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Bis sich der Rücken krümmt

Morbus Bechterew Bis sich der Rücken krümmt

Es fängt mit einem brennenden Schmerz im Rücken am Morgen an, die Bewegung fällt schwer, im Laufe des Tages mag sich der Zustand vielleicht wieder bessern. „Wenn Schmerzen dieser Art länger als drei Monate anhalten, ist es höchste Zeit für einen Arztbesuch“, rät Hans-Joachim Driels vom Landesvorstand der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB).

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Die Entzündung der Wirbelsäule wird durch ein MRT sichtbar

Quelle: dpa

Thema des Tages. Denn obwohl die Krankheit kaum bekannt ist und oft fehldiagnostiziert wird, ist Morbus Bechterew (MB) nach Worten von Driels eine wahrscheinliche Ursache für Rückenschmerzen dieser Art. Sie ist die zweithäufigste entzündliche Skelettkrankheit nach dem Gelenkrheuma. MB verlaufe in Schüben, wirke sich von Patient zu Patient sehr unterschiedlich aus und könne unbehandelt zur Versteifung der Brust- und Lendenwirbelsäule sowie der Kreuz-Darmbeingelenke führen. In der Fachsprache auch „Spondylitis ankylosans“ genannt, bekam die Krankheit ihren gebräuchlichen Namen nach ihrem Entdecker Wladimir Bechterew, einem russischen Arzt, der sie erstmals 1893 vollständig beschrieben hatte.

Richtige Diagnose über 20 Jahre später

Der Bad Nenndorfer Driels ist selbst nicht betroffen, kam aber über die Erkrankung seiner Frau mit dem Phänomen in Berührung. „Bei mir ging es mit Anfang 30 mit den Rückenschmerzen los. Die richtige Diagnose habe ich aber erst mit 54 bekommen“, erinnert sich Eike Driels – keine ungewöhnliche Erfahrung für MB-Patienten. Ihr Anteil an der Bundesbevölkerung wird auf knapp zwei Prozent geschätzt. „Laienhafte Experten“ nennen sie sich gerne selbst, denn notgedrungen wissen sie über ihre Krankheit mitunter mehr, als mancher Orthopäde.

Auch Eike Driels musste sich bis zur korrekten Diagnose einiges von Medizinern anhören: „Ich schilderte einem Arzt einmal, dass der Schmerz wechselnd auf beiden Seiten meines Rückens auftritt. ‚Jetzt entscheiden sie sich mal für eine Seite‘ bekam ich als Antwort.“ Andere hielten den Ischias-Nerv für die Ursache oder meinten, der Schmerz sei psychosomatisch bedingt. Noch vor 15 Jahren bekam sie während einer Kur den Befund: „Sie haben kein Morbus Bechterew.“

Ursachen in der Vererbung

Tatsächlich sind die Ursachen in der Vererbung zu suchen. Im Fall von Eike Driels war es die mütterliche Linie, die das verhängnisvolle Erbgut in sich barg. 90 Prozent der Patienten tragen das HLA-B27-Gen in sich, neun Prozent der Gesamtbevölkerung ebenso. In den Zwanzigern kann die Krankheit ausbrechen, wird meist aber erst ab 30 Jahren diagnostiziert. Die zuverlässigste Methode ist die Magnetresonanztomographie (MRT), um die Entzündung der Wirbelsäule sichtbar zu machen.

Heilbar ist MB nicht – mit Medikamenten, täglicher Gymnastik und der richtigen Ernährung aber in den Griff zu bekommen. Der Schmerz verschwindet zwar an den Partien der Wirbelsäule, die verknöchern, der Oberkörper wird dadurch aber immer unbeweglicher. Eine dauerhaft gekrümmte Wirbelsäule ist charakteristisch für die unbehandelte Krankheit im fortgeschrittenen Stadium.

Das Ehepaar Driels rückt dem Problem offensiv zu Leibe. Im Januar 1994 gründeten sie in Bad Nenndorf eine Ortsgruppe der DVMB mit vier weiteren Betroffenen und 200 Mark Zuschuss vom Verband. Mittlerweile ist die Gruppe auf 30 aktive Mitglieder angewachsen, 50 Gruppen gibt es landesweit.

Netzwerk für "junge Bechtis"

Für jüngere Erkrankte sei es nicht mehr unbedingt selbstverständlich, Hilfe unter Leidensgenossen zu suchen, auch wenn es bundesweit innerhalb des Verbandes das Netzwerk der „jungen Bechtis“ gibt. „Bekommt ein Mensch mit Anfang 20 die Diagnose, holt er sich die meisten Informationen aus dem Internet. Die ersten Fragen drehen sich um Angst vor dem Verlust von Lebensqualität, vor einem frühen Tod oder der Möglichkeit, nie Kinder bekommen zu können“, weiß Eike Driels.

Gerade Berufstätige suchen eher den Weg ins Fitness-Studio als an den Gymnastik-Treffen der MB-Gruppe teilzunehmen. Auch das Stigma der „Selbsthilfegruppe“ sei für einige Betroffene abschreckend.

Heilschlamm hilft gegen die Beschwerden

„Dabei ist es durchaus wichtig, sich gegenseitig zu motivieren, den inneren Schweinehund zu überwinden, um mindestens zehn Minuten die nötigen täglichen Übungen zu machen“, ist Driels‘ Erfahrung. Die einstige Kurhochburg Bad Nenndorf sei nach der Schließung vieler Rheumakliniken und Bäder nicht mehr unbedingt die erste Adresse, um MB beizukommen. Der hiesige Heilschlamm mit seinem Schwefel- und Mineralgehalt helfe allerdings tatsächlich, die Beschwerden zu lindern.

Auch die Verbandsarbeit könnte sich künftig verlagern. „Für drei weitere Jahre kann ich mir noch vorstellen, den Vorsitz weiter zu führen, danach würde ich gerne einem Nachfolger Platz machen“, kündigt Hans-Joachim Driels an.

Betroffene und Interessenten können sich unter Telefon (05723) 82386 oder per E-Mail, tg-bad-nenndorf@dvmb-nds.de, an die Gruppe wenden. geb

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