge.

Hamelns Rattenfänger-Darsteller Claus Lindner wäre da nicht ganz so pessimistisch. Mit seiner Kutte, den langen Haaren und der Rattenfängerflöte im Gepäck sähe er eine Chance, sich zum fahrenden Volk zu gesellen und damit als einer der durchreisenden Fremden zu gelten, wie sie damals über Land zogen und mit allerlei Gaukelei zu überleben versuchten. „Auf jeden Fall würde mich so ein Versuch reizen. Es hätte was, sich in eine mittelalterliche Gesellschaft einfügen zu können“, meint Lindner.

Was er mit dem Mittelalter verbindet? „Die Vorstellung, in einer viel konkreteren Welt zu sein, ohne unsichtbare Gefahren wie Atomkraft und Banken, eine Welt im Hier und Jetzt, wo zählt, wie ich mich als Einzelner und als ‚ganzer Mann‘ durchschlagen kann.“

Lindner lacht, weil er weiß, dass auch das nur eine Phantasie ist. In einer Gesellschaft, in der jeder seinen von Gott bestimmten Ort zugewiesen bekommt, als Bauer und Leibeigener, als Tagelöhner, Handwerker, Gaukler, Kirchenmann oder Fürst, hätte er wohl kaum eine Chance, großartig zu beweisen, was in ihm als Individuum steckt.

Keine Frage: Es wäre eine große Herausforderung, im mittelalterlichen Alltag zu überleben. Denn was auf Mittelalter-Festivals wie in Hameln und Remeringhausen mit seinen bunt kostümierten Darstellern reizvoll, ja romantisch wirkt, sah in Wirklichkeit ganz anders aus. Ein moderner Zeitreisender wäre geschockt von den hygienischen Verhältnissen in der Stadt und würde an ihnen vielleicht sogar zugrundegehen.

„Im Handumdrehen hätte man lauter Ungeziefer am Leib“, meint Stadtführerin Gerhardt. „Läuse, Flöhe und die grausigen Bettwanzen, die man sich auf pieksenden Strohsäcken in den Herbergen einfängt, wo man gewiss kein Einzelzimmer, auch kein Bett für sich allein bekäme, sondern in schmuddeligen Massenunterkünften dicht an dicht schlafen müsste.“ Der Dreck überall – es stimmt ja wirklich, dass die Nachttöpfe und aller Hausmüll meistens direkt auf der Gasse entsorgt wurden – der Gestank, die verräucherten kleinen Räume mit ihren Herdstellen ohne Abzug, und immer sind überall dicht gedrängt die Menschen, auch die ansteckenden Kranken, damit wäre zumindest sie als Zeitreisende eindeutig überfordert, erklärt die Theologin.

Und dann das Essen. „Auch heute besteht für Reisende nach Afrika oder Asien die große Gefahr, sich über das Essen mit Krankheiten zu infizieren oder es eben einfach nicht zu vertragen“, sagt Gerhardt. „Im Mittelalter gab es keine Kühlsysteme, die Menschen waren daran gewöhnt, auch verdorbene Dinge zu essen, deren Verzehr einen Zeitreisenden zu Boden werfen würde.“ 

Abgesehen davon habe sich die einfache Bevölkerung überwiegend von einem dicken, geschmacklosen Getreidebrei ernährt, den man heute kaum herunterwürgen könnte. Wenn es überhaupt Fleisch für die einfachen Leute gab, dann Innereien oder unglaublich salzige Heringe. „Und das Wasser zu trinken, aus Brunnen, die von den Kloaken der Stadt verseucht sind, das wäre von vornherein lebensgefährliche“.

Man müsste also, das meint auch Rattenfänger-Darsteller Lindner, wenigstens ein paar Medikamente mitnehmen können – Desinfektionsmittel, Antibiotika, Salben, um die erste Zeit zu überstehen. „Aber vielleicht würde man sich doch schneller als man meint, an die Umstände gewöhnen?“

Er habe mal, erzählt Lindner, an einem längeren Rollenspiel im Wald teilgenommen und sich erstaunlich schnell mit Mücken- und Zeckenstichen abgefunden, auch damit, dass man ein Teil des Drecks werde, Erde, Laub, Schmutz, na und? „Wir sind heute so domestiziert und schrecken vor jeder Unsauberkeit zurück. Ja, die Menschen im Mittelalter entsorgen auch ihren Kot oft auf der Straße.

Unser Kot heute ist durch die Art unserer Ernährung und der Medikamente so giftig, dass wir ihn als Sondermüll entsorgen müssen.“

Für Gerhardt ist es ohnehin fraglich, dass ein Zeitreisender überhaupt so lange überleben würde, dass er in den Genuss von Essen, Trinken und einer Schlafstelle käme. „Das Mittelalter war eine harte, eine brutale Zeit. Alles Fremde wurde als Bedrohung empfunden, alles eben, was sich nicht auf seinem zugewiesenen Platz befand. Eine Zeitreise ins Mittelalter würde ungefähr so gefährlich sein, wie sich als moderner Europäer in das Gebiet des Islamischen Staates aufzumachen.“

Man müsste schnellstens einen Gönner finden oder in irgendeiner Weise seiner Umgebung Ehrfurcht und Respekt einflößen. „Als einzelner normaler Mensch hätte man keine Überlebenschance.“

Aber wären die Menschen denn nicht auch neugierig auf den Zeitreisenden und was er zu sagen hätte? Die Stadtführerin winkt da nur müde ab. „Neugier? Was wohl erwarten Menschen, deren eigene Existenz ständig gefährdet ist, von etwas Unbekanntem? Ich glaube kaum, dass der Zeitreisende eine Stimmung verbreiten kann, in der unbefangene Neugier in Bezug auf seine befremdliche Erscheinung entstehen würde.“ Darüber hinaus sollte man bedenken, dass auch in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft das Fremde immer einen schweren Stand habe.

„Warum wohl gibt es Pegida? Warum schotten wir unsere Gesellschaften gegenüber Flüchtlingen ab? Warum haben es Immigranten fast nirgends leicht? Weil auch wir uns nur selten Gutes vom Fremden erwarten.“
 

Und trotzdem. Wenn es tatsächlich gelänge, eine Tür aufzustoßen ins Mittelalter, die sich nicht gleich wieder schließen würde, „das hätte wohl doch etwas Beglückendes“, ist sich Gerhardt sicher.

Lindner sieht das ähnlich: „Es war ja nicht nur eine dunkle Zeit, sondern auch eine Zeit des Aufbruchs in der Musik, im Handwerk, die ersten Universitäten wurden gegründet“, sagt er. „Ich weiß nicht, aber wenn ich den Dudelsack höre und den Trommelschlag dazu, dann entsteht manchmal so ein Sehnsuchtsgefühl.

Als könne es etwas haben, sein eigenes Werkzeug zu schmieden, mit dem Degen in der Hand zu kämpfen und abends am Lagerfeuer zu tanzen und zu singen.

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